Zeigt’s mir! Gebt’s mir! Macht uns Staunen! Mit allen Mitteln kämpft der Friedrichstadt-Palast an gegen das Vorurteil, Revue sei ein gestriges, ein betuliches Medium leichtfertiger Bühnen-Unterhaltung. Mit der neuen Revue „Show Me“, die gestern Abend in einer Gala-Premiere ihre Uraufführung an der Friedrichstraße erlebte, ist man dem hoch gesteckten Ziel um einiges näher gekommen. Noch größer, noch aufwendiger, noch teurer geraten ist dieses Spektakel als alle früheren Produktionen des Hauses. Entertainment auf Weltklasse-Niveau, keine Frage. Auch wenn „Show Me“ erst nach einer gewissen Anlaufzeit so richtig auf Touren kommt.

Eine Ausstattungsrevue lebt von der Optik. Es bedarf keiner durchdachten Story. Aber ein roter Faden, der das Publikum durch das Nummernprogramm aus Gesang, Tanz und Artistik führt, ist wünschenswert. Den gibt es hier nur bedingt. Die große Idee, die hinter der neun Millionen teueren Produktion steht, vermittelt sich nur rudimentär. Ein pulsierendes Stück Revuetheater auf der Höhe der Zeit schwebte den Machern von „Show Me“, Roland Welke und Jürgen Nass, vor. Sie wollten nichts weniger als die Kunst der Großmeister von Broadway- und Hollywood-Revuen der 30er- und 40er-Jahre ins Heute übertragen.

Was wäre, so die Aufgabenstellung, wenn drei der größten amerikanischen Showlegenden noch einmal aufeinander treffen würden, um eine gemeinsame Revue auf die Beine zu stellen? Busby Berkeley, der König des Hollywood-Musicals, Florenz Ziegfeld, der Schöpfer der am Broadway gefeierten „Ziegfeld Follies“ und Esther Williams, die badende Venus mit ihren opulenten Wasser-Choreographien. Sie haben in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts das Unterhaltungstheater geprägt, und durch das Kino in alle Welt getragen. Ihnen und ihrer Kunst will man mit „Show Me“ huldigen. Und entführt das Publikum auf eine Reise durch die Vergangenheit in die Gegenwart.

Schatzsuche unter Wasser

Der Friedrichstadt-Palast mit seinen rund 1900 Plätzen gilt als größtes Revue-Theater der Welt. Mit der größten Bühne der Welt. Superlative gehören hier zur Grundausstattung. Diese mehr als 2800 Quadratmeter üppige Spielfläche will ausgefüllt werden. Lichtleisten und Projektionsflächen ziehen sich durch den Zuschauerraum. Ein digitales Meer wogt auf einer gewaltigen Leinwand. Die Schatzsuche nach den Pretiosen vergangener Jahrzehnte findet noch unter imaginärem Wasser statt. Tänzer und Sänger erscheinen ganz in Schwarzweiß gehalten auf einer Showtreppe. Ein Tanzpaar schwebt übers Areal und plötzlich bricht die Farbe herein. Das von Couturier Christian Lacroix in quietschbunte Ballonkostüme gesteckte Ensemble vermischt sich mit den Schemen der Vergangenheit, während die Bühne zu einem gigantischen Aquarium wird, in dem hinter einem Gazevorhang große farbprächtige Quallen und grazile Tänzerinnen im Trockenen schwimmen. Dann wieder räkeln sich zehn Tänzerinnen in Busby-Berkeley-Ornamentik auf einer imposanten Drehscheibe.

Ein formidables Girl-Group-Trio und der Sänger Oscar Laya sind die musikalischen Reiseführer in diesem schrill-bunten Bilderbogen, der immer mehr in seinen Bann zieht. Oscar Laya kennt man vielleicht noch als eine Hälfte des Grand-Prix-Duos „Alex Sings, Oscar Swings!“ Er ist ein tadelloser, stimmstarker Sänger, allerdings ohne jede Ausstrahlung. Ein Poseur mit Dauerlächeln, der im ersten Teil zudem in einem unmöglichen Bühnenoutfit mit goldleuchtender Brust-frei-Bluse zur Jeans und bulligen Glitzer-Turnschuhen steckt. Das Orchester unterlegt die immer neuen Bilder mit einer Mixtur aus Schlagerhaftigkeit und Musical-Pathos, dezentem HipHop und Eurodisco, atmosphärischen Soundflächen und pflegeleichten Elektrobeats, wobei der Originalmusik auch einige Hits wie Christina Aguileras „Beautiful“ (hier von Oscar Laya gesungen) oder Annie Lennox’ „There Must Be An Angel“ zum großen Finale untergehoben werden.

Der Weg ins pure Vergnügen ist zwar etwas lang, aber irgendwann im Laufe des Abends schafft es „Show Me“, bedingungslos für sich einzunehmen. Phänomenal ist im zweiten Teil der mächtige Wasserfall, der aus 20 Metern Höhe in das Wasserbassin stürzt. 6000 Liter Wasser pro Minute, akrobatisch umrankt von chinesischen Artistinnen und Artisten und durch Lasereinsatz zauberhaft diamanten illuminiert. Es gibt ein Wasserballett à la Esther Williams, eine muskelspielende Macho-Choreographie in knöcheltiefem Wasser und die Drehbühne wandelt sich zur rotierenden Pyramide. Immer wieder glamouröse Kostüme und verschwenderische Outfits. Immer wieder artistische Glanzleistungen, allen voran das französische Duo Aragorn, das mit seinem Kraftakt am Trapez in schwindelnder Höhe und ohne Netz für Spannung sorgt.

Show der Superlative

Der technische Aufwand ist ebenso enorm wie der Einsatz des Ensembles mit mehr als 100 Mitwirkenden, die von verschiedensten Choreografen in Bewegung gehalten werden. Florenz Ziegfelds „Follies“ der Neuzeit schreiten in verschwenderisch schönen Kostümen über das Areal, umrahmt von vier goldenen Harfen mit höchst lebendigen Galionsfiguren. In einer anderen Szene toben sich Tänzerinnen in familienfreundlicher Laszivität in einem Wüstensandkasten aus. Und ja – natürlich kommt auch die Girlreihe des größten festen Ballettensembles der Welt wieder zum Zug. 32 Tänzerinnen mit roter Mähne und roten Bikinis werfen exakt die Beine zum Jubel des Publikums.

„Show Me“ ist eine Show der Superlative, die im Laufe der Zeit sicher noch an Dramaturgie und Tempo gewinnt. Das glamouröse Happening kann durchaus mit den straff strukturierten Show von Las Vegas mithalten. Intendant und Produzent Berndt Schmidt hat es uns mal wieder gezeigt: Revue ist zeitloses Entertainment, das Traumwelten öffnet, Illusionen erschafft und mit Glanz und Glamour Staunen machen kann. Die Geister der Vergangenheit sind nach diesen zweieinhalb Stunden höchst gegenwärtig.

Friedrichstadt-Palast, Friedrichstraße 107, Mitte. Karten: 23 26 23 26.