Sie werden immer seltener, die Berliner Pflanzen. Die Kodderschnauzen, die alle, die das nicht gewohnt sind, erst mal verschreckt zusammenfahren lassen, und doch das Herz, wie man so sagt, am rechten Fleck haben. Harald Juhnke ist tot, Wolfgang Gruner, Günter Pfitzmann. Die alten West-Berliner Boulevardkönige, sie sterben aus. Nun ist ein neuer Verlust zu bedauern: Edith Hancke ist in der Nacht zu Donnerstag im Alter von 86 Jahren an ihrem Krebsleiden in einem Zehlendorfer Krankenhaus gestorben.

Sie war für die Tribüne das, was Heidi Kabel fürs Ohnsorg-Theater war. Sie war die Königin des Berlin-Boulevards. Oder „die Duse von der Otto-Suhr-Allee“, wie der Berliner Theaterkritiker Friedrich Luft schwärmte. Jeder kannte, jeder erkannte sie. Allein wegen dieser ein wenig quäkenden, piepsigen Stimme. Die war ihr Markenzeichen. Auch wenn sie ein Unfall war. Ihre Stimmbänder wurden bei einer Mandeloperation verletzt, da war Klein-Edith gerade mal acht. Sie war auch nicht sonderlich groß, nicht sonderlich schön. Und so etwas wollte zum Theater? Sie wollte, unbedingt.

Edith Hancke, 1928 als Tochter eines Bankkaufmanns in Charlottenburg geboren, hat erst einmal ein Jahr an einer Haushaltsschule absolviert. Aber dann nahm sie Schauspielunterricht in Wilmersdorf, den sie selbst finanzierte. Bei der Abschlussprüfung rasselte sie durch. „Wegen Talentlosigkeit“. Ihre Schauspiellehrerin Marlies Ludwig vermittelte ihr dennoch eine erste Filmrolle, die Adelheid im „Biberpelz“ (1949). Auch die hätte sie fast vermasselt. Aus Scham. Der Defa-Regisseur Erich Engel verlangte beim Vorsprechen, sie solle mal den Rock heben und ihre Beine zeigen. Was sie entrüstet von sich wies. Sie wurde dann trotzdem engagiert.

Der Berliner Witz rettete sie

Und stand noch im selben Jahr das erste Mal auf der Bühne. Auch das wäre fast daneben gegangen. Sie musste erst mal beim Bühnendirektor Kurt Raeck vorspielen. Als Partner gab man ihr Wolfgang Gruner. Ausgerechnet. Sie war ja schon klein, aber Gruner, der war noch kleiner. Und als sie ihn dann auch noch als ihren Vater umarmen sollte, muss das komisch ausgesehen haben. „Seien Sie so lieb“, konterte sie instinktiv, „ich wurde es gern noch mit einem Herrn versuchen, der etwas größer ist.“ Da ist er, der Berliner Witz. Nie um eine freche Frotzelei verlegen. Und das saß. Sie bekam die Rolle in Ibsens „Wildente“ am Renaissance-Theater.

Sie wurde ein Star, im Film und auf der Bühne. Auf der Leinwand war sie in „Himmel ohne Sterne“ zu sehen, wiederholt neben Heinz Erhardt. Und im „Hauptmann von Köpenick“ neben Heinz Rühmann, mit der sie 1956 als krankes Mädchen die Herzen erwärmte. und einen Deutschen Filmpreis ergatterte. Die Insulaner liebten sie vor allem auch durch die RIAS-Hörspielserie „Pension Spreewitz“. Vor allem stand sie aber auf der Bühne, am Renaissance-, am Schiller-, Schlosspark- und Hansa-Theater. Und schließlich auch in der Tribüne, die zu „ihrem“ Haus und für das sie das Aushängeschild werden sollte.

Ein ideales Paar

Hier, im Haus an der Otto-Suhr-Allee, begann auch die große Liebe ihres Lebens. Klaus Sonnenschein lernte sie bei Theaterproben kennen, wie sonst. Das Stück hieß sinnigerweise „Happy End“. Bei ihrer ersten Berührung traf sie ein Schlag, hat sie später gern gefrotzelt hat. Sonnenschein konterte dann gern, dass das wohl am Bühnenteppich lag, der sich statisch aufgeladen hatte. Wie auch immer: Es hatte gefunkt. Sonnenschein, wurde der Mann an ihrer Seite, vor wie hinter der Bühne. Auch wenn ihr dritter Ehemann acht Jahre jünger war als sie, worüber man damals noch hinter vorgehaltener Hand getuschelt hat: Diese Verbindung konnte keiner zerstören. Sonnenschein, der die Hancke „Püppi“ nannte, führte bei vielen ihrer Stücke Regie, spielte oft auch mit ihr mit. Ihre Erfolgsstücke waren „Keine Ehe nach Maß“, „Arsen und Spitzenhäubchen“, „Mein Vater, der Junggeselle“, „Pension Schöller“ und immer wieder „Fenster zum Flur“, ihr beider Parade-Stück, das sie Hunderte Male gespielt haben, erst an de Tribüne, dann auch am Kudamm.

Ihre Lieblingsrolle war allerdings immer die Anni Wiesner in „Das Fenster zum Flur“ von Curth Flatow und Horst Pillau. Keine bloße Boulevardkomödie, sondern ein Stück mit sozialkritischen Tönen. „Ich habe mir ausbedungen“, sagte sie einmal, „möglichst alle fünf Jahre mal ein Stück zu spielen, in dem nicht nur Quatsch gemacht wird. Ich will ja auch mal zeigen, dass ich noch was anders kann.“

Das Aus der Tribüne traf sie tief

In den 70er-Jahren wurde sie auch im Fernsehen populär, mit SFB-Produktionen, die ganz auf Lokalwitz angelegt waren wie „Im Ballhaus wird geschwoft“ oder „Drüben bei Lehmanns“. Und die Berliner liebten sie auch dafür: Eine, die wie sie aus dem Herzen der Stadt kam, aber auch immer hiergeblieben ist, wo so viele in Mauerzeiten in den Westen abwanderten. Zahlreiche Preise hat Edith Hancke eingestrichen. Das Bundesverdienstkreuz 1987, der Ehrenpreis der Goldenen Kamera 2000, vor allem aber gleich zwölf Goldene Vorhänge von 1987 bis 2003. Es war eine Liebesbeziehung zwischen der Mimin und ihrem Publikum. Beide brauchten einander, beide konnten nicht ohne den anderen.

Vor sechs Jahren feierte sie noch ihr 60-jähriges Bühnenjubiläum. Im selben Jahr war sie auch zum letzten Mal vor der Kamera, im Fernsehfilm „Schaumküsse“. Zwei Jahre später wurde ihre Tribüne dichtgemacht. Ohne Förderung des Senats konnte das Privattheater nicht überleben. Heute entstehen dort Luxuswohnungen. Da zog auch die betagte Schauspielerin einen Schlussstrich. Und sagte: „So, jetzt ist es gut.“

In den vergangenen Jahren ist es ruhiger um sie geworden. Nun ist sie am gestrigen Donnerstag in ihrer Stadt gestorben. Ihr Leben und ihr Werk: Am besten hat ihr Mann das Phänomen Hancke auf den Punkt gebracht: „Du berührst die Herzen der Menschen“, hatte er seiner Gattin zum 85. Geburtstag geschrieben, „in allem, was du tust. Von wegen Edith Hancke, die große Schnauze! Dein Herz ist größer als alles.“