An Winterabenden, wenn Bessie gut gelaunt ist, dann dürfen sich die Kinder zu ihr setzen, wenn sie im Kaminzimmer bügelt und sie erzählt ihnen etwas. Nicht, dass Bessie eine besonders gute Erzählerin wäre, aber sie kennt viele Geschichten von Liebe und von Abenteuern. Sie kennt Märchen und Balladen und die Kinder hören gebannt zu, auf jeden Fall dieses eine, Jane, deren Schicksal uns die nächsten 600 Seiten bewegen wird. Wenn es dann in ihrem eigenen Leben endlich auch um Liebe und Abenteuer geht, dann vergleicht sie es mit diesen Geschichten. Und das Erzählte mischt sich mit dem Erlebten.

Zum Beispiel an diesem Abend, viele Jahre später, an dem Jane Eyre dem Helden der Geschichte zum ersten Mal begegnet. Der Mond ist schon aufgegangen und unsere Heldin hat auf dem Weg ins nächste Dorf eine Pause gemacht. Jetzt sitzt sie da und betrachtet das Herrenhaus, in dem sie als Gouvernante lebt, auf der einen und das Dorf auf der anderen Seite. „In der völligen Stille hörte ich deutlich das leise Gemurmel des Lebens“, berichtet sie uns. Da taucht auf einmal ein „grobes Geräusch“ auf. Schon stellt sie sich vor, dass ein Geist namens „Gytrash“ unterwegs sein könnte. Nicht, weil sie an diese fantastische Figur tatsächlich glaubt, es ist eher die Erinnerung an eine von Bessies Geschichten aus ihrer Kindheit. Reisende würde er überfallen, mal in Hund, mal in Pferdegestalt.

Die Heldin scheint fast enttäuscht, als es dann nur ein Mann auf einem Pferd ist. Zumal einer, der über die erste Jugend hinaus ist, und den sie nicht für gut aussehend befindet. Der Mann fällt fluchend vom Pferd, lässt sich nur ungern von ihr wieder aufhelfen, und reitet dann verletzt und schlecht gelaunt weiter. Der Zwischenfall bleibt, so will uns die Ich-Erzählerin glauben machen, für sie zunächst „bedeutungslos, unromantisch, eigentlich uninteressant“. Und auch dem Leser bleibt zunächst viel eindrücklicher die schwärmerisch-sinnliche Beschreibung der Natur, in der die Heldin Rast macht.

Die junge Frau erkämpft sich ihren eigenen Weg

Jane, die Protagonistin von Charlotte Brontës Roman, ist eine der populärsten Figuren der englischen Kultur. Unzählige Male ist das Schicksal dieser eigenwilligen Heldin verfilmt worden. Häufig prominent besetzt: In einer der jüngeren Versionen führt Franco Zeffirelli Regie und Charlotte Gainsbourg ist Jane Eyre, in der Verfilmung von 2011 gibt Michael Fassbender den älteren Helden und Mia Wasikowska spielt die eigensinnige Waise. Im Film wird das erste Treffen der beiden meist mit allen Mitteln aus der Trickkiste aufgebauscht. Da muss es düster und stürmisch und unheimlich sein. Und am besten, wie immer wenn man dem zeitgenössischen Zuschauer einer englischen Literaturverfilmung zeigen will, dass es jetzt leidenschaftlich wird, regnet es. Kaum eine modernere Austen- oder Brontë-Verfilmung kommt ohne einen ordentlichen Regen aus, durch den die Heldin am besten bis zur Bewusstlosigkeit oder wenigstens bis zur totalen Erschöpfung läuft. Bis sie dann ganz zufällig auf den Helden trifft. Diese Regenszenen sollen zeigen, was diese Welt für den heutigen Leser so besonders macht: Die archaische Kraft der Natur, die den romantischen Menschen unterwarf und die uns heute so fremd scheint. In den Romanen selbst reicht dafür die gewaltige Sprache, die kaum einer so beherrscht wie die drei Brontë-Schwestern, Anne, Emily und eben Charlotte.

In diesem Jahr wird der 200. Geburtstag von Jane Eyres Schöpferin gefeiert und dazu passend bringt Manesse einen prächtigen Geburtstagsband heraus. Wie schon 2001 in der Übersetzung von Andrea Ott und mit einem ebenso klugen wie gut geschriebenen Nachwort der Literaturwissenschaftlerin Elfi Bettinger und noch dazu mit Anmerkungen, die dem heutigen Leser vor allem viele der gelehrten literarischen Anspielungen Brontës näher bringen. Wenn man die liest, wird einem klar, dass es nicht reicht, einfach eine Verfilmung von Brontë zu sehen, um die Faszination dieser Geschichte zu erleben. Dann versteht man, warum man den Roman selbst lesen muss.

Es geht nämlich nicht um Regen in Jane Eyre, es geht auch nur teilweise um Liebe und Abenteuer. Gerade wenn man den Roman mit all den zeitgenössischen Referenzen liest, kann man darin die Geschichte einer jungen Frau entdecken, die sich gegen die Geschichten auflehnt, die über Frauen erzählt werden. Brontë liefert uns einen so akribisch genauen Bericht über die Wahrnehmungen ihrer Heldin, dass jede noch so kleine Begebenheit ihre eigene Spannung hat.

Brontë hat mit Jane Eyre eine spröde Heldin geschaffen. Sie ist nicht besonders hübsch und gefällig ist sie schon gar nicht. Ihr Schicksal hat Momente einer typischen Märchenerzählung: Sie ist eine verarmte Waise aus edler Abstammung, der erst eine grausame Tante und dann ein bigottes Internat den eigenen Willen austreiben wollen. Als sie sich schließlich verliebt, wird sie abermals vor die Wahl gestellt: sich anpassen oder mit großem Verlust ihren eigenen Weg gehen. Damit riskiert sie „bedeutungslos, unromantisch und eigentlich uninteressant“ zu werden. Sie verlässt die leidenschaftliche Welt des Mannes, der sie liebt, aber nicht heiraten kann, und geht an einen Ort, an dem Moral und Vernunft und Langweile herrschen. Das ist allerdings nicht das Ende, sonst wäre der Roman wohl kaum so populär geworden.

Als „Jane Eyre“ 1847 erschien, wurde er vom englischen Publikum sofort begeistert aufgenommen. Allein, dass hier eine Erzählerin in der Ich-Form von ihren Gefühlen berichtet, war für ein viktorianischen Leser bereits ein kleiner Skandal. Dass das Leben von Jane Eyre von einer Frau aufgeschrieben wurde, von einer, die in der Abgeschiedenheit eines nordenglischen Pfarrhauses lebte, wussten die ersten Leser noch nicht. Brontë hat ihren Roman unter dem Pseudonym Currer Bell herausgebracht, ein Pseudonym, das eher einen männlichen Autor vermuten ließ. Um ihm mehr Authentizität zu verleihen, wurde das Werk bald mit dem Untertitel „Eine Autobiographie“ versehen.

Doch der eigentliche Skandal Jane Eyres hat sich bis heute erhalten. Der liegt in der Sprachgewalt der Erzählerin, die uns die Übersetzung von Andrea Ott wieder näher bringt, weil sie so angenehm darauf verzichtet, die Sprache Brontës unserer heutigen Wortwelt anzupassen. Die Heldin hat sich nie angebiedert – auch ihre Geschichte sollte es nicht tun. Ihre Welt gilt es nun, neu zu entdecken.