Peter zander
Sein erfolgreichster Film war „Alles auf Zucker!“ Jetzt hat Dani Levy wieder eine überdrehte Familienkomödie gedreht: „Die Welt der Wunderlichs“, die am Mittwoch Premiere feiert und am Donnerstag ins Kino kommt. Darin geht es um eine alleinerziehende Mutter, die nicht nur mit einem hyperaktiven Kind geplagt ist, alle Familienangehörigen haben irgendwelche Neurosen. Wir treffen den Regisseur in einem Café in der Goltzstraße, in Levys Schöneberger Kiez. Da sitzt erst mal der Schauspieler Sebastian Blomberg, der einst bei Levys „Väter“ die Hauptrolle spielte. Das ist nicht abgemacht, der sitzt ganz zufällig da. Aber natürlich müssen die beiden erst mal ausgiebig miteinander plauschen, bevor der Regisseur sich uns zuwendet.
„Die Welt der Wunderlichs“ erzählt von einer völlig neurotischen Familie, in der jeder eine Störung hat; Depression, Borderline, Burnout, ADHS, bipolare Störung. Ist das nicht eigentlich ein eher tragisches Thema, darf man darüber eine Komödie drehen?
Dani Levy: Man muss darüber sogar eine Komödie drehen! Schon die von uns so geliebten amerikanischen Komödien der 30er- und 40er-Jahre beherbergen eine ganze Menge Psychos. Neurosen jeglicher Art sind schon immer der Nährboden gewesen für intelligente Komödien über Menschen, die vor Abgründen stehen. Es wurde damals halt nicht so benannt.

Früher hat man das alles unter dem Sammelbegriff Neurose gefasst. Heute wissen alle erstaunlich gut, was ADHS und was Borderline ist. Sind das neue Volkskrankheiten in unserer immer stärker auf Effizienz getrimmten Leistungsgesellschaft?
Klar, in unserer Zeit mit all ihrer Schnelllebigkeit und Überforderung werden die Ansprüche immer größer. Und entsprechend auch der Preis. Aber die Störungen sind nicht neu. Sie sind jetzt nur in den Medien, in der allgemeinen Wahrnehmung, in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Noch vor 20 Jahren war jemand, der wegen Depressionen mit Tabletten behandelt wurde, ein Exotikum. Heute ist das nichts Aussergewöhnliches mehr. Damals haben die Betroffenen das verborgen, heute reden sie ganz offen darüber. Die Komödie hat ja auch die Aufgabe, Dinge ans Licht zu zerren und über das Lachen ein Bewusstsein darüber zu vermitteln. Das war auch immer der jüdische Witz: sich über die Dinge lustig zu machen, über die man eigentlich nicht reden darf.
Wie gut kennen Sie solche Störungen selbst? Haben Sie auch schon auf der Psychocouch gelegen? Bei Woody Allen denkt man ja, der liegt da nur, um auf Ideen zu seinen Komödien zu kommen,
Nee, bei mir hält sich das bisher noch in gesunder Balance – soweit ich das beurteilen kann. Auch wenn es letztlich immer sehr anstrengend, chaotisch, verzweifelnd ist, was ich da tue, bin ich in der privilegierten Situation, dass ich sehr glücklich bin mit meinem Beruf. Und auch eine intakte Familie habe. Aber was meinen Bekanntenkreis angeht – oja. Auch in der Familie, sowohl bei mir als auch bei meiner Frau – oja. Da gibt es eine ganze Menge von Erkrankungen. Allein in dem Haus, in dem ich mein Schreibbüro habe, sind drei Leute psychisch krank, richtig massiv, mit stationären Phasen.

Auch meine Mutter hat, ohne das ich das wusste, Jahrzehnte Stimmungsaufheller genommen. Das wurde mir erst ganz am Ende, in den letzten Jahren klar, als sie schon im Altersheim war. Ich habe gesehen, was sie so an Medikamenten schluckt und sie gefragt, was dieser Tablettencocktail alles beinhaltet. Da waren natürlich Blutverdünner und Verdauungshilfen, aber eben auch Stimmungsaufheller. Und als ich fragte, wie lange sie die schon nehme, meinte sie, na so 20, 30 Jahre.
Ob dramatisch in „Meschugge“ oder „Väter“ oder komödiantisch in „Alles auf Zucker“ oder jetzt „Die Welt der Wunderlichs“ – immer geht es bei Ihnen um Familie. Ist das Ihr großes Lebensthema?
Ja, das ist ein zentrales Motiv. Familie hat mit Geschichte zu tun. Da werden Vererbungen und Familienkonstellationen weitergegeben, sehr oft unbewusst. Familie ist der Ort, der Hort auch, in dem so etwas nicht entkommen kann. Selbst wenn du mit allen brichst, bist du noch lange nicht draußen. Zudem ist die Familie ein Thema, das universal verstanden wird, bei dem wir alle irgendwie kompetent sind. Und dann spielen wir alle in unseren Familien natürlich eine Rolle. Da gibt es den Fürsorger, das schwarze Schaf, den Troubleshooter, die ungeliebte Tochter. Das hat was von einer Bühne und eignet sich sehr für emotioale Geschichten.
Wie war das in Ihrer eigenen Familie? Sie sind auch erst mal so weit wie möglich von Ihrer Familie weggezogen.
Ich hatte eigentlich eine tolle Kindheit, ich kann mich nicht beklagen. Aber es war halt die Schweiz, das war sehr einengend, klaustrophobisch. Und meine Eltern waren sehr verstockt. Wir waren keine Wunderlichs, nicht extrovertiert, keine offene Konflikte. Im Gegenteil, bei uns wurde vieles verdrängt, Persönliches, Intimes wurde nie gesprochen. Meine Mutter hat viel zu ertragen gehabt mit meinem Vater, der fremdging, und mit uns Kindern. Ich war ein bisschen wie der Felix aus meinem Film, sehr schwierig, ja jähzornig. Ich hatte offensichtlich eine Menge Probleme, an die ich mich nicht erinnern kann. Aber eben deshalb, weil wir uns nie ausgetauscht haben.Ich bin darum 1979 erst mal ab in die USA, weg von der ganzen Sicherheit aus der Schweiz. Da bin ich faktisch ein Jahr lang als Obdachloser, als Vagabund wie Jack Kerouac per Autostop durch die Staaten gezogen. Naja, irgendwo hatte ich auch Geld im Gepäck, so bürgerlich war ich dann doch.

Und dann sind Sie, ein Jahr später, nach Berlin gezogen.
Das war 1980, als Berlin noch in einer Art Kriegszustand war mit der Hausbesetzerbewegung. Das war eine extrem turbulente Zeit. Und ein massiver Bruch mit meinen Eltern. Ich landete da bei der „Roten Grütze”, eine sehr gruppendynamische, fast familientherapeutische Theatergruppe. Da bin ich als bürgerliches, verwöhntes, verklemmtes Söhnchen massiv rangenommen worden. Das war ein echtes Erweckungserlebnis. Das haben meine Eltern dann massiv zu spüren bekommen. Weil ich ihr ganzes Schweigen niederreißen musste mit unverhältnismässiger Heftigkeit. Das war sicher nicht der richtige Weg, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Aber es ist doch etwas in Bewegung gekommen.
War Ihr Umzug nach Berlin nicht gerade für Ihre Mutter sehr seltsam, die ja als Jüdin aus der Stadt hat fliehen müssen?
Meine Mutter ist in Berlin aufgewachsen und als elfjährigesMädchen mit falschen Papieren durch ganz Deutschland in die Schweiz geschmuggelt worden. Aber auch darüber ist bei uns nie gesprochen worden. Wir Kinder haben aber auch nie gefragt. Das ist eben typisch, das Schweigen legt sich wie ein Mantel über so eine Familie. Das alles wurde erst anders, als ich in Berlin war. Und dann ist es auch über die Filme, die ich gemacht habe, und die Art, wie ich auf Menschen schaue, möglich geworden, dass ein offeneres, innigeres Gespräch mit meinen Eltern stattgefunden hat.
Wie ist das mit der nächsten Generation? Revoltieren Ihre eigenen Kinder auch, erkennen Sie bei sich genau die Sachen, die Sie bei Ihren Eltern so bemängelt haben?

Ich finde, unsere Kinder heute sind alle kleine Diktatoren. Die haben viel zu viele Freiheiten. Ich finde es ganz wichtig, dass man ihnen alle Liebe gibt und sie auf uns zählen können. Aber ich kritisiere in unserem ganzen Umfeld und auch an meiner Familie, dass die Kinder viel zu viel Raum für ihre Launen und ihren Egoismus kriegen. Und nicht mit Konsequnez dazu erzogen werden, dass sie Teil einer Gesellschaft sind, dass es so etwas wie soziale Verantwortung gibt. Ich denke oft, ich bin viel zu weich, viel zu tolerant als Vater. Ich bin gar nicht konfliktfähig – auf eine andere Art als meine Eltern.
Letzte Frage: Die Mimi in Ihrem Film versucht als Einzige, umringt von lauter Neurotikern, die Familie zusammenzuhalten. Ist das auch eine Metapher für einen Regisseur bei den Dreharbeiten?
Das ist eigentlich eine ganz schöne Parallele. Die habe ich nie gezogen, aber das stimmt schon. Der überforderte, am Rande des Nervenzusammenbruchs stehende Regisseur, auf den alle Katastrophen und Unwetter einstürzen.


