23.10.12

Flughafen-Debakel

Peter Danckert - "Der BER schadet ganz Deutschland"

Im Wahlkreis des SPD-Bundestagsabgeordneten liegt der Flughafen. Die dort andauernden Probleme betreffen nicht nur Schönefeld, sagt er.

Von Viktoria Solms
Foto: dapd

Noch allein: Der Tower am Flughafen BER wurde rechtzeitig eingeweiht. Von dort aus steuern die Lotsen bereits den Flugverkehr für den alten Flughafen Schönefeld
Noch allein: Der Tower am Flughafen BER wurde rechtzeitig eingeweiht. Von dort aus steuern die Lotsen bereits den Flugverkehr für den alten Flughafen Schönefeld

Die Diskussion über die Zukunft von BER-Flughafenchef Rainer Schwarz ist mittlerweile lauter als die Arbeiten auf der Baustelle des Flughafens selbst. Der Bund wirft Schwarz vor, den Aufsichtsrat über das tatsächliche Ausmaß der Probleme getäuscht zu haben. Externe Berater hätten schon im März darauf hingewiesen, dass die für Juni geplante Eröffnung gefährdet sei. Sie bezogen sich dabei vor allem auf den Probebetrieb, der in den Zuständigkeitsbereich von Rainer Schwarz als Sprecher der Geschäftsführung fällt. Dieser bestreitet den Vorwurf.

Tatsächlich wurde der Starttermin wegen der Mängel beim Brandschutz abgesagt. Dafür musste der technische Geschäftsführer Manfred Körtgen die Verantwortung übernehmen.

Der brandenburgische SPD-Bundestagsabgeordnete Peter Danckert sieht allerdings eine Gesamtverantwortung der Geschäftsführung. Rainer Schwarz sei "auf jeden Fall für das entstandene Chaos auf der Baustelle verantwortlich", sagt Danckert. Der 72-Jährige gehört seit 1998 dem Bundestag an. In seinem Wahlkreis liegt der BER. Die Vorgänge am Flughafen hat Peter Danckert daher aus unmittelbarer Nähe verfolgt.

Morgenpost Online: Herr Danckert, wie stark leiden die Firmen in Ihrem Wahlkreis unter der verschobenen Eröffnung des Flughafens BER?

Peter Danckert: Einige Handwerksbetriebe klagen darüber, dass der Flughafen seine Rechnungen mit großer Verspätung zahlt. Ob das nun an der abgesagten Eröffnung liegt oder an der generellen Haltung der Geschäftsführung, vermag ich nicht einzuschätzen.

Morgenpost Online: Hat sich das Interesse am Standort Schönefeld verändert?

Peter Danckert: Die andauernden Verschiebungen und die damit verbundene Unsicherheit über den Eröffnungstermin haben aus dem BER ein Problem gemacht, das ganz Deutschland als Wirtschaftsstandort schadet.

Morgenpost Online: Allerdings laufen große Infrastrukturprojekte auch im Ausland bei Weitem nicht reibungslos ab.

Peter Danckert: Große Investoren, die erstklassige Grundstücke in der Nähe des Flughafens haben wollten, zögern jetzt. Sie wollen ihr Geld erst dann investieren, wenn sie sich auf den neuen Starttermin verlassen können. Doch hier gibt es ja schon wieder Zweifel. In solch einer Situation halten sich Investoren lieber zurück oder legen ihr Geld woanders an.

Morgenpost Online: Was könnte der Flughafen dagegen tun?

Peter Danckert: Seine äußerst mangelhafte Informationspolitik verbessern. Aber hier hat die Flughafengesellschaft von Anfang an versagt. Das ging schon bei der Wahl des Standorts los. Obwohl das Raumordnungsverfahren ergeben hatte, dass Sperenberg der am besten geeignete Standort ist, entschieden sich die drei staatlichen Gesellschafter dagegen. Kein privater Investor hätte sich solch ein Verhalten getraut.

Morgenpost Online: Das Beispiel liegt allerdings recht weit in der Vergangenheit.

Peter Danckert: Den Anwohnern wurde auch vorenthalten, dass die Flugrouten erst unmittelbar vor Eröffnung des Flughafens festgelegt werden. Die Bürger haben sich daher über Flugrouten informiert, die am Ende gar keine Bedeutung hatten. Hier wurden die Anwohner bewusst getäuscht.

Morgenpost Online: Manche Gegner des Flughafens glauben bis heute, dass sie einen Flugbetrieb in Schönefeld verhindern und eine Verlegung des BER erzwingen können.

Peter Danckert: Ich war immer ein Gegner des Standorts in Schönefeld, aber diese Diskussion ist abgeschlossen. Ein Bauprojekt im Umfang von mittlerweile mehr als vier Milliarden Euro kann man nicht mehr verlegen. Das müssen die Anwohner nun einsehen.

Morgenpost Online: Das Management des Flughafens soll um einen eigenen Geschäftsführer für Finanzen erweitert werden. Reicht dieser Schritt aus?

Peter Danckert: Das ist eine sinnvolle Entscheidung. Zudem müsste meiner Ansicht nach Rainer Schwarz als Flughafenchef abtreten. Er ist einer der Hauptverantwortlichen für dieses Desaster.

Morgenpost Online: Allerdings war der entlassene Technikchef Manfred Körtgen für den Bau zuständig.

Peter Danckert: Bei der Flughafengesellschaft findet das deutsche Aktienrecht Anwendung, und das besagt, dass es eine Gesamtverantwortung des Vorstandes gibt. Als Sprecher der Geschäftsführung ist Rainer Schwarz daher auf jeden Fall für das entstandene Chaos auf der Baustelle verantwortlich und kann dies nicht auf andere abwälzen. Er hätte wissen können und vor allem wissen müssen, was es dort seit langer Zeit für Missstände gibt.

Morgenpost Online: Möglicherweise wurde er von Mitarbeitern nicht richtig informiert.

Peter Danckert: Der neue Technikchef Horst Amann hat Wochen gebraucht, um sich einen Überblick zu verschaffen, und damit erst einmal für die Grundlage gesorgt, dass weitergebaut werden kann. So etwas kann einem Chef doch nicht entgehen.

Morgenpost Online: Denken Sie, dass es bei den derzeit anvisierten Mehrkosten von 1,2 Milliarden Euro bleibt?

Peter Danckert: Nein, diese Rechnung ist nach oben offen. Ich rechne mit mindestens 1,5 Milliarden Euro Zusatzkosten. Jeder Tag, an dem nicht gebaut wird, kostet Geld. Dazu kommen die Schadenersatzforderungen der Airlines und der Mieter. Völlig unkalkulierbar werden die Kosten aber durch den Schallschutz.

Morgenpost Online: Da wurde doch mittlerweile ein Kompromiss gefunden.

Peter Danckert: Mit dieser Einigung kann ich auch leben. Bislang macht der Schallschutz etwa zehn Prozent der Gesamtkosten des Flughafens aus. Ich rechne damit, dass hier wegen neuer Berechnungen und weiterer Ansprüche noch einmal 400 bis 450 Millionen Euro dazukommen.

Morgenpost Online: Wird der Flughafen die Gebühren für die Airlines erhöhen müssen?

Peter Danckert: Das wird sich nicht vermeiden lassen, wenn die Zinskosten zu stark steigen. Die Alternative ist, dass der Flughafen zu einem ständigen Verlust der Gesellschafter führt.

Morgenpost Online: Glauben Sie, dass der BER am Ende eine Erfolgsgeschichte wird?

Peter Danckert: Am Ende ist das durchaus möglich. Die Frage ist nur, wann das sein wird.

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