Dirigenten greifen eigentlich nicht zum Mikrofon. Und wenn doch, haben sie etwas mitzuteilen, was ihnen wirklich am Herzen liegt. Konzerthaus-Chef Iván Fischer begrüßte die syrischen Flüchtlinge, die er zu dem Abend eingeladen hatte. Dann erhob der Ungar seine Stimme: „Ich höre aus Ungarn Sorgen erweckende Berichte. Dort werden Leute, viele müde und verzweifelte Leute, gegen ihren Willen aufgehalten. Ich appelliere an alle Verantwortlichen, dass sie diese Menschen sofort freilassen, damit sie gehen können, wohin sie möchten.“ Er appellierte an die Warmherzigkeit und Großzügigkeit der Gemeinschaft. Erst dann wandte er sich seinem Konzerthausorchester zu.

Fischer, ein sensibler Führer durch die Traumwelt

Die syrischen Flüchtlinge und alle anderen erlebten einen großen Konzertabend. Die Musiker sind bestens aufgelegt aus den Sommerferien zurückgekehrt. Fischer hat seinen Vertrag um drei Jahre verlängert, das Orchester hat sich einstimmig für ihn ausgesprochen. So etwas schweißt natürlich zusammen. Mit dem Engagement des weltweit gefeierten Countertenors Philippe Jaroussky als Artist in Residence ist dem Konzerthaus außerdem ein besonderer Coup gelungen.

Jaroussky ist naturgemäß in der Alten Musik zu Hause. Er wildert aber gern auch im Repertoire des 19. Jahrhunderts oder des Fin de Siècle. Mehrere zeitgenössische Komponisten haben dem Sänger Konzertstücke oder ganze Opern auf den Leib geschrieben. Besonders gern singt der Franzose das 2008 entstandene Stück „Sonnets de Louise Labé“ seines Landsmanns Marc-André Dalbavie.

Die Liebesgedichte sind bald 500 Jahre alt und stammen von einer bemerkenswerten Frau. Die frei denkende, unabhängige Louise Labé führte im 16. Jahrhundert einen Salon, in dem sich die literarische Elite der Stadt versammelte. Heute gilt sie als eine der bedeutendsten Dichterinnen Frankreichs. Ihre leidenschaftlichen, manchmal geradezu wollüstigen Gedichte sind aus der Perspektive eines Mannes geschrieben. Um den androgynen Charakter zu betonen, kam der Komponist Dalbavie auf die Idee, die Texte einen Countertenor singen zu lassen, der sich in hohen Lagen bewegt, die sonst Frauenstimmen vorbehalten sind.

Vor allem der Orchesterpart ist spektakulär, mal ein zartes Gespinst aus dünnen Silberfäden, dann wieder ein Schwelgen im satten Klang des vollen Orchesters. Die Instrumente umgarnen, umschmeicheln die Stimme. Philippe Jaroussky singt schön und abgehoben wie ein Engel, eher anmutig als ausdrucksstark. Die brodelnde Wollust findet eindeutig im Orchester statt. An diesem Abend ist Iván Fischer ganz in seinem Element. Der Chefdirigent des Konzerthausorchesters ist der Gründer des Budapester Mahler-Festivals, das auch ein Forum für neue Kompositionen bietet. Gustav Mahlers 7. Sinfonie stellt die Frage: Wie klingt die Nacht? Oder besser gefragt: Wie klang sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts? Gustav Mahler hatte da noch bimmelnde Kuhglocken und Ständchen mit Mandoline und Gitarre im Ohr.

Iván Fischer ist ein sensibler Führer durch die nächtliche Traumwelt des Komponisten. Er betont die Brüche, die Zerrissenheit, dirigiert einen großen Rausch mit wechselnden Stimmungslagen: wildromantisch, unheimlich, mit gespenstisch flatternden Klarinetten. Die musikalische Welt, Klang und Tempo geraten bei Mahler aus den Fugen. Ein gewaltiges Werk wie ein halb erinnerter Traum, ein opulentes Fest für die Ohren zum Saisonauftakt.