Der traut sich was. Der deutsche Film guckt ja gern weg, wenn es um Themen wie Rechtsextremismus geht. Der Berliner Regisseur Dietrich Brüggemann aber hat sich, nach seinem Erfolg von „Kreuzweg“, der auf der Berlinale 2014 einen Silbernen Bären erhielt, nun daran gemacht – in Form einer schrillen Satire, die alles und jedes aufs Korn nimmt. Das hat keine Tradition in Deutschland. Entsprechend schwierig hat sich die Finanzierung gestaltet. Heute feiert „Heil“ Berlin-Premiere im Kino International. Wir haben den Regisseur in Kreuzberg gesprochen.

Berliner Morgenpost: Darf man über Neonazis lachen?

Dietrich Brüggemann: Dummheit ist per se lustig. Und Neonazis sind nun mal dumm. Man wird ja nicht durch eine Laune der Natur zum Neonazi. Das ist kein Schicksal, gegen das man nichts unternehmen könnte, es ist eine freie Entscheidung. Insofern darf man sich darüber auch lustig machen. Witze verbieten sich nur bei Dingen, die man sich nicht aussuchen kann, Behinderung, Körpergröße, Hautfarbe, sexuelle Orientierung. Das war die Richtschnur bei diesem Film: Über alles, was Menschen sich aus freiem Willen aussuchen, darf man Witze machen. Sie müssen aber auch gut sein.

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„Heil“ scheint der Film zur Stunde. Eine bissige Satire zur Lage der Nation, zur NSU, aber auch zum großen Lauschskandal. Wann genau kam der Moment zu sagen, ich muss das machen?

Genau zwischen NSU und NSA. Der Auslöser war natürlich der NSU-Skandal. Die NSU-Affäre ist ja so absurd, dass sie sich eigentlich nur als Farce erzählen lässt. Aber auch der Erfolg des Filmes „Kriegerin“ spielte mit hinein. Der ist schon in Ordnung für das, was er ist. Aber er macht es halt genau so wie fast alle deutschen Filme: Er nimmt die Leute ernst, fragt nach dem Menschen hinter der Fassade und erzählt eine Läuterungsgeschichte.
In diesem Fall den Mensch hinter dem Nazi. Genau das machen wir nicht. Wir nehmen die Oberfläche zum Nennwert und fragen eben nicht nach psychologischer oder emotionaler Entwicklung, sondern nach den Handlungen und ihren Konsequenzen. Das schien mir mal notwendig zu sein. Und da schreibt sich die Satire sozusagen selbst. Der Film wird dann angetrieben von einem klassischen Slapstick-Motiv, der ganz bewusst aus der Klamaukschublade stammt. Wenn jemand mir das vorwirft, hat er den ganzen Ansatz nicht verstanden.

Filme wie „Kriegerin“ bleiben Ausnahmen. Warum beschäftigen sich deutsche Filme so wenig mit dem Reizthema Neonazis. Verdrängt das Kino das unliebsame Thema genauso wie die Gesellschaft als Ganzes?

Es gibt schon solche Filme, aber alle eben in diesem Gestus von Identifikation, Einfühlen und Hinter- die-Oberfläche-Schauen. Dieser Gestus hat sich so breit gemacht, dass man oft vergisst, dass man einen Film auch mit einem ganz anderen Tonfall machen kann. Wir glauben in Deutschland ja, das sei die einzig mögliche Art, Filme zu machen. Aber es geht auch ganz anders. Es gibt im Kino ja eine große Tradition der Groteske, der Farce, der Satire und des humoristischen Zugriffs jeglicher Couleur. Das hatten wir in Deutschland auch, bis 1933. Dann war schlagartig Schluss, jeder weiß warum.
Das deutsche Nachkriegskino hat nie wieder daran angeknüpft. Bis heute scheint auch gar keine Bereitschaft da zu sein, so zu denken. Ich merke das an der Rezeption meines Films. Diverse Kritiker sind richtig pikiert, so dass ich das Gefühl habe, wir sind in den 50er-Jahren und ich habe einen Porno gedreht – solche Empörung kommt einem entgegen.

Bei Ihnen kriegen nicht nur die Neonazis ihr Fett ab, sondern auch der Verfassungsschutz, die Politik, die Medien, ja selbst die Antifa. Wollen Sie es sich mit allen verscherzen?

Es wäre unredlich, einen Film nur über Nazis zu machen. Wenn schon Nazis, dann muss ich auch ganz Deutschland mit erzählen. Ich stehe nicht auf dem Standpunkt, dass alle Deutschen noch Nazis sind, was man nur noch rauskitzeln muss. Das nicht. Es ist subtiler und komplexer. Aber wir haben alle irgendeine Verbindung zur Nazi-Zeit, die wir gar nicht wahrhaben wollen, in einer hysterischen Negation, in strukturellen Gemeinsamkeiten des Argumentieren.
Das Grundmotiv des Films ist: Ein paar Neonazis wollen in Polen einmarschieren, weil sich die Geschichte als Farce wiederholt, und bekommen dabei, bewusst oder nicht, Unterstützung aus allen Teilen der Bevölkerung. Das ist natürlich kein dokumentarischer Blick auf Deutschland, so wenig wie „Max und Moritz“ ein Generationenporträt war. Es ist eine extreme Vision eines Horrorlandes. Von allem, was im Film vorkommt, kriegst du die schlimmstmögliche Variante.

Ihr Film glänzt mit einem Aufgebot an Stars, selbst in kleinsten Rollen. War das wie ein Befreiungsschlag, wollten alle mitmachen, weil endlich mal ein anderer Film gedreht wird?

Man ist im deutschen Film von vielen Leuten umgeben, die meinen, sie wissen, wie es geht. Schon Debütanten werden gegängelt mit Regeln und mit sozialer Relevanz, um eine Daseinsberechtigung im deutschen Kino zu haben. Was dem deutschen Film seit Fassbinders Tod komplett fehlt, ist ein gewisser Anarchismus. Fassbinder war der letzte praktizierende Anarchist. Seine Filme sind, wie man im Englischen so schön sagt, unapologetic. Auf Bayrisch sagt man: Der scheißt sich nix, der macht das einfach. Das hat es seit Fassbinder nicht mehr gegeben.
Insofern ist das ein Befreiungsschlag, diese ganzen erzählerischen Tabus zu brechen allein schon in der schieren Menge der Figuren und einer Handlungsstruktur, die ganz weit weg ist von dieser Lehrbuchdramaturgie, die wir im deutschen Film so oft haben. Rein handwerklich ist das ein enormer Befreiungsschlag, und da sind wir noch gar nicht beim Nazi-Thema, das kommt dann noch obendrein.

Sonst entwickeln Sie Ihre Filme immer gemeinsam mit Ihrer Schwester, der Schauspielerin Anna Brüggemann. In „Heil“ haben Sie erstmals das Drehbuch allein geschrieben. Konnte Sie nicht, wollte Sie nicht?

Das hat sich so ergeben. Wir haben parallel an „Kreuzweg“ gearbeitet. Sie hatte überdies ein kleines Kind. Und ich war für drei Monate in Amerika und hatte da eine erste Fassung von „Heil“ geschrieben. Das war vom Tonfall her auch etwas völlig anderes als unsere bisherigen Filme. Die waren ja eher so dialogisch-dialektisch, die haben einen ausgewogenen Blick auf die Welt mit mehreren Perspektiven. Das hat dieser ja nun nicht. „Heil“ ist radikal einseitig und zieht das auch durch.

Sind Sie radikaler ohne Ihre Schwester?

Ja. So was wie „Heil“ schreibt man ganz gut alleine.

Sie haben sie immerhin gecastet, und ausgerechnet als Ober-Nazibraut. Hat sie geschluckt, als Sie ihr das vorschlugen?

Sie hätte nie damit gerechnet. Ich auch nicht. Ich hatte jemand anderen im Sinn. Eher so eine riesige Walküre. Das hätte eine ganz eigene Drastik gehabt. Ich habe auch eine gefunden, die konnte dann aber leider nicht. Ich wollte Anna natürlich dabei haben, aber ich hatte keine rechte Rolle für sie. Als die Darstellerin dann passen musste, dachte ich, dann spielt das jetzt Anna.

Muss man Angst um Sie haben nach so einem Film, das Sie jetzt zur Zielscheibe für Ultrarechte werden könnten?

Ich habe gar keine Lust, mich damit auseinanderzusetzen. Die Frage betrifft mich nicht.

Könnte auch das Gegenteil eintreten – dass die Nazis Ihren Film mögen könnten?

Das wäre der schlimmere Fall: Beifall von der falschen Seite. Das muss man natürlich vermeiden, aber dagegen kann man nichts machen. Du hast die Rezeption deines eigenen Werkes ja nicht in der Hand. Du kannst nur Sorge tragen, dass sich dein Werk mit der nötigen Eindeutigkeit positioniert.

Der Film wurde auch schon in Tschechien vorgeführt und kam da gut an. Funktioniert „Heil“ im Ausland womöglich besser – weil man da ganz anders über die Deutschen lachen kann?

Das wird wohl in jedem Land wieder anders sein. Die Engländer werden ihn sicher lieben. Die haben einerseits so eine Nazi-Faszination, einen echten Nazi-Fetisch, aber auf der anderen Seite auch einen gesunden Humor. Die Österreicher werden auch ihren Spaß dran haben. Die haben einen ganz anderen Humor als die Deutschen.
Ich glaube aber, die Trennlinien werden mehr durch die Altersgruppen gehen. Die 50+-Zuschauer fühlen sich wohl eher überfahren, aber je jünger sie sind, desto toller finden sie den Film, auch in Deutschland.

Hatten Sie schon mal eigene Erfahrungen mit Neonazis?

Nicht viel, nur das Übliche. Klar war ich mal in Frankfurt/Oder und habe da so Typen rumgrölen sehen. Oder hab in Rostock mal die Straßenseite gewechselt, weil jemand hinter mir her lief. Der Film handelt aber eher von dem medialen Bild von Neonazis, das sie selber von sich produzieren und weiter tragen. Nicht von ungefähr findet das ja vor allem auf Facebook statt, und die ganzen Nipster – die nationalistischen Hipster – haben davon gelesen, dass das das neue Ding ist, und wollen das dann auch sein.

Haben Sie denn schon mal Erfahrung mit dem Verfassungsschutz gemacht?

Tatsächlich ja. Ein alter Freund von mir hat beim BND angefangen, und da wird man erst mal vom Verfassungsschutz durchleuchtet. Wozu auch gehört, dass man Gewährsleute nennen muss, die dann befragt werden. Da wird man von einer unterdrückten Nummer angerufen, wird zu einem Treffen geladen, da sitzt dann so ein Typ in einem unauffälligen Auto, und da steigst du dann ein und unterhältst dich dann. Genau wie im Film. Der Verfassungsschutz ist eine Behörde wie jede andere auch und bringt auch eine gewisse Behördenhaftigkeit mit. Was man ja auch bei der NSU-Affäre gesehen hat.

War es sehr schwierig, von anderen Behörden, von Fördergremien, Fördergelder zu bekommen für diesen Film?

Als ich das zu schreiben begann, wusste ich, das kriegst du nie finanziert. Als ich Freunden mal das erste Exposé gezeigt habe, haben die alle gesagt: Geil, aber du glaubst nicht ernsthaft, dass irgend jemand in Deutschland diesen Film machen wird. Aber dann hat „Kreuzweg“ auf der Berlinale den Silbernen Bären gekriegt. Da habe ich gedacht, wenn wir den jetzt ganz schnell nachziehen, haben wir den Hauch einer Chance.
Einfach war es trotzdem nicht. Die Fernsehsender waren schnell dabei. Mehr Skepsis gab es bei den Fördergremien. In Hamburg und Berlin hat man dann aber doch den Daumen gehoben, wofür ich natürlich sehr dankbar bin. Von der FFA habe ich einen sehr schönen Absagebrief bekommen, den werde ich mir an die Wand hängen: Die vermissen „ein Bekenntnis zur Skurrilität“.

Gab es irgendeinen Gag, den Sie sich verbieten mussten?

Nein, das gab es nicht. Ich habe sie alle geschrieben, weil ich dachte, der Film wird sowieso nicht gemacht. Das fing schon mit dem Titel an. Der stand als allererstes auf dem Papier, und ich dachte: „’Heil’, das kannst du nicht machen.“ Das war der Moment, wo ich dachte, jetzt ist sowieso alles egal. Du hast das Gefühl, du stichst da ein Reservoir an, in dem Jahre lang keine Witze gemacht wurden. Und dann kommen die alle raus. Wie bei einem Wespennest.