An Selbstbewusstsein mangelt es den Veranstaltern der Echo-Verleihung nicht. In den sozialen Netzwerken, Pressemitteilungen und sämtlichen offiziell verfügbaren Informationen heißt es über den deutschen Musikpreis, er sei eine der größten Auszeichnungen weltweit. Und füge sich „nahtlos in die Reihe der Brit Awards und des Grammy“ ein. Doch schon hier klafft zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine Lücke. Und das ist noch nicht alles. Offensichtlich wurde das in der Debatte um die Südtiroler Band Frei.Wild, die der Veranstalter von der Nominierungsliste strich. Das grundsätzliche Problem des Preises sind die Kriterien für die Vergabe. Denn die Auswahl für die jeweiligen Nominierungen beim Echo ist rein wirtschaftlich begründet und nicht kulturell: Nominiert wird, wer viele CD verkauft und hoch und lange in den Charts platziert ist.
Doch der Reihe nach: Der US-Musikpreis Grammy wird seit 1959 verliehen, hat regelmäßig mehr als 25 Millionen Zuschauer. Eine Jury aus Vertretern der Musikindustrie vergibt den Preis ohne Rücksicht auf Verkaufszahlen oder Chart-Positionen. Berücksichtigt werden technische, musikalische und sogar optische Kriterien. Und die Brit Awards verzeichneten 2012 mit einer Einschaltquote von rund 25 Prozent erstmals mehr als sechs und in der Spitze mehr als sieben Millionen Zuschauer. Bei der Preisvergabe durch eine Jury sind die Verkaufszahlen nur für eine der elf Kategorien entscheidend. Die Übertragung der Echo-Preisverleihung schauten im vergangenen Jahr rund zweieinhalb Millionen Zuschauer. Das entspricht einem Marktanteil von 9,1 Prozent.
Robbie Williams gewinnt sechs Mal in Folge
Dass der Echo, seit 1992 vergeben, sich an den Verkaufszahlen orientiert, hat in der Vergangenheit mitunter merkwürdige Blüten getrieben. So hat Robbie Williams beispielsweise von 2002 bis 2007 gleich sechs Mal in Folge den Echo in der Kategorie „Best International Rock/Pop Male Artist“ gewonnen. 2003 wurde der „Ketchup-Song“ als „Single of the Year“ ausgezeichnet und Teenie-Sängerin „LaFee“ wurde in zwei aufeinander folgenden Jahren (2006 und 2007) „beste nationale Künstlerin“.
Dennoch: Einige der Nomminierten in diesem Jahr verleihen dem Echo durchaus ein internationales Standing. Allein die Vergabe des Sonderpreises an die Rockveteranen von Led Zeppelin wertet die Veranstaltung auf. „Es ist eine besondere Ehre für uns, dass diese Jahrhundertband beim Echo in Berlin dabei sein wird“, sagt Florian Drücke vom Bundesverband Musikindustrie (BVMI), dem Dachverband des Ausrichters, der Deutschen Phono-Akademie. Jimmy Page und John Paul Jones werden höchstpersönlich in Berlin an der Verleihung teilnehmen. Schade nur, dass Led Zeppelin-Sänger Robert Plant zeitgleich lieber ein Konzert in Singapur gibt, statt sich den „Lifetime Achievement Award International for Outstanding Contribution to Music“ abzuholen.
Phone-Akademie versucht es mit „Made in Germany“
Dass man als deutsche Preisverleihung nur mühsam mit den angelsächsischen Schwergewichten mithalten kann, ist den Veranstaltern wohl trotzdem klar geworden. Daher hat die Phono-Akademie dieses Jahr verstärkt die deutschsprachigen Künstler in den Fokus genommen – sicherlich auch in der Hoffnung, damit wieder bei den Zuschauern punkten zu können. Vor einigen Wochen verkündete der Verbandsvorsitzende Dieter Gorny, dass die deutschen Musikproduktionen zurzeit so gefragt wie nie seien. „Sie dominieren die Charts und zeugen von einer kreativen Szene, die unverkrampft und selbstbewusst neue Musikstile prägt.“ „Made in Germany“ sei auf einem Höhenflug.
Doch was mit der Verpflichtung von Schlagerstar Helene Fischer als Moderatorin begann, endete mit einem ganz und gar verkrampften Eklat rund um die Südtiroler Band Frei.Wild. Die war laut Echo-Statuten durch die Zahl verkaufter Alben auf die Shortlist in der Kategorie „Künstler/Künstlerin/Gruppe/Kollaboration Rock/Alternative National“ gerutscht und qualifizierte sich somit nach 2011 bereits zum zweiten Mal für den Musikpreis. Kraftklub aus Erfurt und MIA aus Berlin rebellierten. Gemeinsam mit Frei.Wild wollten sie nicht nominiert sein – und drohten mit ihrem Abschied vom Echo.
NPD-Mahnwache am Tag der Verleihung
Es folgte eine öffentliche Diskussion um Frei.Wild, die vor allem im Internet ausgetragen wurde. Die Vorwürfe gegen die Band aus Brixen reichen von „völkisch geprägt“ bis zu „offen nationalistisch“. Die Tatsache, dass Frei.Wild-Sänger Philipp Burger ehemals Frontmann der rechten Band Kaiserjäger war, lassen alle Bekundungen, sich längst von der Szene distanziert zu haben, ziemlich blass klingen. Während Rechtsextremismus-Experten die wenig anspruchsvollen Songtexte soziologisch zerpflücken und in den Südtirolern eine neue Generation rechtspopulistischer Deutschrocker erkennen, bekunden die Kastelruther Spatzen, bei einem gemeinsamen Konzert mit der Band sei in der Vergangenheit von „rechten Tendenzen in keinster Weise“ etwas zu bemerken gewesen.
Auch Burger selbst äußert sich in einem Video, widerspricht den Nazi-Vorwürfen. „Wir wollen keine Nazis auf Konzerten – und wir wollen auch nicht, dass diese Leute sich als Frei.Wild-Fans bezeichnen.“ Sicher ist: Die Band steht nicht auf dem Index, denn explizit extremistische Parolen lassen sich in den Liedern nicht finden. Dennoch, manche Texte quellen förmlich über vor Heimatverbundenheit und Nationalstolz. Und ob es der Band gefällt oder nicht: sie zieht – neben vielen unpolitisch motivierten Fans – eben auch Rechte an. So hat beispielsweise die NPD angekündigt, am Tag der Echo-Verleihung eine Mahnwache abzuhalten.
„Intensive Diskussionen“
Die Diskussion um die deutschtümelnde Band muss Gorny zum Verzweifeln gebracht haben. Wenige Tage nach der Boykott-Drohung verkünden die Veranstalter, dass die Band von der Liste der Nominierten gestrichen wird. Die Aktion war abseh- und nachvollziehbar. Welcher Veranstalter würde freiwillig auf Publikumslieblinge wie Kraftklub und MIA zugunsten einer umstrittenen – und was die Preisverleihung anbelangt wohl auch chancenlosen – Band wie „Frei.Wild“ verzichten? Man wolle damit in die Diskussion um diese Nominierung eingreifen, teilte die Deutsche Phono-Akademie mit. Der Echo solle nicht zum Schauplatz einer Debatte um das Thema der politischen Gesinnung der Band werden. Der Vorstand habe nach „intensiven Diskussionen“ beschlossen, in die Regularien des Preises einzugreifen und Frei.Wild von der Nominiertenliste zu streichen. „Wir haben in den letzten Tagen heftige Kontroversen um die Nominierung von Frei.Wild, die auf Basis der Charts-Auswertung erfolgte, erlebt, die den gesamten Echo und damit auch alle anderen Künstler und Bands überschatten“, erklärte Drücke vom BVMI.
Aber was sagt das eigentlich über den Echo? Wie sinnlos ist eine Preisverleihung, deren Kriterien der Veranstalter eigenmächtig über Nacht ändern kann? Wie couragiert ist der Musikverband, weil er die eigenen Regeln zugunsten eines Zeichens gegen rechte Tendenzen bricht? Auch wenn das BVMI-Kulturinstitut mit dem schwungvolle Namen Deutsche Phono-Akademie den Echo ausrichtet, sind die Wurzeln der Preisverleihung eben wirtschaftlicher und nicht kultureller Natur.
Der BVMI ist die Lobby der Musikindustrie und vertritt in erster Linie deren ökonomischen Interessen. Er entstand Ende 2007 aus den Verbänden der Tonträgerhersteller und der Phonographischen Wirtschaft. Künstlerische Belange wie musikalische Schaffenskraft oder außergewöhnlich qualitative Tonaufnahmen sind nicht von Belang. Das erklärt zum einen die banalen Nominierungskriterien, zum anderen die überraschend schnelle Entscheidung, eher die eigenen Regularien zurechtzustutzen, als es sich mit kommerziell erfolgreichen Bands zu verderben.
Echo mit beachtlichem musikalischen Programm
Jetzt ist also eine Band mit eigentümlichen Vorstellungen von Stolz und Heimat nicht mehr nominiert, obwohl sie es sein müsste. Die Veranstalter fürchten, dass eine politische Diskussion die Show stört. Und die Frage danach, wie weit Toleranz im Musikgeschäft gehen sollte, bleibt unbeantwortet. Die Debatte hätte dem Preis guttun können.
Das musikalische Programm ist übrigens beachtlich. Live-Auftritte von Depeche Mode, deren neue Platte erst am Freitag veröffentlicht wird, und Emeli Sandé sind Highlights. Auch ein Auftritt von Carla Bruni, Sängerin und Ehefrau des ehemaligen französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, hat Seltenheitswert. Der gemeinsame Auftritt von Silly, Lena und Peter Plate dürfte ebenfalls den Geschmack vieler Zuschauer treffen.
Schlager-Sängerin Fischer, die als Moderatorin gute Laune auf der Bühne verbreiten soll, ist gleichzeitig eine der fünf Nominierten in der Kategorie „Deutschsprachiger Schlager“. Sie wäre überaus stolz, wenn sie die Auszeichnung mit nach Hause nehmen könnte. Ihre Begründung: „Der Echo ist der Musikpreis, der am echten Erfolg im Musikbusiness gemessen wird. Es geht darum, wie oft die Menschen unsere Platten gekauft oder die Lieder gedownloaded haben, und es geht eben nicht um die Befindlichkeiten einer Jury, die die Sänger mögen oder eben nicht.“ Zu Frei.Wild will sich die 28-Jährige nicht äußern.
mit föl












