So häufig Dirigent Daniel Barenboim und Tenor Jonas Kaufmann bereits gemeinsam Opernabende gestaltet haben, so fern scheinen sie einander in ihren Vorstellungen von Gustav Mahlers „Lieder eines fahrenden Gesellen“. Die Staatskapelle zeigt in der Philharmonie, dass sie eher ein Opernensemble als einen Liedsänger zu begleiten versteht. Und Jonas Kaufmann, dass Starkult nicht immer mit strahlendem Künstlertum zu tun hat. Dabei ist ihm immerhin das letzte der vier Lieder anrührend gelungen. Mit unaufdringlichem Pianissimoschmelz besingt er „Die zwei blauen Augen“. Es klingt, als habe Kaufmann endlich eine Adressatin für Gustav Mahlers Idylle-sehnsüchtige Worte gefunden. „Ich hab ein glühend Messer in meiner Brust“ lässt er dagegen mit wenig Sprachgefühl zerfallen.

Stimmlich klingt er nur zu Anfang bemüht und mit dem Schatten einer Erkältung, dann klar und biegsam. Wenn er nicht zwischendurch wie bei „Ging heut morgen übers Feld“ versehentlich den Heldentenor-Turbo zu weit aufdreht. Zu feiern gibt es allenfalls die Figur Kaufmann. Das musikalische Kunstwerk Liederabend hingegen lag „auf der schwarzen Bahr‘“, wie es Mahler aber nicht gemeint haben dürfte.

Im zweiten Teil ist das Orchester wie ausgewechselt. Edward Elgars Sinfonie Nr. 1 ist begehbares Märchenschloss und belebter Frühlingsanfang zugleich. Die Geigen gönnen sich und den Zuschauern feinstes, völlig uneitles Zuckervibrato. Der Paukist inszeniert seine Soli wie in einem Stierkampf, die Schlägel hoch über den Kopf wirbelnd. Der Tubist sättigt seine tiefdunklen Töne nicht mit Lautstärke, sondern mit Resonanz, die gefühlt noch den Raum unter der Bühne ausfüllt. Mit einem klanglichen Traumgespinst endet der erste Satz. In den zweiten jagt Barenboim mit aller Geschwindigkeitsenergie hinein, die er zuvor den Mahler-Liedern ausgesaugt hat. Ohne Partitur, absolut sicher tanzend und die Tempi verwirbelnd.

Plötzlich gerät die Sinfonie zum Tango Argentino, stolz und prächtig. Die Konzertmeisterin stilisiert synkopierend das Anfangsthema, wie auf Zehenspitzen. Barenboim versucht, den Bratschenklang noch größer zu gestalten, saugt demonstrativ Luft ein, bewegt die Hände als schüttle er die Büchse der Pandora. Mit einer wegwischenden Handbewegung bringt er kurz darauf die Geigen zum Schweigen, um alle Konzentration auf die herausragende Englischhornistin zu lenken. Überirdisch entschwebt der Schluss des dritten Satzes. Daniel Barenboim gelingt es in diesem Festtage-Konzert, im Schlussteil noch einmal ganz in der Musik aufzugehen und das Orchester mitzureißen. Grandios.

Julia Kaiser