05.03.13

Tutanchamun

Warum Berliner vor dem Fluch des Pharao sicher sind

Die Wanderausstellung "Tutanchamun" macht Station in Berlin. Kein einziges Exponat ist ein Original. Aber das gehört zum Konzept.

Von Stefan Kirschner
Foto: A.-M. v. Sarosdy/Semmel Concerts

Nachbau des Originals In diesem Zustand entdeckte Howard Carter eine der Grabkammern des Pharaos Tutanchamun vor 90 Jahren im Tal der Könige. In Berlin wird sie rekonstriert
Nachbau des Originals In diesem Zustand entdeckte Howard Carter eine der Grabkammern des Pharaos Tutanchamun vor 90 Jahren im Tal der Könige. In Berlin wird sie rekonstriert

Der Gang ist ganz schön lang. In geduckter Haltung geht es vorwärts, immer tiefer ins Weltwunder hinein. Die Luft ist stickig, aber das Ziel lockt. Aufrichten, durchatmen – und beim Blickwechsel mit dem kurz zuvor angekommenen Araber feststellen, dass die Überraschung eint: Die Grabkammer ist ziemlich leer, ziemlich schmucklos und riecht ein bisschen muffig. Ein Besuch einer der drei großen Pyramiden von Gizeh am Rande Kairos zählt zu den Höhepunkten einer klassischen Ägyptenreise, aber wo die Erwartung hoch ist, liegt die Enttäuschung nahe. Immerhin war man mal drin, am authentischen Ort, hat erfolgreich die nervigen Kamelrittanbieter, Souvenirhändler und Bettler hinter sich gelassen.

Und wonach riecht es in der Arena? Ein bisschen nach Farbe. Auf 4000 Quadratmetern wird dort gerade eine seit einigen Jahren tourende Wanderausstellung aufgebaut: "Tutanchamun – Sein Grab und seine Schätze". Bekanntlich hat sich dieser König keine Pyramide bauen lassen, die Zeit der monumentalen Begräbnisstätten war da schon vorbei. Der junge Pharao fand seine letzte Ruhe im Tal der Könige, einer hügeligen Wüstenlandschaft, einige Kilometer von Luxor entfernt, zu dem man organisiert per Kleinbus oder individuell und abenteuerlustig mit gangschaltungslosen chinesischen Leihrädern hinkommen kann.

Graböffnung inszeniert

Tutanchamun war keiner der wirklich bedeutenden Herrscher, das erkennt man schon an seinem Grab, das vergleichsweise bescheidene Dimensionen hat. Er ist aber trotzdem viel bekannter als sein rebellischer, mutmaßlicher Vater Echnaton, der die Vielgötterei abschaffte, oder Ramses II., der auch sich selbst zu Ehren Abu Simbel errichten ließ. Tutanchamun wurde weltberühmt, weil der Archäologe Howard Carter vor ziemlich genau 90 Jahren im Tal der Könige sein Grab fand. Es war gut erhalten, Grabräuber hatte sich zwar in der Vorkammer ausgetobt, aber offenbar nicht genug Zeit gehabt, auch die anderen Räume richtig zu plündern. Neben der Mumie sind über 5000 Objekte wie die legendäre, elf Kilogramm schwere Goldmaske, Sarkophage, Alabastertruhen und vieles mehr gefunden worden.

Carter hat den Fund hübsch inszeniert, Journalisten waren 1923 bei der Graböffnung vor Ort, er selbst tat so, als ob er nicht wissen würde, was drin wäre (was sehr wahrscheinlich nicht stimmte; er hatte das Grab vier Monate vor der medialen Öffnung entdeckt), die Grabkammer-Exklusivrechte waren an eine Londoner Zeitung verkauft. Alles sehr modern.

Ein Hauch Authentizität

Rund 1000 Objekte zeigt die Ausstellung, jedes Stück ist ein Replikat, eigens für die Ausstellung angefertigt in einer ägyptischen Werkstatt. Dass die Exponate aus dem Ursprungsland stammen, ist den Ausstellungsmachern wichtig. Es atmet ein kleines Stückchen Authentizität. Denn natürlich wissen sie, dass der erste Vorwurf gegen ein solches Projekt der völlige Verzicht auf Originale ist. Das Fehlen jeglicher Aura. Der Einstieg ins archäologische Disneyland. Die Macher gehen damit offensiv um, betonen, dass sich nun erstmals die Gelegenheit bietet, Carters "bedeutenden Fund dreidimensional in seiner originalen Fundsituation zu erleben". Und in Farbe, könnte man ergänzen.

Nichts steht hinter Panzerglas

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Die Ausstellung macht Lust auf mehr und verhehlt nicht ihren Bildungsanspruch, der zeitgemäß verpackt ist. Natürlich glänzt hier vieles ein bisschen zu golden, Originalexponaten sieht man meistens ihr Alter auch an. In den ersten Räumen wird in die Kultur des Alten Ägyptens und die Zeit einführt, unter anderem mit klassischen Schautafeln, einem Film und per Audio-Guide. Ihrem Thema nähert sich die Ausstellung gewissermaßen von der Totale zur Nahaufnahme. Die Besucher betreten einen Raum, in dem die Schätze des Pharaos in drei Grabkammern so präsentiert sind, wie Howard Carter sie vorgefunden hat. Im zweiten Ausstellungsteil werden dann schöne und bedeutende Objekte des Grabschatzes präsentiert. Man geht vorbei an den vergoldeten Schreinen und kommt schließlich zur berühmten Goldmaske.

Neues Geschäftsmodell

Die wird hier nicht unter Panzerglas präsentiert wie Nofretete (höchstwahrscheinlich die Mutter von Tutanchamun) ein paar Kilometer weiter auf der Museumsinsel. Im Neuen Museum sind noch andere ägyptische Originale zu sehen, wer will, kann dort selbst den Aura-Test machen. Während Museen trotz gelegentlicher Rückgaben immer noch auf einen großen Fundus an Originalen zurückgreifen können (und damit auch ihre Existenz rechtfertigen), haben Pharao-Wanderausstellungen zunehmend das Problem, dass hochkarätige Originale nicht mehr ausgeliehen werden, also nicht auf Tour gehen dürfen. Das spielt den Machern von "Tutanchamun" in die Karten. Rund fünf Millionen Euro hat Semmel Concerts investiert, um die Ausstellung zu kreieren. Für die örtliche Präsentation kämen noch mal 2,5 Mio. Euro für Saalmiete, Aufbau, Werbung und anderes dazu, sagt Ausstellungsmacher Christoph Scholz.

Ein Geschäftsmodell, das sich offenbar rechnet. Über vier Millionen Besucher hat die Wanderausstellung, die 2008 in Zürich Premiere hatte, mittlerweile in zwölf Ländern und an 16 Orten angezogen. Schon ein Jahr später wurde eine zweite Ausstellung nachgebaut, 2010 folgte die dritte Ausgabe; ein Vorteil des Konzepts, denn Replikate lassen sich problemlos vermehren und ersetzen.

Arena Berlin, Eichenstraße 4, Treptow. 9. März bis 30. September 2013, täglich von 10-18 Uhr.

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