Wo bitte geht’s zum „Sommer 14“? Der Weg ist bestens ausgeschildert. Über den Hinterhof geht es zum Ballhaus Rixdorf Studio, das trotz des Namens am Kottbusser Damm liegt. Sogar im Fahrstuhl hängt ein großer Zettel mit Pfeil: Im vierten Stock finden die Proben für Rolf Hochhuths Theaterstück über die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs – Untertitel: „Ein Totentanz“ – statt. Im Aufzug riecht es ein bisschen muffig. Bis die Tür aufgeht und man vor einem sonnendurchfluteten Probenraum steht. Warm ist es hier unterm Dach.
„Sommer 14“ hat am 1. August Premiere. Aber nicht im Ballhaus, dort wird lediglich geprobt, sondern im Berliner Ensemble. Es ist die Sommerbespielung, die sich Hochhuth als Besitzer des Theaters vertraglich festschreiben ließ, die aber nur selten stattfindet. Stattdessen kommt es immer wieder zu gerichtlichen Auseinandersetzungen.
Auf der Schattenseite
Rolf Hochhuth schlägt vor, die Dachterrasse zu wechseln. Denn auf der anderen Seite ist jetzt, am frühen Abend, Schatten. Der Dramatiker ist mittlerweile 83 Jahre alt, trägt ein kurzärmliges Hemd mit Krawatte. Sandalen an den Füßen. Er verzichtet auf Strümpfe – das ist in seiner Generation nicht selbstverständlich.
Freie Platzwahl gibt es nicht, die sehr benutzt aussehenden Kunstledersessel und -sofas bleiben frei, augenscheinlich dienen sie den Schauspielern als Sitzgelegenheit für Rauch- und andere Pausen. Hochhuth setzt sich auf einen Stuhl und zieht den zweiten zu sich heran. „Bitteschön, nehmen Sie hier Platz.“ Seine obligatorische Frage nach dem Aufnahmegerät, um Streit um das Gesagte zu vermeiden, entfällt, der Reporter hat es bereits in der Hand. Die Produktionsleiterin bringt Mineralwasser – und eine Flasche Wodka, den gab es auch beim letzten Treffen in Hochhuths Wohnung zur Erdbeertorte.
Gedenkstunde fällt aus
Dass vor ein paar Tagen die Bühne des Berliner Ensembles (BE) durch die Sprinkleranlage unter Wasser gesetzt wurde, was eine Zeitung zu einer Sabotage-Spekulation animierte, sieht Hochhuth gelassen. Er lobt die BE-Techniker, da seien Profis am Werk, die „bekommen das bis zur Premiere hin“. Der RBB würde ja auch gerade dort eine Sendung aufzeichnen. Die neue Staffel der „Krömer-Late-Night-Show“. Vier Tage nutzt eine Produktionsfirma im Auftrag des Senders das Berliner Ensemble. Sehr zum Leidwesen von Hochhuth. Denn der wollte an diesem Sonntag, dem 70. Jahrestag des gescheiterten Hitlerattentats, eine Gedenkstunde für die Männer des 20. Juli veranstalten. Schließlich habe er vertraglich das Recht, das Theater vom 15. Juli bis zu „Goethes Geburtstag“, also bis zum 28. August, zu nutzen.
Streit wegen Kurt Krömer
Aber zu dem Zeitpunkt, als er sich deswegen ans BE wandte, war der Mietvertrag für die Krömer-Aufzeichnung längst unterschrieben. Hochhuth suchte den Kontakt zum RBB, bevor er sich dann in einer Pressemitteilung darüber beschwerte, dass ihm von der „Intendantin des RBB und Claus Peymann gemeinsam verboten“ worden sei, das Haus für die Gedenkveranstaltung zu nutzen. Diese Erklärung verärgerte dann den RBB. Der teilte mit, dass die Intendantin Dagmar Reim „Herrn Hochhuth nichts verboten hat, sie hat auch gar kein Interesse, so etwas zu tun“. Sie sei in den ganzen Vorgang nicht involviert gewesen, betonte Sprecher Justus Demmer.
Das sind Auseinandersetzungen, die zum Hochhuth-Kosmos gehören. Der Dramatiker ist ein leicht erregbarer, streitbarer Geist, ein Moralist, ein Mahner. Er hat mit seinem 1963 in Berlin uraufgeführten „christlichem Trauerspiel“, dem Dokumentartheaterstück „Der Stellvertreter“, das die Haltung des Heiligen Stuhls gegenüber dem Holocaust thematisiert, Geschichte geschrieben.
Wie auch in der „Filbinger-Äffäre“, die Hochhuth mit seiner investigativen, in einer Wochenzeitung vorabgedruckten Erzählung „Eine Liebe in Deutschland“ entfachte. Hans Filbinger hatte noch kurz vor Kriegsende 1945 als Richter der Kriegsmarine Todesurteile gegen Deserteure gefällt. 1978 trat er wegen des öffentlichen Drucks als Ministerpräsident von Baden-Württemberg zurück.
Eingefleischter Monarchist
Hochhuth nippt am Wodkaglas. Er kann ein sehr unterhaltsamer Erzähler sein. Schwärmt vom Kunstverständnis der Kaiserzeit, der wir die Museumsinsel verdanken, und kommt auf die Sünden der Nachkriegszeit zu sprechen, wo der Stuck an den alten Häusern abgeschlagen wurde.
Regisseur Torsten Münchow trägt das Hemd weit aufgeknöpft: „Der Rolf ist ein eingefleischter Monarchist.“ Münchow schaut vorbei, um sich zu verabschieden. Die Proben sind für heute beendet. „Ich vertraue dir total, bin ganz sicher, du machst das sehr gut“, sagt Hochhuth. „Es wird spannend“, antwortet der Regisseur. Er muss den Text ziemlich zusammenstreichen, über 400 Seiten umfasst die „Sommer 14“-Buchausgabe.
„Ich habe immer verboten, dass ein Stück von mir länger dauert als drei Stunden, inklusive Pause. Lieber 2:50 Stunden“, betont Hochhuth. Aber warum schreibt er denn so ausführlich? „Meine Treuen sind die Leser, nicht die Intendanten. Kein Mensch kauft Stücke, wenn die nackter Dialog sind.“ Man müsse die Dialoge romanhaft einbetten, die Personen, die Kostüme, die Orte beschreiben. „Dann werden die Stücke gelesen.“
Eine Aufführungsdauer von gut zwei Stunden peilt der Regisseur an, die Strichfassung hat er selbst gemacht, auch bei der Auswahl der Schauspieler hat ihm Hochhuth freie Hand gegeben. Unter anderem treten Mathieu Carrière, Caroline Beil, Reiner Schöne und Diana Körner auf. Premiere ist am 1. August, dem 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs. Natürlich. Ein anderes Datum wäre für Hochhuth wohl kaum infrage gekommen, schließlich ist er ein geschichtsbewusster Mensch. Und ja, die Wodkaflasche ist noch gut gefüllt, als sich der Reporter verabschiedet.
Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Premiere am 1. August, Vorstellungen am 2., 3. und vom 7–9. August. Karten: 0170-73 34 629 .



