08.12.12

Peter Raue

"Ein ganz tief sitzender Hass gegen die Suhrkamp-Kultur"

Bei Suhrkamp eskaliert der Konflikt: Anwalt Peter Raue sprach mit der Berliner Morgenpost über Gerichtsverfahren und die Motive.

Von Matthias Wulff
Foto: Reto Klar
<anlauf-bu>Auf der Seite der Unseld-Familienstiftung</anlauf-bu> Anwalt Peter Raue verteidigt Suhrkamp in den Prozessen gegen den Minderheitsgesellschafter Hans Barlach
Auf der Seite der Unseld-Familienstiftung Anwalt Peter Raue verteidigt Suhrkamp in den Prozessen gegen den Minderheitsgesellschafter Hans Barlach

Es kling ziemlich bedrohlich, was in diesen Tagen über den Suhrkamp Verlag zu lesen ist. Die beiden Gesellschafter des Verlages, der vor knapp drei Jahren aus Frankfurt in den Prenzlauer Berg zog, haben bei einem Gerichtsverfahren in Frankfurt den Ausschluss des anderen Teilhabers verlangt, es war sogar vom Ende von Suhrkamp die Rede. Zum einen ist da die von der Suhrkamp-Chefin Ulla Unseld-Berkéwicz geführte Unseld-Familienstiftung, die 61 Prozent am Verlag hält. Und da ist zum anderen Hans Barlach, der über die Medienholding Winterthur mit 39 Prozent beteiligt ist. Seit 2007 ist Barlach dabei und es gab nur wenige Monate, in denen sich die Gesellschafter grün waren. Einer der Anwälte, der den Suhrkamp-Verlag vertritt, ist Peter Raue. Matthias Wulff hat mit ihm gesprochen.

Berliner Morgenpost: Herr Raue, Sie als Anwalt haben bestimmt den Überblick. Wie viele gerichtliche Auseinandersetzungen gibt es zwischen den beiden Suhrkamp-Gesellschaftern?

Peter Raue: Mindestens fünf. Es gibt die beiden Verfahren in Berlin und dann noch drei weitere Verfahren. Es kann sein, das irgendwo noch etwas anhängt – Hans Barlach hat ja so eine Klagewut, da will ich nichts ausschließen.

Können Sie eine Einordnung geben, welche Prozesse wichtig sind?

Die Berliner Prozesse sind nicht so bedeutend wie die Frankfurter Prozesse. In Berlin geht es in dem einen Prozess darum, dass Suhrkamp Räume der im Eigentum der Familie Unseld-Berkéwicz stehenden Villa in der Gerkrathstrasse in Nikolassee angemietet hat. Hans Barlach ist der Meinung, diese Anmietung hätte von der Gesellschafterversammlung genehmigt werden müsse, weil die Kosten für diese Räume jährlich 75.000 Euro übersteigen und nach dem Gesellschaftervertrag solche Ausgaben der Zustimmung der Gesellschafter bedürfen. Darüber muss das Gericht entscheiden.

Das ist aber nicht kriegsentscheidend?

Nein, das hat eher untergeordnete Bedeutung. In einem zweiten vor dem Landgericht Berlin anhängigen Verfahren will Barlach erreichen, dass die Geschäftsführer des Suhrkamp Verlages abberufen werden. Er begründet es damit, dass diese Räume in der Gerkrathstrasse angemietet haben, ohne die aus Barlachs Sicht erforderliche Genehmigung einzuholen, und als "Strafe" dafür müssten die Geschäftsführer abberufen werden. Diesem Verfahren sehe ich gelassen entgegen.

Wichtiger sind also die Verfahren in Frankfurt?

Eines davon fand diese Woche statt. Hier geht es darum, dass die Familienstiftung – die Mehrheitsgesellschafterin des Suhrkamp Verlages ist – den Ausschluss von Barlachs Medienholding AG Winterthur beantragt hat. Daraufhin hat die Medienholding umgekehrt beantragt, dass die Familienstiftung ausgeschlossen wird. Und dann hat Herr Barlach am 27. November, also zehn Tage vor dem Gerichtstermin, einen Antrag auf Auflösung der Gesellschaft gestellt. Dieser Antrag ist theoretisch dramatisch – weil dessen Erfolg das Ende des Suhrkamp-Verlages bedeuten würde. Praktisch ist er aber völlig bedeutungslos. Ich kenne keinen Verlag, der jemals so aufgelöst wurde, und wenn man sich die juristischen Kommentare anschaut, dann weiß man, dass der Antrag keine Chance hat. Barlach will einfach nur Wirbelwind machen. Und das hat er auf fatale Weise ja auch erreicht. Der Gedanke, dass er so das Ende des Suhrkamp-Verlages herbeiführt, ist geradezu abartig, belegt aber auch in bestürzender Weise, welches Ziel Barlach verfolgt.

Aber die Aufregung kam doch daher, weil der Vorsitzende Richter gesagt hat: "Einer der namhaftesten Teilnehmer am Literaturbetrieb der Nachkriegszeit droht zu verschwinden."

Das hat er in ganz anderem Zusammenhang gesagt. Der Richter hat gesagt, wenn das, was Herr Barlach will, Wirklichkeit würde, dann würde einer der namhaftesten Teilnehmer am Literaturbetrieb der Nachkriegszeit verschwinden. Aber er hat mit keinem Wort gesagt, dass er auch nur daran denkt, dem Antrag statt zu geben.

Aber die Nachrichtenagentur dpa hatte es ja so geschrieben.

Das ist einfach schief formuliert. Der Richter hat im Termin überhaupt keine Prognose abgegeben.

Wo liegt das grundsätzliche Problem zwischen den beiden streitenden Parteien?

Der Grundstreit zwischen Familienstiftung und Herrn Barlach liegt darin, dass Herr Barlach nur an den Gewinnen von Suhrkamp interessiert ist, und eine möglichst hohe Ausschüttung erreichen will. Er hat in einer Sitzung gesagt, als über das Budget gesprochen wurde: "Es ist doch viel günstiger, wenn wir gar keine neue Bücher mehr produzieren, sondern nur noch die Backlist bedienen."

Eine originelle Idee.

Ja, Sie lachen. Aber das ist Barlachs Mentalität, die auch zum Weinen ist. Das leuchtet doch ein: Wenn man nur so etwas wie "Feuchtgebiete" verkaufen will, dann braucht man auch keine Salons, in denen intellektueller Diskurs stattfindet. Dann muss man auch nicht das Familiengefühl der Suhrkamp-Autoren pflegen. Und die ist die Basis für den Erfolg des Verlages. Der Verlag will die Gewinne weitgehend reinvestieren in das Unternehmen, um die Verlagskultur aufrecht zu erhalten. Herr Barlach hingegen will, dass jeder verdiente Cent auch sofort ausgeschüttet wird. Da liegt das Grundproblem.

Aber solche renditeorientierte Buchverlage gibt es doch genug am Markt – da hätte man sich doch nicht an Suhrkamp beteiligen müssen.

Klar, seine Vorstellungen passen absolut nicht zu Suhrkamp. Wir haben Herrn Barlach ausdrücklich angeboten, dass wir ihm seine Anteile abkaufen.

Und?

Barlach sagt, er gäbe seine Anteile nur ab, wenn der Verlagswert mit 75 Millionen Euro angesetzt wird. Das ist aber total unrealistisch.

Ehrlich gesagt, kann ich nicht einschätzen, wie viel Suhrkamp wert sein könnte.

Man könnte den Wert ansetzen, der zugrunde gelegt wurde, als Joachim Unseld seine Anteile verkauft hat. Damals wurde der Verlag mit insgesamt rund 18 Mio. Euro bewertet. Aber Barlach hat schriftlich mitgeteilt, dass er jede objektive Bewertung des Verlages ablehne. Er sei nur bereit über einen Verkauf seiner Anteile zu verhandeln, wenn der Verlagswert mit 75 Mio. Euro angesetzt werde und ist überzeugt, dass Suhrkamp viel mehr Geld machen könnte, wenn man diese "literarischen Geschöpfe, die keiner lesen will" nicht fördern würde.

So richtig klar ist immer noch nicht, warum sich Herr Barlach an Suhrkamp abarbeitet.

Ich kann nur vermuten: da ist ein ganz tief sitzender Hass gegen die Suhrkamp-Kultur. Barlachs Handeln erinnert mich mit seinem Auflösungsantrag ein bisschen an Goethes Faust: "Was muss geschehen, mag's gleich geschehen, mag ihr Geschick auf mich zusammenstürzen, und sie mit mir zugrunde gehen." Das ist nach meinem Eindruck seine Mentalität. Er ist nicht konstruktiv, sondern er will Geld oder den Verlag zerstören.

Wie lange werden die Gerichtsverfahren noch dauern?

Die werden uns noch lange verfolgen.

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