Abschied

Gedenkkonzert für Abbado - Eine Erinnerung für die Ewigkeit

Daniel Barenboim dirigiert in der leeren Mailänder Scala ein Gedenkkonzert für Claudio Abbado. Ein stilvoller Abschied von dem Dirigenten, in dem das Schweigen zur schönsten Musik wird.

Um 17 Uhr sperrt die Polizei den Verkehr vor der Mailänder Scala. Es ist eine frische Winternacht in Italien. Die Blaue Stunde setzt gerade ein, langsam zieht die Dämmerung auf. Schon bald müssen die Menschen in die Seitenstraßen oder in die prunkvolle Einkaufspassage ausweichen - auf der "Piazza Scala" ist kein Platz mehr. Die Leute kommen, um Musik zu hören, so wie Claudio Abbado es ihnen als Chef ihrer Oper jahrelang beigebracht hat. Sie kommen, um zu schweigen. Und zu erinnern.

Alle Generationen frieren an diesem Abend gemeinsam, einige in Abendrobe, andere in Jack-Wolfskin-Jacken, manche mit Pudelmützen, andere mit Hüten. Klassik ist in Italien noch immer ein Volkssport: Und das Volk ist bunt. Die kommunistische Partei verteilt Flugblätter, einige Umwelt-Aktivisten demonstrieren gegen die "Expo". Sicher, Claudio Abbado ist eine Identifikationsfigur für die italienische Linke, ein Kämpfer für das vereinte Europa. Aber die stillen Protestler wirken fehl am Platz.

Schließlich nimmt Italien heute Abschied von einem Staatshelden, der eben weder Staat noch Held sein wollte. Sie nehmen Abschied von einem Menschen, der ihnen in der Musik nie die Leviten gelesen, sondern ihnen grenzenlose Inspiration geschenkt hat, der ihnen keine Meinung vorgeschrieben, sondern ihre Ohren für andere Meinungen geöffnet hat, der kein Dogma, sondern lediglich Überzeugungen hatte. Mailand nimmt Abschied von einem, der stets einer von ihnen sein wollte: von Maestro Claudio.

Publikum ist im Saal nicht zugelassen

Um kurz vor sechs nehmen die Musiker der Mailänder Scala Platz auf der Opernbühne: rote Plüsch-Sitze, Holz-Notenständer - das Dirigentenpult, ebenfalls rot geplüscht, ist leer. Publikum ist im Saal nicht zugelassen.

Um Punkt sechs Uhr werden draußen die Italien- und die Europa-Flagge auf Halbmast gesenkt. Männer in schwarzem Frack und mit dicken Goldorden um den Hals öffnen die Türen der Oper. Dieses Mal allerdings nicht, um die Zuschauer einzulassen, sondern um den Klang hinaus strömen zu lassen: in die Straßen, in die Stadt, in den Himmel. Neben den Türen hängen die berühmten braunen Spielplan-Poster mit dem roten Mailänder Wappen-Kreuz. "In ricordo di Claudio Abbado" ist dort in dunkelbraunen Lettern zu lesen, "in Erinnerung an Claudio Abbado". Ein schwarzer Trauerflor ist über die rechte Ecke des Posters gelegt.

Zur gleichen Zeit schreitet Daniel Barenboim im Inneren der Oper auf die Bühne. Der Chefdirigent der Staatsoper Unter den Linden und der Mailänder Scala betritt jenes Podest, auf dem Abbado in den 70er Jahren zu Hause war. Er schaut die Musiker an, atmet tief ein - und hebt den Taktstock.

Das Konzert ohne Publikum ist ein Mailänder Ritual

Draußen werden derweil Handys gezückt. Es ist eine Angewohnheit der Menschen, Momente, die sie überwältigen, festhalten zu wollen. Genau eine Woche nach dem Tod von Claudio Abbado, nachdem sein Körper durch seine Wahlheimat Bologna getragen und aufgebahrt wurde, nachdem die sterblichen Überreste eingeäschert und im engen Familienkreis bestattet wurden, feiert Mailand nun noch einmal Abschied. Und was für einen! So stilvoll. So sinnlich. Es ist erstaunlich, wie intim jeder einzelne der rund 5.000 Menschen an diesem Abend seinen eigenen Gedanken nachhängt.

Das Konzert ohne Publikum ist ein Mailänder Ritual. So wurden bereits die Dirigenten Arturo Toscanini (1957), Victor De Sabata (1967) und Gianandrea Gavazzeni (1996) verabschiedet. Abbados Tod hat die Musikwelt aus dem Takt gebracht. Die Berliner Philharmoniker haben sich dafür entschieden, ein bereits angesetztes Konzert mit Zubin Mehta und dem Pianisten Rudolf Buchbinder in eine Trauerfeier zu verwandeln und zusätzlich das Adagietto aus Mahlers fünfter Sinfonie auf das Programm zu setzen.

In Mailand trauert man traditionell etwas sinnlicher: Daniel Barenboim ist extra aus Katar eingeflogen, um den 15-minütigen Trauermarsch ("Marcia funebre") aus Beethovens Heldensinfonie "Eroica" zu dirigieren und danach die gewaltige Größe der Stille hören zu lassen.

Für Barenboim ist Abbado ein vielfaches Vorbild

Abbados Gedenk-Dirigenten, Mehta und Barenboim, kennen ihren italienischen Kollegen seit 1956. Damals nahmen alle drei an einem Dirigierworkshop im italienischen Siena teil. Während der 23-jährige Abbado und der 20-jährige Mehta gemeinsam Bier tranken, war Barenboim noch das 13-jährige Wunderkind. "Aber wir standen stets in Kontakt", erinnert er sich vor dem Konzert. Für Barenboim ist Abbado ein vielfaches Vorbild. "Claudio war in so vielen Dingen ein Pionier", sagt er, "wie er gerade hier in Mailand den Mut zu Neuer Musik hatte - und dann seine Arbeit mit Jugendlichen in neuen Orchestern. Natürlich waren diese Dinge auch für mich wegweisend, als wir das 'West-Eastern Divan Orchester' gegründet haben."

Dass Barenboim nun in Mailand dirigiert, ist auf der einen Seite selbstverständlich, da er Musikchef der Scala (und damit Abbados Nachfolger) ist. Auf der anderen Seite durfte er sich 1989 durchaus selber Chancen auf die Nachfolge von Herbert von Karajan als Chef der Berliner Philharmoniker machen. Als das Orchester den Italiener wählte, nahm Barenboim sich, ganz ohne Wehklagen, die Staatskapelle vor und entwickelte sie parallel zu den Philharmonikern zu neuen Höhen.

"Bei uns gab es nie so etwas wie Konkurrenz", sagt Zubin Mehta über Abbado, und die ließ Freund Claudio auch bei Barenboim nicht zu. Denkwürdig, als die beiden 1994 gemeinsam in der Philharmonie Beethovens 5. Klavierkonzert aufführten - der eine am Flügel, der andere am Pult. Nun betrauert der eine Berliner den anderen in Mailand.

Als würde ein Mensch sein Leben aushauchen

Daniel Barenboim senkt den Taktstock. Die ersten c-Moll-Töne strömen in den Himmel. Einige Zuschauer zischen "Pssst". Sofort ist es totenstill. Wie gewaltig Barenboim Beethoven an diesem Abend nimmt! Erdenschwer, wie aus der Gruft - das kann er, die physische Kraft der Töne beschwören. Und dann der Atem: jede Streicherbewegung, als würde ein Mensch sein Leben aushauchen. Ein tonnenschwerer Trauermarsch, der unter die Wintermäntel kriecht, weiter unter die Haut bis auf die Knochen.

Das hört sich so anders an als jener Beethoven, den Abbado noch 2001 in Berlin dirigierte, damals nach seiner ersten Krebs-Reha. Auch er zeigte natürlich Beethovens Ringen mit der Welt (der Komponist war gerade ertaubt). Aber ohne diese wütende Schwere. Bei Abbado tönte alles in menschlicher Gefasstheit, im Geiste eines bescheidenen Fatalismus, der den Tod nicht allein als tragisches Ereignis, sondern auch als Freund in Szene setzte. Bei ihm hörte man mehr Frühling als Herbst, mehr Trost als Trauer. Barenboim indes ist ein Meister des Winters: Er weiß, wie man Tränen dirigiert. Und er tut gut daran, an diesem Abend der seelensuchende Barenboim zu bleiben statt zum Abbild des vergeistigten Abbado zu werden.

Die Beschallungsanlage auf dem Balkon der Scala ist fürchterlich übersteuert, aber das Rauschen gibt diesem Konzert zusätzliche, gespenstische Dramatik. Langsam senken sich auch die Handys. Jeder, der hier steht, scheint begriffen zu haben, dass es bei dieser Musik darum geht, den Moment zu atmen - dass er nicht festzuhalten ist. Dass jeder Ton verklingt und stirbt und nur als erlebte Erinnerung eine Chance auf Fortbestand hat.

Natürlich konnte Abbado auch Spaghetti alla Italiana anrichten

Manche Besucher schließen die Augen, andere richten die Blicke in den Himmel oder auf das Opernhaus, das unter der Wucht der Musik zum monumentalen, schwankenden Klangkasten wird. "Das ist ein Konzert, bei dem Claudio vielleicht gerade lächelt", sagt der Fernsehmann und Dirigenten-Biograf Paul Smaczny, "ein Konzert für jeden. Klassik als Kraft der Vereinigung." Eine ältere Dame mit blauem Mantel, blauer Mütze und dicker, goldener Brille reibt sich einige Tränen aus dem Auge. Dann versinkt sie in sich, ist allein mit der Musik und ihren Erinnerungen. Vielleicht an die 70er Jahre, als Claudio Abbado das musikalische Leben in Mailand grundlegend veränderte.

Damals hat er hier seine ersten großen Schlachten geschlagen: Er hat den Mailändern die Prosecco-Oper madig gemacht. Während viele die Oper als Antipasti vor dem großen Fressen verstanden haben, servierte er ihnen schon 1964 Giacomo Manzonis plutoniumverseuchte Klänge aus der modernen Oper "Atomtod". Natürlich konnte Abbado auch Spaghetti alla Italiana anrichten: Rossinis Kalauer-Oper "Il viaggio a Reims" etwa, Verdis "Simon Boccanegra" und - unvergesslich - sein Mailänder "Don Carlo". Aber auch hier schüttelte er den Staub aus den Dogen- und Königsroben, ätzte das Opern-Blattgold von den Partituren und ließ ihren modernen, machtpolitischen Stahlrahmen glänzen. Seine Mitstreiter damals waren Luigi Nono und Maurizio Pollini.

Vielleicht erinnert sich die ältere Dame auch gerade, dass Abbado mit der Klassik in Fabrikgebäude zog, Arbeiter-Konzerte gab und die Produktion durch Beethoven und Co. ankurbelte. Dass er in Mailand begann, was er in Berlin fortsetzte, und was dort bis heute unter Simon Rattle blüht: Education-Projekte, die Öffnung nach Kreuzberg und Musik zur Mittagspause sind die konsequente Fortsetzungen seiner Ideale.

Aufgetaut ist das Verhältnis zwischen Mailand und Abbado nie mehr

Andere denken beim "Trauermarsch" eventuell an das Ende der Ära. Dass Italien zwar große Kunst wollte, aber immer weniger Kohle zahlte. Und dass Abbado 1986 in Wut ging. Nicht, ohne sich auch weiterhin politisch in seiner Heimat einzumischen: Er warnte stets vor dem Politclown Silvio Berlusconi. Und als er 2009 nach 17 Jahren zum ersten Mal zurückkehrte, verlangte er statt einer Gage, dass die Stadt 90.000 neue Bäume pflanzt, um die Luft zu verbessern. Lange passierte nichts, dann begann man an den Rändern Mailands die ersten Bäume zu pflanzen. Aber richtig aufgetaut ist das Verhältnis zwischen Mailand und Abbado nie mehr. Auch das schwingt in der Trauer der Menschen mit.

Daniel Barenboim setzt noch einmal zum letzten Ringen an, aber auch die Dur-Passagen und die Oboen-Soli bleiben ein Kampf, ein vergebliches Ringen um etwas mehr Leben. Vielleicht macht diese Musik deutlich, wie anstrengend es für Claudio Abbado gewesen sein mag, seine Töne immer wieder im Himmel einzusammeln und auf die Erde zurückzubringen. Vielleicht lässt Barenboim uns an diesem Abend hören, wie schwer es ist, Geist zu schaffen, wenn der Mensch mit seinem verdammten Körper ringt.

Nach einer guten Viertel Stunde atmet das Orchester der Mailänder Scala noch einmal aus - so hört sich ein letzter Atemzug an. Zeitgleich weht ein Windzug durch die italienische Flagge am Portal. Dann machen 5.000 Menschen die schönste Musik der Welt: andächtiges Schweigen. Danach zarter Applaus. Nur wenige Momente später ist die Piazza Scala leer. Ein gespenstischer Moment - eine ewige Erinnerung.