Kultur

Edita Gruberová: Die Dramatik des verzierten Gesangs

Die Sopranistin geht in der Deutschen Oper ins Risiko

Wer sich in Berlin auch nur in Ansätzen für Gesangstechnik des Belcanto interessiert, war vermutlich am Sonnabend in der Deutschen Oper: Edita Gruberová trat konzertant mit dem Ensemble des Hauses als Norma auf. Szenisch sieht man Vincenzo Bellinis Werk aus dem Jahr 1831, aus welchem in erster Linie die Arie "Casta diva" bekannt ist, selten. Zwar geistern Arrangements des kriegerischen "Norma"-Marsches durch angestaubte Unterrichtswerke für Bläser, sodass man denken könnte, das Stück sei einst in aller Ohren gewesen. Allerdings war es lange Zeit vergessen und wurde vor allem als Paradestück für die Primadonna Maria Callas in den 50er- Jahren wieder ausgegraben.

Die Sopranistin Gruberová feierte ihr Debüt mit dem Stück erst als reife Künstlerin vor über zehn Jahren, nach langer, minutiöser Vorbereitung. Sie hat der Rolle der zwischen Liebe und Pflicht zerrissenen Druidin einen prägnanten eigenen Stempel aufgedrückt. "Casta diva", jenes hitverdächtige Gebet der Norma zum Mond, sollte im ersten Akt einen Vorgeschmack darauf vermitteln, welches vokale Niveau dieser Abend erreichen sollte. Die fast 70-jährige Sängerin ging von Beginn an auf volles Risiko und präsentierte bereits in den ersten Tönen ein ganzes Spektrum an dynamischen Schattierungen vom leisesten Pianissimo bis zum großen heroischen Ton. Diese stand nicht im Dienst einer Stimm-Show, sondern diente der Charakterisierung einer öffentlichen Figur, die ihre Liebe zu einem römischen Soldaten verheimlichen muss. Gruberovás Darstellung, wiewohl rein aus Musik und Stimme geboren, ist von Ernsthaftigkeit, Energie und Disziplin geprägt.

Orchester und Chor überzeugen bereits in der Ouvertüre

In den Duetten mit dem tiefer gelagerten und weicheren Sopran der Sonia Ganassi in der Rolle der Norma-Rivalin Adalgisa erfüllte Gruberová das bereits im mittleren 19. Jahrhundert veraltete Belcanto-Gesangsideal des "Canto fiorito", des allein durch Verzierungen dramatisierten Gesangs, atemraubend mit musikdramatischem Sinn. Eher auf das nach Bellinis Tod anbrechende, auf gesangliche Kraft setzende Verdi-Zeitalter war der kräftige und klangschöne Tenor von Fabio Sartori in der Rolle des römischen Hauptmanns Pollione gepolt. Als mächtiger Bass stattete der junge Marko Mimica den Oberpriester Oroveso mit solch musikalischer Glaubhaftigkeit aus, dass man fast vollständig den Altersabstand von rund 40 Jahren zu seiner Bühnentochter Gruberová vergaß.

Das Orchester und der Chor der Deutschen Oper unter Leitung von Peter Valentovic konnten bereits in der Ouvertüre durch eine beeindruckende klangliche Farbpalette überzeugen. Mit Wucht und guter Balance zwischen Vorder- und Hinterbühne erklangen die zahlreichen Bühnenmusiken. Und mit Engagement für die begleiterischen Details, flexibel sich anschmiegend an die vokalen Hochleistungen, trotzten namentlich die Bläser des Orchesters auf der Bühne der unbefriedigenden Akustik des zum Konzertsaal umgebauten Hauses.

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.