Schon viele haben sie gespielt. Ganze 29 Filme gibt es, in denen Prinzessin Diana verkörpert wurde. Die meisten allerdings in Fernsehfilmen, und das waren meist eher unbekannte Darstellerinnen oder solche aus der zweiten Reihe. Nie aber war die Fallhöhe so groß wie in diesem Fall: „Diana“ ist ein Kinofilm, und Naomi Watts ein veritabler, schon zweifach oscar-nominierter Star, der sowohl in David-Lynch-Dramen als auch in Popcornkino à la „King Kong“ bestach. Und so jemand traut sich, die Prinzessin der Herzen zu spielen? Die Frau, die keiner von uns kannte, über die aber jeder sein eigenes Bild hat. Und zu dem es zudem Bilder en masse gibt wie sonst nur von – Filmstars.

Watts stellt sich dem. Als Neuseeländerin ist sie wohl auch eine gute Wahl. Einer Britin hätte man das vielleicht weniger verziehen. Und es war auch sicher klug, Oliver Hirschbiegel die Regie anzuvertrauen, einem Deutschen, der schon Hitler in den „Untergang“ schickte. In Großbritannien hat der Film trotzdem für einen großen Aufschrei gesorgt. Weil „Diana“ eben eine Diana zeigt, die wir nicht kennen. Die Frau jenseits der Papazazzi-Fotos, der Klatschseiten-Titel und der Charitiy- und Roten-Teppichen-Auftritten.

Die Royals dürfen gar nicht auftreten

„Diana“, das ist wohl das größte Missverständnis, ist nicht ein Biopic über das gesamte Leben der Diana Spencer. Es behandelt grob die letzten beiden Jahre ihres Lebens. Von Prince Charles ist sie schon geschieden, und das hat nicht nur die Queen verstimmt, sondern die ganze Monarchie in ihren Grundfesten erschüttert. Wir sehen eine geschiedene und abgeschobene Frau, die zwar im Kensington Platz luxuriös wohnt, aber dort eben im Goldenen Käfig sitzt. Sowie sie nach draußen geht, heften sich Sensationsreporter an ihre Fersen. Freunde hat sie kaum. Und so bewegt sich die Ex-Prinzessin, aber Mutter des übernächsten Thronfolgers überwiegend im inneren Exil. Die größte Strafe, die der Film der Monarchie antut, „the Firm“, als die sie sich selbst versteht, ist der, dass er sie gar nicht zeigt.

Wen er stattdessen zeigt, ist der pakistanische Arzt Hasnat Khan (Naveen Andres), den Diana bei einem Krankenbesuch im Krankenhaus zufällig kennenlernt. Und schon bald zu sich in den Palast einlädt. Die Adlige und der Bürgerliche, schlimmer noch: die Prinzessin, die die ganze Nation für sich reklamierte, und ein dunkelhäutiger Immigrant? Das war schon damals ein Skandal, und davon wollen die Briten, das immerhin suggeriert der Film, auch heute noch nichts wissen.

Die Dodi-Affäre war nur fingiert

Aber der Arzt soll wirklich ihre letzte große Liebe gewesen sein. Die aber erst an der Sensationspresse scheiterte, denn kaum ist die Affäre doch durchgesickert, belagern Reporter das Krankenhaus und machen es ihm unmöglich, seinen Beruf auszuüben. Er zieht die Konsequenz. Und Diana rächt sich, indem sie eine Affäre mit Dodi Al-Fayed beginnt. Nur, das suggeriert uns der Film, um ihren Arzt eifersüchtig zu machen. Ein wenig aber auch, um die Medien von ihm abzulenken. Das ist übrigens ein Blickwinkel, den wir noch nicht kannten: Diese Diana ist nicht nur ein Opfer der Klatschpresse, sie weiß sie auch selbst zu nutzen und gibt den Tipp für die berühmten freizügigen Yacht-Aufnahmen mit Dodi und ihr höchstselbst.

Immer wieder handeln Oliver Hirschbiegels Filme von Menschen im Ausnahmezustand, Menschen im Käfig und unter Aufsicht, sei es „Das Experiment“ oder der in IRland entstandene IRA-Drama „Five Minuten on Heaven“. „Diana“ passt sich nahtlos darin ein. Und nähert sich dieser von allen un- und missverstandenen tragischen Frau sehr sensibel. Naomi Watts macht schon gleich alle oberflächlichen Vergleichsblicke vergessen. Sie ist nicht Diana, aber sie gibt eine starke, großartige Interpretation, die doch nicht reklamiert, alles zu wissen und aufdecken zu können. Die letzten Geheimnisse bleiben.

Das Vexierstück zu Frears’ „The Queen“

Wie das, dass sie bei ihrem letzten Gang in die Garage ihre Handtasche und ihr Handy liegen lässt. Damit beginnt der Film, und damit endet er. Ist es Todesahnung? Das Telefon klingelt, wir ahnen, wer dran ist. Sie bleibt kurz stehen, dreht sich um, geht dann doch weiter. Es wäre ein starker Schluss gewesen. Aber leider gibt es noch einen kurzen Epilog, in dem die berühmten Massen ihre Trauer vor dem Buckingham Palast mit Blumenmeeren bekunden. Und sich auch der Arzt mit einem Sträußchen schüchtern in die Massen einreiht. Das ist dann leider nur noch Kitsch, wie ihn Bestsellerautorin Barbara Cartland, die Stiefgroßmutter von Lady Di, nicht besser hätte schreiben können.

Gleichwohl ist das der eindrucksvollste Film, den man bislang über Lady Di hat sehen dürfen. Und das Vexierstück zu Stephen Frears’ zugegeben noch grandioserem Drama „The Queen“. Das handelte bekanntlich von „The Firm“ nach dem Unfalltod in Paris, und dort wiederum wird nur die königliche Familie gezeigt, nie aber eine Diana in Rückblenden. Am schönsten wäre es, beide Filme als Double Feature zu sehen: erst die Tragödie, wie Diana im königlichen Exil zerbricht. Und dann das Drama, wie die Monarchie fast an der Trauer des Volkes zerbricht.