Erst nach einer Filmstunde setzt er sie sich auf, die rote Wollmütze. Dabei war sie doch das Markenzeichen für Jacques-Yves Cousteau (1910-1997). In seinen Filmen trat der Meeresforscher nie ohne sie auf. Aber warum er das tat, wird in dieser Filmbiografie umso deutlicher. Nicht weil es eine Marotte, sondern weil es „telegen“ war. Um eine Marke zu setzen. Eine reine Show- und PR-Maßnahme also. Und das ist nicht die einzige Erkenntnis, die uns dieser Film offenbart.

Dabei ist „Jacques – Entdecker der Ozeane“ – auch wenn der missglückte deutsche Titel darauf schließen lässt – keines dieser üblichen Biopics, die die Vita einer bedeutenden Persönlichkeit nach deren Lebensstationen abhaken. „L’Odyssée“, wie Jérôme Salles Film im Original heißt, wagt vielmehr einen interessanten Perspektivwechsel: eine Biografie erzählt als Vater-Sohn-Konflikt.

Schwieriges Verhältnis: Philippe (Pierre Niney, l.) und Jacques (Lambert Wilson)
Schwieriges Verhältnis: Philippe (Pierre Niney, l.) und Jacques (Lambert Wilson) © dcm | dcm

„Jacques“ beginnt gleich mit dem tragischen Unfalltod von Philippe Cousteau, der 1979 mit dem Flugzeug ins Meer stürzt. Und erzählt dann als Rückblende die Geschichte des großen Jacques Cousteau weitgehend aus seiner Sicht. Als Kind ist die Familie noch intakt, da gehen alle vier gemeinsam tauchen, die Eltern mit den beiden Söhnen.

Philippe will, anders als der kleine Bruder, unbedingt und genau so werden wie der Papa: ein Mann, der die Meere erforscht. Als der Vater sich den Traum eines eigenen Schiffs realisiert, müssen die Kinder aber aufs Internat. Papas große Triumphe wie die Goldene Palme in Cannes erfährt der Sohn wie der Rest der Welt auch: aus den Medien.

Anfangs ist die Familie noch ganz glücklich
Anfangs ist die Familie noch ganz glücklich © x | DCM / Coco Van Oppens

Erwachsen geworden, kommt Philippe schließlich an Bord. Und wird, eine Zeit lang zumindest, wirklich wie der Vater, vielleicht nur noch wagemutiger, wenn er mit der Kamera ganz nah an die Haie schwimmt. Er sieht aber auch (und der Zuschauer mit ihm) all die Nachteile des Vaters.

Wie er seine Frau betrügt, die ihren Kummer im Alkohol ertränkt. Wie er immer in den Mittelpunkt stehen muss. Bis Philippe an den Punkt kommt, wo er eben genau nicht mehr so sein will wie Jacques.

Geht schließlich eigene Wege: Pierre Niney als Philippe
Geht schließlich eigene Wege: Pierre Niney als Philippe © x | DCM / Coco Van Oppens

Dieser Gegensatz, die Anziehung und Abstoßung dieser beiden Pole macht, neben grandiosen Unterwasseraufnahmen, den großen Reiz des Films aus. Durch Alt-Star Lambert Wilson („Von Göttern und Menschen“) und dem Shooting Star Pierre Niney („Frantz“) wird „Jacques“ zu einem starken Schauspielerduell, bei dem die arme Audrey Tautou als Maman und Benjamin Lavernhe als älterer Bruder allerdings ein wenig verblassen.

Am Ende setzt auch Philippe sich die rote Mütze auf. Das größte Zugeständnis an Jacques. Dass der später ein großer Kämpfer für den Umweltschutz werden sollte, ist wiederum ein Vermächtnis des früh gestorbenen Sohnes. Auch das eine Erkenntnis, die man erst aus diesem Film erfährt.