Deutschstunde

In der Rechtschreibung ist Ben auf "Fordermann"

Und Mehmet bewirbt sich um eine „Leerstelle“. Ist die Orthografie also eine einzige Schikane? Wohl kaum, meint Peter Schmachthagen.

Peter Schmachthagen
schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache

Peter Schmachthagen schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache

Rechtschreibung ist Schikane, erklärte Mehmet, Schüler einer 10. Klasse in Kreuzberg. Fatma, seine Freundin, übersetzte diese Aussage in drastische Jugendsprache: So'n Duden geht mir so was am … [Wort von der Redaktion gestrichen] vorbei! Sina hat mit der "Ordograffie" nichts im Sinn. Nur Ben ist sich sicher: In Rechtschreibung bin ich auf "Fordermann"! Die Klasse übte das Schreiben von Bewerbungen. Mehmet bewarb sich um eine "Leerstelle". Dass die Lehrstelle leer blieb, wunderte ihn nicht besonders. Wie üblich, suchte er den Grund nicht in seinen Leistungen, sondern in seiner Herkunft.

Ist die Orthografie also Schikane? Man stelle sich vor, es gäbe wirklich keine Rechtschreibregeln. Dann wäre das Schreiben selbst für den Schreibenden eine Kärrnerarbeit, wenn er sich bei jedem Wort immer wieder neu durchs Alphabet arbeiten müsste, um das Gesprochene phonetisch ins Geschriebene zu übersetzen. Weitaus schlimmer wäre es für den Lesenden. In diesem Fall bekäme das Buchstabieren wieder seine ursprüngliche Bedeutung, wobei beim Lesen linear Buchstabe für Buchstabe auf-gelesen werden müsste, um mit Kreativität, Erfahrung und halblautem Vor-sich-hin-Murmeln nach einem passenden Sinn und Kontext zu suchen.

Allerdings saugen wir beim Lesen keine einzelnen Buchstaben auf, sondern orientieren uns an fertigen Wortbildern. Es erleichtert das Lesen und auch das Schreiben, wenn diese Bilder (sprich: Zeichenfolgen) für das jeweils Gleiche stets gleich sind. Wer fertige Wortbilder abruft, das heißt normierte Schreibweisen, macht sich die Arbeit leichter.

Wenn Mehmet seinem Kumpel eine SMS schreibt, bleibt die Geisterfahrt wider Rechtschreibung und Grammatik privat. In der Schule, im Berufsleben und in Briefen an fremde Personen sollten sie aber die gültige und amtliche Norm so weit wie möglich beachten, sonst wird die Lehrstelle auf ewig eine Leerstelle sein. Wer's nicht kann, möge sich bemühen, aber wer's nicht können will, handelt gegenüber anderen so unhöflich wie jemand, der sich seine dreckigen Schuhe beim Nachbarn in der guten Stube am Perserteppich abputzt. Das bedeutet nicht, dass jedes Schriftbild der Weisheit letzter Schluss ist, dass jede Norm und Reform nicht noch besser hätten ausfallen können. Unsere Rechtschreibung ist ein Kompromiss aus historischer (es war schon immer so), etymologischer (bereits im Althochdeutschen schrieb man's so) und phonetischer (so hört es sich nun einmal an) Überlieferung.

Jede Schreibweise ist in diesem Rahmen zu erklären. Die Rechtschreibreformer haben sich lediglich bemüht, allzu atavistische Schriftbilder der Zeit anzupassen. Kein Jugendlicher, der nach 1998 zur Schule gegangen ist, hat etwas dagegen einzuwenden, dass schnäuzen von Schnauze nicht mehr wie früher als "schneuzen" buchstabiert wird. Selbst wenn der Rauhaardackel dabei sein zweites h verloren hat – warum sollte rau ("rauh") anders geschrieben werden als grau oder blau?

Nicht geändert haben sich mit der Reform Schriftbilder von gleichlautenden Wörtern, deren Abweichung man nicht hören, sondern nur auf dem Papier oder Display sehen kann (Homofone). Sprechen Sie Seite und Saite hintereinander, und Ihr Gegenüber wird keinen Unterschied feststellen. Wenn wir Seite aber geschrieben sehen, denken wir gleich an die bedruckte Seite im Buch und bei Saite an die Stränge auf der Geige. Dann fällt es auch nicht mehr schwer, in der Rechtschreibung zu unterscheiden, ob wir drohen, andere Seiten aufzuschlagen oder andere Saiten aufzuziehen, falls wir nicht ohnehin ganz neue Saiten in uns zum Erklingen bringen müssen.

Die Rechtschreibung ist schwierig, aber keine Schikane und bei jedem Wort nachvollziehbar. Falls sie Fatma an einem gewissen Körperteil vorbeigeht, kann es sein, dass Fatma der Gesellschaft bald ebenfalls am – na, Sie wissen schon, wo! – vorbeigehen wird.

Peter Schmachthagen schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache. Kontakt: Deutschstunde@t-online.de

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