Wir gaben ihn ja schon fast für verloren. Mit seinem letzten Film „Fliegende Liebende“ hat Pedro Almodóvar seine Fans enttäuscht, und zwar sowohl die, die seine schrillen frühen Komödien liebten, als auch die, die seine späten Melodramen den Vorrang gaben. Die „Fliegenden“ waren einfach zu banaler Klamauk und letztlich eines Almodóvars nicht würdig. Mit seinem jüngsten, nunmehr 20. Film bewegt sich der spanische Meisterregisseur indes wieder in bewährten Gefilden und erweist sich einmal mehr als großer Frauenregisseur und -versteher.

„Julieta“ handelt von einem großen Bruch im Leben einer eigentlich starken Frau. Die Titelfigur (Emma Suárez) will mit ihrem Freund Madrid verlassen und nach Lissabon ziehen. Die Kartons sind schon gepackt, ein letzter Briefumschlag landet im Papierkorb. Aber dann begegnet ihr die beste Freundin ihrer Tochter und erzählt ihr, dass sie ebendiese, die seit zwölf Jahren jeden Kontakt mit der Mutter abgebrochen hat, vor kurzem wiedergesehen habe.

schicksalhaftes Treffen: Julieta mit der Freundin ihrer Tochter
schicksalhaftes Treffen: Julieta mit der Freundin ihrer Tochter © Tobis | Tobis

Die Mutter schafft es kaum in die Wohnung:. Kurzentschlossen packt sie wieder aus, holt auch den Briefumschlag, der ein zerrissenes Foto von Mutter und Tochter beinhaltet, wieder heraus. Und kündigt ihrem Freund kühl mit, dass sie nicht mit ihm wegziehen wird. Stattdessen mietet sie sich erneut in jenem Haus ein, in dem sie einst mit ihrer Tochter gewohnt hat. Und beginnt mit der nach dem Tagebuch zweithäufigsten Erinnerungsarbeit im Kino: Sie schreibt der Tochter einen Brief. Einen langen Brief, den sie vorsichtshalber gleich in einem großen Buch anlegt.

Liebe und Tod sind nur zwei Schienen auf einem Gleis

Eigentlich beinhaltet der Film drei Kurzgeschichten der Nobelpreisträgerin Alice Munro, die Almodóvar aber nicht nur von Kanada nach Spanien verlegt, sondern so verändert und vereinnahmt hat, dass sie letztlich reinstes Almodóvar-Terrain sind. So sehr, dass der Film eher einen anderen kleinen Schönheitsfehler hat: „Julieta“ erinnert von der Struktur allzu sehr an „Alles über meine Mutter“, jenem Werk, mit dem Almodóvar auch international bekannt wurde und selbst zu Oscar-Ruhm kam.

„Julieta“ könnte nicht nur denselben Titel tragen: Auch hier beginnt eine Mutter nach schwerem Verlust, sich ihrer Vergangenheit und verdrängten Geistern zu stellen. In diesem Fall heißt das, auch das ist nicht unbekannt in Almodóvars Universum, eine Rückblenden-Reise in die Vergangenheit, in dem die jüngere Julieta von einer anderen Schauspielerin, Adriana Ugarte, verkörpert wird.

Sie spielt die jüngere Julieta: Adriana Ugarte im Zug
Sie spielt die jüngere Julieta: Adriana Ugarte im Zug © dpa | TOBIS

Es geht um Liebe und um Tod. Und beides ist stets zugleich präsent. Die junge Julieta lernt einen Fischer (Daniel Grao) kennen, just in einem Zug, vor den sich ein Selbstmörder wirft. Kein gutes Omen. Aber noch auf der weiteren Fahrt wird ein Kind gezeugt. Der Fischer ist verheiratet, seine Frau liegt im Koma. Auch das kein gutes Omen. Als sie stirbt, heiratet das Paar. Das könnte nun trautes Glück sein – wäre da nicht eine eifersüchtige Haushälterin, der Mrs. Danvers aus „Rebecca“ nicht unähnlich. Und wären da nicht dunkle Geheimnisse, die zu schweren Folgen führen würden.

Almodóvar führt diese beiden Zeitebenen meisterlich wie stets zusammen. Mit so vielen Bezügen und Spiegelungen, dass er selbst meint, er müsse eigentlich seinen Produzenten überreden, jedem Zuschauer beim Kauf eines Tickets ein zweites zu geben. Darüber müsste sich eigentlich reden lassen, schließlich ist Almodóvars Produzent sein jüngerer Bruder Agustín.

Der bessere Almodóvar? Julio Médems „Ma Ma“ mit Penelope Cruz
Der bessere Almodóvar? Julio Médems „Ma Ma“ mit Penelope Cruz © © Copyright MFA+ FilmDistribution e.K. | © Copyright MFA+ FilmDistribution e.K.

Was den Zuschauer jedoch von einem zweiten Besuch vielleicht abhalten könnte, ist der seltsame Umstand, dass einem diesmal die Figuren des Kinomagiers nicht so nah gehen wie sonst schon nach wenigen Minuten. Es ist Almodóvars erstes reines Drama – keine Mischform, kein Melodram, wo auch gesungen oder getanzt wird und grelle komödiantische Töne für lustvolle Dissonanzen und Brüche sorgen. All diese Auslassungen aber machen seinen jüngsten Film irgendwie – normal. Wobei sich der Altmeister am Ende auch noch um ein Finale, eine Auflösung der Geschichte schummelt.

Die Ironie will es, das bei uns erst vor fünf Wochen ein Film von Julio Médem, einem Landsmann Almodóvars, ins Kino kam, „Ma Ma“, der alle typisch almodóvarischen Ingredienzien beinhaltet und eine seiner großen Musen, Penelope Cruz, obendrein. Almodóvar dagegen hat erstmals mit Emma Suárez gearbeitet, dem Star mehrerer Médem-Filme. So sehr man sich darüber freuen darf, dass Almodóvar in alte Gefilde zurückkehrt: Médem scheint inzwischen der bessere Almodóvar.