So ganz ohne Überhöhung geht es nie bei Mel Gibson. Seine Regiefilme handeln nicht nur stets von Helden, ihnen haftet immer gleich etwas Mythisches an. Ob in „Braveheart“, wo er sich noch selbst als mittelalterlicher Schotte foltern und strecken ließ und dennoch bis zuletzt „Freiheit“ schrie, oder in „Apocalypto“, wo ein junger Maya durch alle Höllen der Blutopfer gehen musste. Es war in diesem Sinn geradezu logisch, dass Gibson „Die Passion Christi“ inszenierte. Auch in seinem jüngsten Werk „Hacksaw Ridge“ wird der jugendliche Held am Ende fast buchstäblich in den Himmel gehoben.

Und doch ist Gibsons Regie-Werk Nr. 6, das erste seit zehn Jahren, ein furioses Comeback, in dem überraschend pazifistische Töne angeschlagen werden. Das war nicht unbedingt zu erwarten gewesen, hatte Mel Gibson zuletzt doch überwiegend negativ von sich reden gemacht, mit antisemitischen Äußerungen, rassistischen Sprüchen und Alkoholeskapaden. Als ernst zu nehmenden Filmemacher hat er sich damit eigentlich diskreditiert. Doch nun beweist er, dass man ihn doch zu früh abgeschrieben hat. Bei den Oscar-Nominierungen am Dienstag wurde „Hacksaw Ridge“ gleich sechs Mal aufgelistet.

Von seinen Kameraden wird Doss drangsaliert
Von seinen Kameraden wird Doss drangsaliert © Universal Pictures

Es ist eine Kriegs- und Heldengeschichte, aber, das macht den Film so außergewöhnlich, der Heroe ist einer, der den Dienst an der Waffe abgelehnt hat. Es ist die wahre Geschichte von Desmond Doss, der sich nicht als Kriegsdienstverweigerer verstand, sondern als „Mitarbeiter mit Gewissen“.

Dass er nicht töten, ja nicht einmal eine Waffe in die Hand nehmen wollte, hatte damit zu tun, dass er Angehöriger einer Freikirche war. Aber, das zeigt der Film recht ausführlich, auch mit zwei frühen traumatischen Erfahrungen: Als Kind hätte er im Spiel beinahe seinen Bruder erschlagen, später um ein Haar seinen Vater angeschossen, als der die Mutter zum wiederholten Male verprügelte. Dass er sich dennoch für den Krieg rekrutieren lässt, zieht erst mal den Spott und Hass seiner Kameraden auf sich. Schon die Ausbildung wird zur Passionsgeschichte.

Regisseur Mel Gibson bei den Dreharbeiten
Regisseur Mel Gibson bei den Dreharbeiten © Universal Pictures

Dann aber, als seine Einheit auf Okinawa einen Steilhang bezwingen soll – den titelgebenden Hacksaw Ridge, der von den Japanern verbissen verteidigt wird –, wächst Doss über sich selbst hinaus. Er rettet einem Kameraden das Leben, indem er ihn zurück zur Steilwand schleppt und an einem Seil herablässt. Dann läuft er zurück ins Feld, rettet noch einen und noch einen. Und gebraucht nun doch ein Gewehr, zwei sogar – um sie zur Trage umzufunktionieren. 75 Menschen soll er so gerettet haben. Dafür wurde Doss als erstem Kriegsdienstverweigerer die amerikanische Tapferkeitsmedaille verliehen.

Es spricht für Desmond Doss, dass er seine Geschichte lange nicht erzählen wollte. Dafür war er zu bescheiden, die wahren Helden, meinte er immer, seien die gewesen, die in der Schlacht gekämpft haben. Nun freilich, elf Jahre nach seinem Tod, hat Gibson seine Geschichte doch so verfilmt, dass er geradezu zum Superhelden verklärt wird.

Andrew Garfield bei der Filmpremiere in Venedig
Andrew Garfield bei der Filmpremiere in Venedig © dpa | Claudio Onorati

Schonungslos wie seit Spielbergs „Soldat James Ryan“ nicht mehr wird der ganze grausame Schrecken des Krieges in Szene gesetzt. Das ist jenseits von ­allem Schlachtenpathos, wie da Gedärme spritzen und Leiber zerreißen. Dafür muss man starke Nerven haben. Mit Andrew Garfield hat Gibson überdies einen Hauptdarsteller, der zwar mit „The Amazing Spider-Man“ auch schon einen Comic-Superhelden verkörpert hat, aber auch im Dramatischen überzeugt und hier dankenswert zurückhaltend agiert.

Und doch kann Mel Gibson es sich nicht verkneifen, ab und an etwas dick aufzutragen, um seinen Helden zum Märtyrer zu stilisieren, eine Quasi-Kreuzigung inbegriffen. Am Ende ist „Hacksaw Ridge“ dann doch nur so etwas wie „Braveheart“ im Zweiten Weltkrieg. Was seine pazifistische Grundbotschaft ein wenig unterminiert.