„Kunst-Detektivin“. So wird Meike Hoffmann von manchen genannt. Sie selbst würde diesen Begriff für sich vielleicht gar nicht anwenden. Zu reißerisch. Zu sehr ist sie Wissenschaftlerin, promovierte Kunsthistorikerin der Freien Universität Berlin, diskret und verschwiegen. Eine international anerkannte Expertin für von den Nationalsozialisten als „entartet“ verbotene Kunst. Hoffmann ist immer dann gefragt, wenn seit der Nazizeit verschollene Kunstwerke wieder auftauchen und identifiziert werden müssen oder wenn deren Besitzverhältnisse zu klären sind.

2010 zum Beispiel machte Hoffmann Schlagzeilen, als sie bei der Identifizierung von vernichtet geglaubten Skulpturen beteiligt war, die bei Grabungen nahe dem Roten Rathaus in Berlin gefunden wurden. Seit 2006 arbeitet Hoffmann als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Projektkoordinatorin an der Forschungsstelle „Entartete Kunst“.

Das Schicksal von rund der Hälfte der 21.000 Gemälde, Grafiken und Skulpturen, die die Nationalsozialisten als „entartet“ aus Museen und Kunsthäusern verbannt und von Privatpersonen beschlagnahmt hatten, konnte die Forschungsstelle bislang aufklären. Doch Cornelius Gurlitts unermesslicher Kunstschatz ist Hoffmanns bislang größter Fall. Und nicht nur das.

Eine dunkel gerahmte Brille, die Haare hochgesteckt, dunkles Jackett. So sitzt die 51-Jährige am Dienstag auf dem Podium in Augsburg und stellt mit den Ermittlern des Zolls Einzelheiten über den Münchner Gemäldefund vor. Lange hat die 51-Jährige über den Fund geschwiegen. Seit Anfang 2012 recherchiert sie schon die Herkunftsgeschichte von Gurlitts Schatz. Jetzt ist ihr die Freude über den Fund deutlich anzusehen.

Bisher unbekannte Meisterwerke entdeckt

Völlig unbekannte Meisterwerke hatten die Zollfahnder entdeckt, als sie die Wohnung des heute 79-jährigen Cornelius Gurlitt durchsuchten. Am 28. Februar 2012, nicht bereits 2011. Dies stellt der Leiter des Zollfahndungsamts München, Siegfried Klöble, klar, ohne allerdings den Namen Gurlitt zu nennen. Die Ermittler stießen in einem Raum auf die Bilder. „Die Gemälde waren in diesem Raum fachgerecht gelagert und in einem sehr guten Zustand“, sagt Klöble. Sie seien zum Teil verschmutzt gewesen, aber nicht beschädigt, betont Hoffmann. Ein wichtiger Punkt. Schließlich hatte es geheißen, Gurlitts 87 Quadratmeter große Wohnung sei vermüllt gewesen.

„Die Werke sind von ganz außerordentlicher Qualität“, sagt Hoffmann. Mehrere Bilder berühmter Avantgarde-Künstler sind nach ihren Erkenntnissen bisher gänzlich unbekannt und nicht in Werkverzeichnissen erfasst. Es handele sich nicht nur um Werke der klassischen Moderne, sondern auch um deutlich ältere Werke. 1285 ungerahmte und 121 gerahmte Bilder seien beschlagnahmt worden. Darunter befanden sich Arbeiten von Picasso, Chagall, Marc, Nolde, Spitzweg, Renoir, Macke, Courbet, Beckmann, Matisse, Liebermann, Dix, Kokoschka, Schmidt-Rottluff, Toulouse-Lautrec und Kirchner. Sogar Arbeiten von Canaletto und Albrecht Dürer seien darunter.

Auf die Spur der Bilder kamen die Ermittler nach einer Personenkontrolle am 22. September 2010 in einem Schnellzug von Zürich nach München. Dabei ergab sich der Anfangsverdacht einer Steuerstraftat. Ermittelt wird auch wegen möglicher Unterschlagung. Allerdings gehen die Ermittler nicht davon aus, dass Gurlitt noch ein zweites Lager hatte. Das Gemälde „Löwenbändiger“ von Max Beckmann sei noch vor der Durchsuchung versteigert worden.

Als „entartet“ diffamiert

Viele Stücke aus den Beständen von Gurlitts Vater, dem Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, stammten von Künstlern der Klassischen Moderne. Von den Nazis wurden viele Bilder als „entartet“ diffamiert und in der Folge beschlagnahmt, Hildebrand Gurlitt sollte die Kunstwerke im Auftrag der Nationalsozialisten veräußern. Ein Schatz für die Kunstgeschichte – aber auch für die Familien, denen die Werke vor dem Zweiten Weltkrieg geraubt worden waren.

Doch die Augsburger Staatsanwälte entschieden sich für höchste Geheimhaltung. Weder der Wert der Sammlung, noch der Aufbewahrungsort werden verraten, ebenso wenig, welche früheren Eigentümer bereits Ansprüche angemeldet haben – wenn sie es denn nicht selbst kundtun, wie nun die Erben des jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim. Unklar ist auch, wo sich Cornelius Gurlitt aufhält, gegen den wegen Unterschlagung und Steuerdelikten ermittelt wird.

Warum keine Offenheit? „Es ist für uns kontraproduktiv“, begründet der Augsburger Oberstaatsanwalts Reinhard Nemetz. „Die Ermittlungen werden gefährdet, die Kunstwerke werden gefährdet.“ Seit Bekanntwerden der „wahnsinnigen Dimension“ hätten bereits die Sicherheitsvorkehrungen für die Bilder erhöht werden müssen. So sieht es auch Klöble: „Die Geheimhaltung ist die beste Sicherung.“ Wo der Kunstschatz lagert, bleibt deshalb auch weiter ein Geheimnis – „jedenfalls nicht in unserem Depot in Garching“, sagt er.

Doch damit wollen sich viele Erben nicht zufriedengeben – sind sie doch immer noch auf der Suche nach den Kunstschätzen ihrer Vorfahren. Nachdem der „Focus“ über den Sensationsfund berichtet hatte, liefen prompt erste Anfragen in Augsburg ein mit der Bitte um Prüfung. Ein Katalog oder ein Online-Verzeichnis wie in der „Lost Art-Datenbank“ würde die Recherche erleichtern.

Kritik an Geheimhaltung

Auch der Berliner Rechtsanwalt und Kunstexperte Peter Raue kritisiert die lange Geheimhaltung scharf. Die Begründung, wonach man erst habe klären wollen, wem die Kunstwerke gehörten, sei „nachgerade dreist“, sagt Raue am Dienstag im Deutschlandradio Kultur. Er fordert, Bilder der Werke im Internet zu veröffentlichen. Dann könnten sich Museen und Angehörige der früheren jüdischen Eigentümer melden und zur Aufklärung beitragen. „Das wird alles verhindert, weil sie sagen, ,wir forschen selbst’. Das ist unglaublich“, sagt Raue.

Doch das soll es nicht geben, nicht zuletzt, um vor unseriösen Anfragen zu schützen. Außerdem wolle nicht jeder Berechtigte öffentlich machen, dass ihm ein Otto Dix oder ein anderes wertvolles Kunstwerk gehöre, erklärt Nemetz. Wer glaube, einen Anspruch zu haben, könne sich aber jederzeit an die Augsburger Ermittler wenden. Eine Rückgabe steht für ihn ohnehin noch lange nicht im Raum. „Wir haben kein Interesse, ewig auf den Bildern zu sitzen, und wir werden die Bilder auch nicht behalten“, betont er. Doch bislang sei noch nicht mal sicher, welche Bilder überhaupt als Nazi-Raubkunst gelten und welche erst nach dem Zweiten Weltkrieg in die Sammlung der Familie Gurlitt aufgenommen wurden.

Hoffmann steht mit der Prüfung der 1400 Objekte noch am Anfang. Sie habe stichprobenartig damit begonnen, die Werke zuzuordnen, sagt sie. „Viele Werke werden eventuell auch nicht eindeutig identifizierbar sein.“ Und so ist Gurlitts Gemäldesammlung nicht nur ihr größter Fall: Der Anblick der Werke sei auch ein „Glücksgefühl“, sagt die Wissenschaftlerin. „Es war sehr emotional für mich, alle diese Kunstwerke zu sehen und zu realisieren, dass es sie noch gibt.“

mit dpa