Ein Hotel in Wien fällt Harald Welzer ein. Nicht, weil es besonders schöne Zimmer hat, sondern weil die Menschen, die dort arbeiten aus Afghanistan, Marokko oder Iran kommen. Die Gastgeber im Hotel „Magdas“ sind Flüchtlinge. „Das sind Leute, die normalerweise in den Arbeitsmarkt gar nicht reinkommen. Und die machen das total professionell“, sagt Welzer. Das Thema Flüchtlinge beschäftigt den 57-Jäh-rige renommierten Soziologen. Er hat sich bereits in vielfältiger Form mit dem menschlichen Zusammenleben befasst – wie es war, wie es ist und wie es sein könnte.
Berliner Illustrirte Zeitung: Inwiefern ist die Aufnahme von Flüchtlingen eine Herausforderung für uns?
Harald Welzer: Erstmal ist es eine technische Herausforderung für die zuständigen Behörden und natürlich für die Kommunen, die am Ende diejenigen sind, die dafür sorgen müssen, dass die Leute irgendwo unterkommen. Es sind wesentlich mehr Flüchtlinge als in den vergangenen Jahren. Ich glaube, die größte Herausforderung besteht aber darin, sich mit dem Sachverhalt zu beschäftigen, dass das nie wieder aufhören wird.
Wie meinen Sie das?
Wir haben ja momentan den wunderbaren Begriff der Flüchtlingskrise, und der Begriff der Krise beinhaltet, dass es ein vorübergehender Zustand ist. Deshalb wird der Begriff auch gern bei Eurokrise, Klimakrise oder Ukrainekrise angewendet. Aber meistens sind das keine Krisen, sondern Wandlungsprozesse, die tiefgreifende dauerhafte Wirkungen haben. Es gibt ja nicht den entferntesten Grund anzunehmen, dass die Zahlen der Flüchtlinge zurückgehen werden.
Was wird das bei uns bewirken?
Im Moment ist es ja eine unglaublich positive Geschichte. Ich glaube, es wird hierzulande viele Probleme des demographischen Wandels lösen. Es wird endlich zur Selbstverständlichkeit, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist.
Wie kann dieser demographische Wandel aussehen?
Wir haben eine Überalterung der Bevölkerung. Mit Folgen für das Sozialsystem auf der einen Seite, aber sozialpsychologisch betrachtet auch mit gravierenden Folgen für die Modernisierungsfähigkeit einer Gesellschaft. Wenn die Leute, die hier leben, mehrheitlich ihre Zukunft schon hinter sich haben, dann ist da ein anderes Herangehen an Gegenwartsprobleme als wenn man eine relativ junge Gesellschaft hat. Jetzt haben wir die Situation, dass eine sehr große Zahl an jungen Menschen kommt. Die sind hochmotiviert. Das kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Wahnsinn, wer einen solchen Weg zurückgelegt hat, um für sich oder seine Angehörige hier ein neues Leben aufzubauen. Diese Motivation hätte von den saturierten Wohlstandsbürgern keiner. Insofern sind da Menschen gekommen, die sicherlich was tun werden. Wenn sie aufgenommen werden, die Möglichkeit haben, eine Ausbildung zu machen, oder in ihrem erlernten Beruf oder Qualifikationsbereich zu arbeiten. Exakt das braucht so eine Gesellschaft wie die unsere. Das gilt nicht generell, aber für sehr viele gilt es.
Was die Flüchtlinge erlebt haben, ist ja oft traumatisch. Wird das Einfluss haben auf unsere und deren zukünftige Geschichte?
Man muss die Perspektive normalisieren. In Amerika ist es nicht wichtig, ob irgendjemand beispielsweise aus Laos gekommen ist. Das sind Amerikaner. Vielleicht gibt es Konflikte aufgrund des sozialen Status und es gibt nach wie vor ein Rassismus-Problem, aber niemals wird irgendjemand nicht als Amerikaner wahrgenommen, nur weil er eine andere Augenform hat. Das ist das Merkmal eines Einwanderungslandes. Und das wird hoffentlich hier auch irgendwann der Fall sein. Nun soll man es nicht danach differenzieren, ob die Leute aus dem Kongo sozusagen überauffällig traumatisiert sind. Bei bestimmten Einzelpersonen haben wir das. Aber von was für einer Zahl reden wir? In diesem Jahr liegt die Zahl der Flüchtlinge noch unter einem Prozent der Gesamtbevölkerung.
800.000 sollen es werden.
Das ist ja nicht dramatisch viel. Wenn Sie das jetzt epidemiologisch runterbrechen auf die einzelnen Gruppen, dann finden Sie keine Fallzahlen mehr, wo man sagen würde, die sind jetzt überwiegend traumatisiert und das wird die Gesellschaft 30 Jahre lang prägen. Der Zweite Weltkrieg dagegen hat in Europa Millionen Menschen traumatisiert. Übrigens gab es 1945 mehr als 50 Millionen Flüchtlinge in Mitteleuropa. Das ist eine vollkommen andere Dimension.
In Amerika wird die Integration von Einwanderern mit dem Begriff Melting Pot – Schmelztiegel – beschrieben. Wird das bei uns auch entstehen?
Warum nicht? Die Gesellschaft hier hat sich in den letzten zwei, drei Jahrzehnten sehr stark geöffnet. Die Leute sind weltoffener geworden. Das hatte auch was mit den Gastarbeitern in den 1960er-Jahren zu tun. Ich habe einen 21-jährigen Sohn. Als er noch zur Schule gegangen ist, war es vollkommen normal, das Leute aus Kasachstan, Usbekistan oder Afghanistan in seiner Klasse waren. Als ich zur Schule ging, war es schon besonders, wenn da ein Kind mit einem italienischen Hintergrund war. Trotzdem ist es immer noch so, dass jemand mit einem anatolischen Hintergrund auch nach drei Generationen hierzulande immer noch als Türke gilt. Das würde in Amerika niemals passieren. Insofern ist es eine Utopie, im positiven Sinne, dass diese Form von Normalität des Umgangs mit Menschen, die zufällig von woanders herkommen als man selbst, entsteht.
Woher kommt die Welle der Hilfsbereitschaft?
Fangen wir mal bei dem psychologischen Aspekt an. Es gibt hier in diesem Land kaum Menschen, die nicht irgendeine Form von Fluchterfahrung in der Familie haben. Das geht im wesentlichen auf den Zweiten Weltkrieg zurück, dann kommt noch DDR-Flucht dazu. Die Leute wissen, wie das ist, wenn man weg muss. Dann gibt es das interessante Phänomen, dass viele Leute sagen: Wir haben doch soviel, können wir doch abgeben. Das Wohlstandsniveau wird zum ersten Mal richtig zu einem Thema. Und zwar angesichts von Menschen, die nichts haben. Schließlich gibt es noch einen ganz irren Effekt, den Neonazi-Effekt. Ich glaube, die sind im Moment die beste Propagandamaschine für Solidarität mit Flüchtlingen.
Inwiefern?
Der Neonazi-Effekt ist der, dass die Leute sagen, das sind wir nicht. Mit dem Anwachsen der Flüchtlingszahlen ist auch die Solidarität gewachsen. Letzte Woche haben sich in einer Umfrage 60 Prozent der Bundesbürger positiv dazu ausgesprochen. Vier Wochen vorher waren es noch 54 Prozent. Man möchte eher zu den Guten als zu den Bösen gehören.
Wird die Ausländerfeindlichkeit zunehmen?
Nein, abnehmen. Die größte Vorurteils-Struktur gegenüber anderen ist dort, wo keine anderen sind.
Multikulti tauchte ja bisher nur in Großstädten auf, jetzt kommt es in der Provinz an.
Na klar, das wird die Provinz verändern. Ich will damit überhaupt nicht die Probleme der Umsetzung klein reden. Aber vielfach sind die Probleme ja jetzt auch groß. Wenn man die entvölkerten Ortschaften in strukturschwachen Gebieten sieht, die alten Menschen dort, die immobil sind, weil der Nahverkehr nicht funktioniert. Da kann jetzt eine Revitalisierung stattfinden. Trotzdem: Es ist vollkommen legitim, dass die Leute besorgt sind, wenn in einem Ort mit 300 Einwohnern 40 Flüchtlinge einquartiert werden. Natürlich wollen sie dann wissen, wie das ihre Umgebung verändert. Das ist normal, darüber darf man sich nicht erheben. Aber mittelfristig betrachtet, ist das ein Gewinn.
Werden die Flüchtlinge unsere Kultur verändern?
Es wird bunter. Vielleicht auch ländlich bunter. Aber ich glaube, es wird sich nicht fundamental viel verändern. Vielleicht geht die Volksmusik etwas zurück.
Unterscheiden wir uns im Umgang mit Flüchtlingen von anderen Ländern in der EU?
Wir nehmen ja die meisten Flüchtlinge auf. Ich würde das aber gern noch etwas relativieren. Die Leute denken ja immer, Deutschland nimmt sogar weltweit die meisten Flüchtlinge auf. Das ist totaler Quatsch. Die Hauptaufnahmeländer für Flüchtlinge sind völlig andere – Türkei, Iran, Libanon, Jordanien , Pakistan. Während die europäischen Länder ganz weit unter ferner liefen laufen. Im Libanon kommen auf 1000 Einwohner 230 Flüchtlinge. Und das ist eine wesentlich schwierigere, schlechter ausgestattete Gesellschaft als wir. 86 Prozent der Flüchtlinge werden von Entwicklungs- und Schwellenländern aufgenommen. Gleichzeitig wird uns aber das Bild vermittelt, dass wahnsinnig viele Flüchtlinge zu uns kommen. In Wirklichkeit ist aber die Last in den ärmeren Gesellschaften viel stärker als in den reicheren.
Wie kann man dem begegnen?
Indem man die ganze Diskussion verändert. Statt von einem Problem sollte man von einer Riesenchance reden. Die Sprache müsste sensibler werden. Begriffe wie Völkerwanderung, Flüchtlingsschwemme, Flüchtlingsansturm sind ja so, dass man denkt, hier werden die anderen alle an die Wand gedrückt. Als ob die Hälfte der Bevölkerung in Zukunft aus Eritrea kommt. In Wirklichkeit sind es aber nur 0,0-irgendwas Prozent.
Helfen Sie auch Flüchtlingen?
Meine Frau macht es direkt. Sie engagiert sich in einer Initiative. Ich selber mache aktiv nichts, außer schlau daher zu reden und ein bisschen zu spenden. Aber je deutlicher die Thematik wird, desto mehr fühlt man sich veranlasst, darüber nachzudenken, was man denn bitte schön nun auch selber tun sollte. Was ich tun werde.

