Kultur

Ein Vulkan spuckt unablässig Nebel in das Pubertätschaos

Wenn Liebe Unruhe stiftet: „Feuer fangen“ im Prater

Jonathan küsst Latifa. Und die Welt steht Kopf – jedenfalls für ihre Mitschüler. Denn alle, die den Kuss auf dem Schulhof beobachtet haben, kommen damit nicht so richtig zurecht. Die einen werden eifersüchtig, anderen versiegen die Worte. "Die Schulordnung verbietet Schulhofküsse", zitiert sogar einer mit erhobenem Zeigefinger. Ja, dieses widerliche Glücksaroma der Liebenden, das sorgt für Risse im Cliquengefüge. Im Stück "Feuer fangen" im Theater an der Park­aue werden die Zuschauer zurück auf den Pausenhof katapultiert. Mitten hinein in eine schwarze Welt, in der ein kaputter Kondomautomat und ein Schwimmring die einzigen Rettungsanker sind. So karg sieht nämlich die Bühne aus. Nur ein Vulkan spuckt unablässig Nebel in dieses Pubertätschaos.

Latifa und Jonathan, diese beiden Unruhestifter, kommen nicht zu Wort. Hier geht es nicht um ihre erste Liebe, sondern darum, wie sie ihren Mitschülern den Boden unter den Füßen weg- zieht. Denn plötzlich kommt denen das Leben so mickrig vor, so platt und ohne jede Überraschung. In der Liebe von Jonathan und Latifa spiegeln sich die Ängste und Sehnsüchte der anderen. Da muss man selbst nicht mehr auf dem Schulhof stehen, um mitzufühlen, wie schmerzvoll so ein fremdes Glück sein kann. Denn, "wir bleiben zurück mit dieser Leere in uns". Es liegt an dem mutigen Spiel der neun Teenager, dass das nie kitschig wird.

Die haben ihre Pubertät auf der Bühne zu kleinen Häppchen verarbeitet, in jeder Miniepisode wird etwas anderes thematisiert. Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper zum Beispiel, Missgunst und Eifersucht oder eine ungewollte Schwangerschaft. All das wird nicht auserzählt, die Episoden rauschen ineinander über wie Gespräche in der U-Bahn. Man kriegt sie nicht zu fassen – genau wie die Teenagerzeit. Das haben die Theaterpädagoginnen Irina Barca und Sarah Kramer, die auch Regie führen, mit den neun Jugendlichen über Monate hinweg erarbeitet. Grundlage der Inszenierung ist ein elf Jahre altes Stück des französischen Dramatikers Luc Tartar. Das hat er selbst mit Teenagern geschrieben. Vielleicht ist deswegen noch ein so großes Stück Kindheit in der Inszenierung konserviert. Manchmal wird die Welt dieser Teenager zuckersüß: Als die Mädchen sich mit Lippenstift bemalen und ins Schwärmen geraten, oder als Popcorn aus dem Vulkan sprudelt. Da werden sie zu Kindern, jagen den Körnern in der Luft nach, fangen sie mit dem Mund, kichern, als wären Jonathan und Latifa längst vergessen. Als hätten sie noch ein bisschen Zeit, erwachsen zu werden.

Theater an der Parkaue, Spielort: Prater, Kastanienallee 7–9. Termine: 14. und 15.12.

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