Leb deinen Traum. Es ist das große Glücksversprechen der Neuen Welt. Und nicht zufällig das häufigste, das ewige Thema von Hollywood, das ja nicht umsonst Traumfabrik genannt wird. Aber schon lange nicht mehr wurde dieses Versprechen so schwerelos und schwelgerisch, so traumtänzerisch in Szene gesetzt wie in „La La Land“, der gerade bei den Golden Globes Rekorde brach und nun auch als großer Oscar-Favorit gilt.

Doch nicht das allein macht Damien Chazelles Film, der am Donnerstag in unsere Kinos kommt, aus. Der junge Filmemacher hat sein Musical just dahin verortet, wo die Traumfabrik ihren Sitz hat. Und macht damit Hollywood, also Los Angeles – kurz L.A. oder das, was manche etwas abschätzig als „La La Land“ belächeln – selbst zum Thema seines Films.

Hommage an längst vergangene Hollywood-Zeiten

Wir begegnen der vibrierenden Stadt gleich in einer furiosen Einleitung. Auf dem Freeway freilich. Im Stau. Wo erst mal nichts mehr geht. Aber plötzlich hören die Autofahrer auf, nervös auf ihren Lenkrädern zu klopfen. Sie reißen die Türen auf, sie springen heraus, beginnen zu tänzeln und auf die Dächer zu hüpfen.

Lkw-Türen öffnen sich plötzlich und geben Musiker samt ihren Instrumenten frei. Eine herrliche, mitreißende Sequenz, die den Ton und die Grundhaltung vorgibt für diesen Film, der beides zugleich sein will: eine Hommage an die alten Musicalfilme aus Hollywoods goldener Ära. Und zugleich eine Revision, ob sie in der heutigen Zeit noch Bestand haben.

Tanz auf Autodächern: Die fulminante Eröffnungssequenz
Tanz auf Autodächern: Die fulminante Eröffnungssequenz © Presse@studiocanal.de | Presse@studiocanal.de

Es ist im Grunde die simpelste aller Geschichten: Boy meets Girl. Und dass sich die beiden erst mal von Herzen unsympathisch sind, gehört eigentlich auch schon fest zum Klischee. Sie begegnen sich erstmals in diesem Stau und werden sich dann immer wieder begegnen. Aber den anderen immer als Störung begreifen.

Sie, das ist Mia, hinreißend gespielt von Emma Stone. Eine junge Frau, die im Coffeeshop eines Filmstudios jobbt, aber selbst von einer Karriere als Schauspielerin träumt. Und sich von Vorsprechen zu Vorsprechen hangelt, auch wenn die immer demotivierender, immer demütigender werden. Es scheint, als ob ihre größte Nähe zum Film eben darin bestehen soll, einem Star in der Drehpause den Cappuccino zu schäumen.

Jedem eine eigene Farbe: Mia (Emma Stone) mit ihren Mitbewohnerinnen
Jedem eine eigene Farbe: Mia (Emma Stone) mit ihren Mitbewohnerinnen © Studiocanal | Studiocanal

Er, das ist Sebastian, dem Ryan Gosling seinen unvergleichlichen Charme verleiht. Ein passionierter Pianist, der davon träumt, einen eigenen Jazzklub zu betreiben. Aber in Restaurants Hintergrundmusik auf dem Klavier klimpern und auf Partys monotone Pophits nachspielen muss.

Bis eine seiner Melodien sich in Mias Ohr verfängt. Das ist einer dieser Momente, die eigentlich gar nicht zu beschreiben sind, eben ganz sinnliches, magisches Kino. Wie sich erst mal die Ohren spitzen, bevor man auch ein Auge aufeinander wirft. Bis die beiden schließlich das erste Mal auf einer eigentlich recht trostlosen Straße, die Glitzerstadt immerhin im Hintergrund, singend und tanzend zueinanderfinden. Mit dem Song „City of Stars“, der schon lange vor Filmstart millionenfach auf Youtube abgerufen worden ist.

Sebastian (Ryan Gosling) träumt von einem eigenen Jazzclub
Sebastian (Ryan Gosling) träumt von einem eigenen Jazzclub © SND | SND

Leb deinen Traum. Das ist gar nicht so einfach, wenn man selbst voller Zweifel steckt und diese vom Rest der Welt noch bestärkt werden. Aber nun sind es das Girl und der Boy, die sich gegenseitig darin bestärken, an ihr Talent zu glauben und konsequent ihren Weg weiterzugehen, auch wenn man sich selbst schon mit Kompromissen abgefunden hat oder die Karriere in die Tonne treten will. Leb deinen Traum. Das kann aber auch bedeuten, dass man ihn am Ende zwar erreicht, weil der Partner einem beigestanden hat. Dass der aber nicht mehr Teil davon ist.

Leb deinen Traum. Das bezieht sich auch auf den erst 31-jährigen Regisseur. Chazelle hat mit „Whiplash“ schon vor zwei Jahren einen grandiosen Musikfilm hingelegt, in dem J.K. Simmons als Lehrer erbarmungslos einen jungen Schlagzeuger triezte. Doch bereits sein Uni-Abschlussfilm „Guy and Madeline on a Park Bench“ war 2009 eine mit geringsten Mitteln gedrehte Verbeugung vor alten MGM-Musicals. Seit damals wollte er ihnen noch einmal mit üppigen Sets, satten Farben und Cinemascope huldigen. Was ihm der Erfolg und Oscar-Segen von „Whiplash“ schließlich auch ermöglichte.

Wie immer entstand der Film in enger Zusammenarbeit mit dem Komponisten Justin Hurwitz, einem Kumpel noch aus Uni-Zeiten. Und mit Emma Stone und Ryan Gosling fand Chazelle zwei Stars voller Aura, die durch die Filme „Crazy, Stupid, Love“ und „Gangster Squad“ schon aufeinander eingespielt sind und nun an die ganz großen Traumpaare des Kinos erinnern.

Regisseur Damien Chazelle mit seinem Globe
Regisseur Damien Chazelle mit seinem Globe © Getty Images | Handout

„La La Land“ ist zwar kein Musical im klassischen Sinn, dafür wird zu wenig gesungen, dafür bleiben die wenigen Melodien auch nicht lang genug haften. Aber die Stars singen und tanzen mit viel Elan. Und immer wieder enthebt der Film seine Protagonisten (und ddie Zuschauer) vom Boden des schnöden Alltags und lässt sie schweben. In den Filmstudios. Auch im Kino, in dem man sich abends trifft. Und schließlich ganz buchstäblich, ein Besuch in einem Planetarium macht’s möglich, in den bis so viel besungenen Sternenhimmel.

Leb deinen Traum. Gerade in krisengeschüttelten Zeiten wie diesen hat solch ein Filmmärchen, das einen für kurze Zeit die eigenen Sorgen vergessen lässt und an eigene, frühere Träume erinnert, kathartischen Charakter. Auch das erklärt wohl den sensationellen Erfolg dieses Films, der sich überdies am Schluss eine fantastische Volte erlaubt, wenn sich das Leben der Figuren im Schnelldurchlauf noch einmal ganz anders abspult. Eine Sequenz, die allein Filmgeschichte schreiben könnte.

Vielleicht wird man das so leicht dahingesagte „La La“ nach diesem Film nicht mehr so ohne Weiteres im abwertenden Sinn gebrauchen. Sondern eher als Imperativ, als Lebensform verstehen. Lasst uns alle mehr la-la sein.