Der traut sich was, der Chris Kraus. „Die Blumen von gestern“ ist eine Screwball-Komödie über Holocaust-Forscher. Und damit eigentlich von vornherein ein Tabubruch, denn wenn es ein Thema gibt, über das man in Deutschland gefälligst nicht lachen darf, dann ist es der Völkermord an den Juden. Kraus aber will mit seinem Film vorsätzlich ein Fenster aufreißen, um Licht und Luft hereinzulassen. Und erreicht mit seiner Respektlosigkeit in der Tat weit mehr als all die allzu gewissenhaften und darum oft verkrampften Aufarbeitungsfilme des deutschen Films.

Gleich zu Beginn prügelt Totila Blumen (Lars Eidinger) im Institut auf seinen Kollegen Balthasar Thomas (Jan-Josef Liefers) ein, weil der ihm die Leitung bei einem anstehenden Holocaust-Kongress streitig macht. Dem wird dabei so hart zugesetzt, dass Jan-Josef Liefers eine Weile mit groteskem Gesichtsstützkorsett herumlaufen muss und wegen einer Gebissschiene über weite Strecken des Films kaum zu verstehen ist.

Sie streiten nicht nur, sie prügeln sich auch: Lars Eidinger und Jan-Josef Liefers
Sie streiten nicht nur, sie prügeln sich auch: Lars Eidinger und Jan-Josef Liefers © Edith Held / Four Minutes Filmproduktion | Edith Held / Four Minutes Filmproduktion

Der unzähmbare Totila hat sich damit endgültig diskreditiert und wird dazu degradiert, sich um eine neue Praktikantin zu kümmern, die aus Frankreich anreist. Schon bald findet er heraus, dass diese Zazie Lindeau (Adèle Haenel) ausgerechnet mit Thomas eine Affäre hat. Totila und Zazie sind sich aber auch sonst spinnefeind. Und es macht die Sache nicht leichter, dass die Französin mindestens so gestört ist wie Totila und wie er nicht nur verbal auszuteilen weiß. Aber schon bald wird aus den beiden – das kann man wohl schon jetzt prophezeien – das schrägste Liebespaar des Kinojahres.

Hier wird nicht nur beherzt darum gestritten, wie man Holocaust-Überlebende in einen Kongress kriegt, bei dem sie gar nicht teilnehmen wollen, und ob man einen milliardenschweren Automobilkonzern als Sponsor gewinnen muss, obwohl dem eine deutliche Mitschuld in der NS-Zeit anhaftet. Nein, bald wird klar, dass die ungleichen Forscher mehr verbindet als gedacht.

Blumen entfremdet sich zunehmend von seiner Frau (Hannah Herzsprung)
Blumen entfremdet sich zunehmend von seiner Frau (Hannah Herzsprung) © Edith Held / Four Minutes Filmproduktion | Edith Held / Four Minutes Filmproduktion

Der cholerische Mann nämlich ist der Enkel eines Nazi-Täters, die neurotische Frau Enkelin eines Holocaust-Opfers. Er hat ein Buch über die Schuld seiner Familie geschrieben, sie will ihn deshalb von Anfang an kennenlernen. Weil sein Großvater und ihre Großmutter zusammen die Schulbank in Riga gedrückt haben. Und weil sie wissen will, was sich die Enkelgeneration zu sagen hat.

Hier sitzt jede Pointe – und tut doch auch jedes Mal weh. Kraus („Vier Minuten“) ist eine „Komödie über Wunden und ihre Herkunft“ gelungen. Ohne die Schrecken des Holocaust und die Traumata, die bis in die Gegenwart wirken, je zu verharmlosen. Der schmale Grat ist ihm schon in seinem Drehbuch gelungen. Als zusätzliches Pfund aber hat er zwei Darsteller, die einen nicht nur im übertragenen Sinn umhauen.

Die Filmpremiere in Berlin mit Eidinger, Haenel, Herzsprung und Liefers (v.l.)
Die Filmpremiere in Berlin mit Eidinger, Haenel, Herzsprung und Liefers (v.l.) © picture alliance / Karl Schöndor/picture alliance | Karl Schöndorfer

Lars Eidinger spielt ja sonst in Filmen eher verhalten und verinnerlicht, bricht hier aber so eruptiv aus sich heraus, wie man das in der Berliner Schaubühne immer wieder erleben darf. Dazu bedurfte es einer Partnerin, die ihm in dieser Wucht Paroli bieten kann. Sie hat Kraus in Adèle Haenel gefunden, die in Frankreich gerade der Shooting Star schlechthin ist und mit diesem Film ihren Einstand in den deutschen Film gibt.

Natürlich kann man sich streiten, ob der eine oder andere Gag nicht übers Ziel hinausschießt. Aber damit provoziert Kraus die Reflexion über die Vergangenheit ja immer gleich mit. Seine „Blumen von gestern“ sind ein ziemlich mutiger und ziemlich komischer Film. Auch wenn einem das Lachen dabei immer wieder im Halse stecken bleibt.