Bestens aufgelegt erscheint Jude Law zum Interview im Adlon Hotel und will gleich wissen, wie es einem geht. Das eigene Befinden nennt der britische Schauspieler grinsend „gut, gut“. Der 40-jährige ist in Berlin, um den Pharma-Thriller „Side Effects – Tödliche Nebenwirkungen“ vorzustellen, der am 25. April im Kino anläuft. Darin spielt er einen Psychiater, der in ein Netz aus Korruption und Intrigen gerät.

Berliner Morgenpost: Herr Law, sind Depressionen ein Phänomen unserer Zeit, macht uns die Gesellschaft krank?

Jude Law: Das glaube nicht. Wenn Sie sich die Geschichte anschauen, sehen Sie, dass es Depressionen schon schrecklich lange gibt. Sie tauchen nicht nur in medizinischen Studien auf, sondern sind auch Thema in Romanen, Gedichten, sogar in der Musik und in Theaterstücken. Aber heute haben wir den Wunsch, unsere Stimmung permanent unter Kontrolle zu halten. Und das am besten, indem wir schnell was einwerfen, damit wir weiter arbeiten und funktionieren können. Wir arbeiten ja ständig, checken dauernd unsere Mails, sind 24 Stunden am Tag online und erreichbar, 365 Tage im Jahr.

Man könnte ja auch mal abschalten...

Aber das können wir einfach nicht und das wirkt sich auf unser emotionales Gleichgewicht aus. Wir können es uns nicht erlauben, mal einen Tag zu haben, an dem wir mal nicht gut drauf sind. Oder schauen Sie sich all diese Magazine an, die uns erklären, wie wir perfekt aussehen und das ideale Leben führen. Da passt man eben nicht rein, wenn man sich mal schlecht fühlt oder traurig ist. Und dagegen gibt es dann alle möglichen Präparate. Aber was ist den so falsch daran, mal traurig zu sein? Ich rede nicht von klinischen Depressionen, unter denen ich zum Glück nie gelitten habe.

Und was tun sie, wenn Sie mal nicht so gut drauf sind?

Ich wurde zum Glück immer ermuntert, das voll auszukosten. Meine Mutter hat immer gesagt, dass es mindestens so interessant sei, down zu sein wie oben. Und ich habe natürlich immer die Ausrede, dass ich Schauspieler bin und mich auch mit meinen dunklen Seiten auseinandersetzen muss. Aber im Ernst, auch wenn das jetzt total langweilig klingt: Was wirklich hilft, ist Sport. Wenn ich mich körperlich fit und gesund fühle, komme ich auch mit Stimmungsschwankungen besser klar.

Wie sehen die aus?

Ich gehöre zu denen, die morgens aufwachen und leicht schlechte Laune haben. Ja, ich bin ein Morgenmuffel! Das heißt nicht, dass ich niedergeschlagen bin, es ist einfach mein Temperament. Deshalb brauche ich einen Tritt in den Hintern, um in Schwung zu kommen. Und da hilft mir morgens ein langer Lauf durch den Park. Das macht den Kopf frei.

Und ein Kaffee.

Ich trinke gar keinen Kaffee. Ich vertrage den nicht, ich werde nervös und mein Magen rebelliert. Aber ich gebe zu, auch ich putsche mich mit Koffein. Aber ich trinke lieber Grünen Tee, der bekommt mir mehr.

Andere Aufputscher?

Ich nehme keinerlei Tabletten, habe ich noch nie. Nicht mal gegen Kopfschmerzen. Aber ich liebe Whiskey. Ein Glas guter Scotch! Scotch und Shortbread, schottisches Mürbeteiggebäck, sind eine ausgezeichnete Diät. Ich bin also kein totaler Gesundheitsapostel. Aber ich achte schon auf mein Wohlbefinden, die Balance muss stimmen.

Sind Sie ebenso ehrgeizig wie Ihre Figur im Film?

Wenn mich etwas interessiert, auf jeden Fall. Ich habe ein ausgeprägtes Berufsethos. Wenn man Teil eines Films oder einer Theaterproduktion ist, muss man mit Herzblut und höchster Sorgfalt bei der Sache sein. Ich bin der Meinung, dass man immer sein Bestes geben muss. So arbeite ich und ich genieße diesen Prozess, und er wird von mal zu mal komplexer. Ich grabe mich gern in ein Thema oder eine Figur ein und versuche, jeden Aspekt bis ins Letzte zu verstehen.

Sind Sie ein obsessiver Charakter?

Vielleicht ein bisschen, ja. Ich habe jedenfalls in den letzten Jahren gemerkt, dass mich meine Arbeit nicht erfüllt, solange ich nicht an den Punkt komme, dass ich Angst davor habe, in eine Rolle zu schlüpfen. Diesen Punkt überwinde ich, in dem ich mich noch mehr hineinknie. Dann fühle ich mich bereit. Ja, das ist wohl besessen. Fällt mir jetzt auch auf, wenn ich es laut ausspreche.

Was war es konkret im Fall des Psychiaters Dr. Banks?

Ich musste zuerst mal verstehen, wie so ein Psychiater arbeitet. Ich hatte keine genaue Vorstellung davon, weil ich selbst privat nur ein paar Mal bei einem war. Ich wollte also diese Welt begreifen, ohne selbst fünf Jahre in Therapie gegangen oder eine Ausbildung gemacht zu haben. Mir ging es vor allem um den Ablauf, was ein Psychiater erreichen will und wie er es erreicht. Die Richtlinien und Parameter, was erlaubt ist und was als unprofessionell gilt.

Gibt es die typische Jude-Law-Methode zur Vorbereitung auf eine Rolle?

Wichtig ist generell, die Motive der Figur zu verstehen, was sie umtreibt. Und dazu muss ich mir ausmalen, was dieser Mensch alles vor der eigentlichen Geschichte, die im Film erzählt wird, erlebt hat. Wo wurde er geboren, wer sind seine Eltern, wie waren seine Kindheit und Jugend... Ich stelle da eine ganze Lebenskarte auf, mit Notizen und Skizzen, die mir helfen, diese Figur als Ganzes zu begreifen und zum Leben zu erwecken.

Klingt anstrengend...

Aber finden Sie nicht, dass wir Schauspieler zu viel darüber reden, wie wir uns auf eine Rolle vorbereiten? Jeder hat da so seine Tricks, aber die muss man ja nicht immer verraten. „Ich bin für sechs Monate in den Dschungel gegangen und habe meinen eigenen Urin getrunken.“ Will man das alles so genau wissen?

Sie sind in London geboren und aufgewachsen, drehen in Europa und Hollywood. Sehen Sie einen Unterschied im Umgang mit Depression bei uns und in den USA?

Die Amerikaner reden viel mehr über ihre Therapien, für sie ist es eine Möglichkeit, etwas über sich zu lernen. Für uns Briten wäre so etwas nie ein Thema beim Abendessen. Psychotherapie macht man, wenn man krank ist. Und schweigt darüber. Aber sonst sehe ich da ehrlich gesagt keine großen Unterschiede.

Und das Verhältnis zu Psychopharmaka?

Es gibt natürlich pharmazeutische Medikamente, die vielen wirklich kranken Menschen sehr geholfen haben, wieder ein normales Leben zu führen. Aber wir tendieren alle dazu, lieber die Abkürzung zu nehmen als uns wirklich mit etwas auseinanderzusetzen. Und viele nehmen Tabletten, die sie gar nicht wirklich brauchen. Das ist ja ein Teufelskreis, man nimmt es einmal und merkt, dass man weniger ängstlich war oder besser schlafen konnte. Und dann nimmt man es plötzlich regelmäßig. Ob das nun Depressionen sind oder Gewichtsprobleme, wenn es dagegen eine Pille oder Pülverchen gibt, her damit. Das ist soviel einfacher, als auf eine gesunde Ernährung zu achten und regelmäßig Sport zu treiben. Wir alle wollen uns möglichst schnell besser fühlen.

Welche Nebenwirkungen hat das Leben als Star?

Die guten Nebenwirkungen sind sicherlich, mit Leuten arbeiten zu können, die ich bewundere und überhaupt weiterhin meinen Traumberuf ausüben zu können. Und dafür werde ich auch noch großzügig belohnt, ich darf reisen, treffe viele kreative, inspirierende Menschen. Die Nachteile dass man einen Teil seiner Privatsphäre aufgibt und die eigene Persönlichkeit von Leuten beurteilen lassen muss, die mich überhaupt nicht kennen, aber glauben, es zu tun, weil sie etwas über mich gelesen haben. Da fühle ich mich schon mal entwürdigt und herabgesetzt. Oder sie bauen sich aus den Rollen, die ich spiele, ihren subjektiven „Jude Law“ zusammen.

Wie gehen Sie damit um?

Zum Glück sind wir ja anpassungsfähige Lebewesen. Und ich stehe wegen meines Berufs schon eine ganze Weile im Blickpunkt der Öffentlichkeit, wahrscheinlich den größten Teil meines Lebens, zumindest fühlt es sich so an. Für mich ist es also längst zu einer Normalität geworden. Ich habe gelernt die öffentliche Person von dem zu trennen, wer ich wirklich bin. Ich weiß, wer ich bin.

Sie sind Ende Dezember 40 geworden. Hat Ihnen das zu schaffen gemacht?

Mich hat die große Vier nicht runtergezogen, höchstens ein kleines bisschen, aber ich bin sowieso ein sehr analytischer Mensch und sehe ich die Tatsache, dass ich im richtigen Alter für einen Midlifekrise bin, als tolle Ausrede, um genau darüber nachzudenken. Ich glaube, ich habe meine Midlifekrise seit ich 25 bin. Ich fühlte mich im Grunde schon die letzten zehn Jahre wie 40.

Wie meinen Sie das?

Ich hatte früh eine große Familie mit viel Verantwortung, die ich sehr genossen habe. Der Vierzigste war eher Gelegenheit, mal Zwischenbilanz zu ziehen und zu überlegen, was noch passieren soll und was man mit sich anfangen will. Ich habe nicht immer die richtigen Entscheidungen getroffen, aber manche Seiten an mir kann nur ich selbst ändern. Ich will das nächste Kapitel aufschlagen, einige Dinge in meinem Leben in Zukunft ein bisschen anders machen, um noch zufriedener und ausgeglichener zu werden. Ich habe mit Yoga angefangen und will mehr für mich tun.

Wie sehen Sie sich dann mit 50?

Keine Ahnung, fragen Sie mich in zehn Jahren nochmal. Hoffentlich schrecklich zufrieden. Ich bin optimistisch. Es ist ganz beruhigend, nicht mehr das hübsche junge Ding wie zu Beginn meiner Karriere zu sein. Die Rollen werden hoffentlich noch komplexer, denn nicht alles, was ich in meinen Dreißigern gemacht habe, hat mich erfüllt. Da ist noch Luft nach oben. Aber ich bin ein großer Fan davon, immer im Moment zu leben und nicht zu viel zu grübeln. Es fällt mir schwer, aber ich bin ganz gut darin geworden. Ich mache mir also nicht allzu viele Sorgen über die Zukunft. Und ich versuche, nicht zurück zu blicken.

Das Gespräch führte Thomas Abeltshauser