Manche Filme kann man nur schwer einfach nur für sich betrachten. Man sieht sie in anderen Zusammenhängen, die sich geradezu aufdrängen und von denen man sie dann, so sehr man sich auch anstrengt, nicht mehr abstrahieren kann. So ergeht es einem bei „Allied – Vertraute Feinde“, der am Donnerstag ins Kino kommt. Ein Drama, das 1942 in Casablanca spielt und von Nazis und Widerstand handelt. Und von einer großen Liebe, die den schicksalhaften Wirren dieser Zeit trotzen muss.
Natürlich fällt da jedem „Casablanca“ ein, der legendäre Klassiker mit Ingrid Bergman und Humphrey Bogart aus dem Jahr 1942, mit so berühmten Dialogzeilen wie „Ich schau dir in die Augen, Kleines“, „Verhaften Sie die üblcihen Verdächtigen“ oder „Uns bleibt immer Paris“.

Diesmal ist der Held kein zynischer Barbesitzer, der Emigranten heimlich zur Flucht verhilft. Es ist ein kanadischer Spion, der in einer wunderschönen Einleitung mit dem Fallschirm über die Wüste und in diese Geschichte gleitet. Brad Pitt, das muss man schon mal zugestehen, sieht, auch wenn er langsam älter wird, um einiges besser aus als Bogey. Und die große Liebe, das ist diesmal nicht die Frau eines Widerstandskämpfers, die es zu beschützen gilt. Sie ist selbst aktive Résistance-Kämpferin und gibt den Kanadier als ihren Gatten aus. Um ihn zu decken. Aber auch, um mit ihm die deutsche Botschaft zu stürmen.
In der Aufwertung von Marion Cotillards Figur, in ihrer beherzten Art, ohne mit der Wimper zu zucken auf die Deutschen anzulegen, dürfen wir erleben, wie sich das Frauenbild in den vergangenen 70 Jahren gewandelt hat. Und dennoch: Bei der Ausstattung des Films, dem Ambiente, der Kleidung fühlt man sich unweigerlich, bis in die Hutkrempe von Madame Cotillard, an „Casablanca“ erinnert. In einer Bar-Szene wartet man förmlich darauf, dass gleich ein Pianist ins Bild rückt und „You must remember this“ spielt.
Stil, Kleidung, Ambiente: Alles atmet nach „Casablanca“. dpa Daniel Smith
Nun ist der Clou an „Allied“, dass die ganze Casablanca-Story nur eine irre schöne, wenn auch irre lange Vorgeschichte ist. Und der Film plötzlich eine ganz andere Wendung nimmt. Schön, könnte man denken, dann hört das mit dem Vergleich ja endlich auf. Aber nein, da fängt es erst so richtig an. Nach der erfolgreichen Mission sollten sich der Spion und die Spionin eigentlich trennen. Und Beziehungen, die im Feld geschlossen werden, so hören wir recht bald, haben ja sowieso keine Zukunft. Aber da ist es um den Mann, Max Vatan heißt er, längst geschehen. Da hat er sich längst in seine Mitstreiterin, Marianne Beauséjour ist ihr Name, verliebt. Und bietet ihr an, zu ihm nach London zu ziehen.
Es folgt eine kurze Strecke ehelichen Glücks, das auf geradezu aufdringliche Weise dem Seelenzustand des kriegsgeplagten Landes widerspricht und darin gipfelt, dass ihnen mitten in einer Luftbombardierung ein Baby geboren wird. Doch kaum hat das Töchterlein seinen ersten Schrei ausgestoßen, wird dem glücklichen Vater ein schrecklicher Verdacht unterbreitet. Der nämlich, dass seine Frau eine Doppelspionin sein und für die Nazis arbeiten könnte. Nun beginnt das eigentliche Drama des Films, wie sich allmählich Misstrauen und dunkle Verdachtsmomente in die Idylle schleicht.

Und das ist dann der Punkt, wo der geneigte Zuschauer schon wieder einen ganz anderen Film vor seinem inneren Auge sieht. In „Mr. & Mrs. Smith“ konnte man förmlich zusehen, wie es zwischen Brad Pitt und Angelina Jolie zu knistern begann. Bei Jolies Regiefilm „By the Sea“ – den sie mit ihrem Mann gedreht hat, anstatt eine Hochzeitsreise anzutreten – wusste man schon beim Kinostart vor einem Jahr, dass man darin einmal das Ende ihrer Ehe hineininterpretieren würde. Und nun kommt mit „Allied“ jener Film ins Kino, bei dem es zwischen Herrn Pitt und Frau Cotillard geknistert haben soll. Das hat die französische Schauspielerin zwar vehement dementiert. Aber was bleibt, ist, Brad Pitt in einer Ehe zu sehen, von der er dachte, dass sie eine glückliche sei. Bis plötzlich nichts mehr ist, wie es war.
Jedes für sich genommen, den Vergleich mit „Casablanca“ oder die Hobbypsychologensuche nach Anzeichen vom Brangelina-Debakel, hätte Robert Zemeckis’ nostalgischer Spionagefilm womöglich überstanden. Aber unter beidem zugleich ächzt seine Kriegsromanze allzu schwer. „Allied“ dürfte als Sargnagel von Brangelina in die Annalen eingehen. Es müssen wohl erst einige Jahre vergehen, bis man ihn unabhängig davon betrachten kann. Es bleibt ein Trost: Uns bleibt immer Casablanca.


