07.09.12

BER-Debakel

Großflughafen BER kostet Berlin 444 Millionen Euro mehr

Der neue Großflughafen BER soll jetzt endgültig am 27. Oktober 2013 öffnen. Flughafen-Chef Rainer Schwarz darf vorerst im Amt bleiben.

Foto: DAPD
Pressekonferenz nach der Sitzung des Aufsichtsrats der Flughafengesellschaft
Flughafen-Chef Rainer Schwarz muss zunächst nicht seinen Posten räumen - trotz des Eröffnungsdebakels und der Mehrkosten

Nun ist es offiziell: Der Flughafen-Aufsichtsrat hat sich für den 27. Oktober 2013 als neuen Eröffnungstermin für den Großflughafen BER entschieden. Das ist gut sieben Monate nach dem zuletzt genannten Datum 17. März - und es ist bereits die dritte Verschiebung. Der Oktober-Termin sei das Ergebnis einer kompletten Neuplanung der Schlussphase des Projekts, sagte der neue Technikchef Horst Amann nach der Aufsichtsratssitzung. Flughafenchef Rainer Schwarz bleibt im Amt. Der Aufsichtsrat habe nach der Trennung von Amanns Vorgänger Manfred Körtgen keinen Anlass zu weiteren personellen Konsequenzen gesehen, sagte Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD).

Kosten steigen von 2,4 Milliarden auf 4,3 Miliarden Euro

Das Kontrollgremium beschloss zugleich ein neues Finanzierungskonzept. Die Länder Berlin und Brandenburg sowie der Bund als Gesellschafter teilen sich die errechneten Mehrkosten von 1,2 Milliarden Euro. Auf Berlin kommen Mehrkosten von 444 Millionen Euro zu. Dabei müsse noch besprochen werden, ob das Geld als Darlehen oder Eigenkapital gegeben werde, sagte der Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Rainer Bomba. Die EU prüfe die Finanzspritze in einem Beihilfeverfahren. Man müsse die einzelnen Schritte deshalb genau abstimmen. Die ursprünglichen Kosten für den neuen Flughafen lagen bei 2,4 Milliarden Euro. Nun sind es 4,3 Milliarden Euro.

Nach der von Amann vorgelegten Neuplanung sollen die Bauarbeiten bis Ende Mai beendet sein. Danach beginnt eine fünfmonatige Probephase, in der alle Abläufe im Abfertigungsgebäude getestet werden. "Am 27. Oktober geht der BER ans Netz", versicherte Amann. Bis dann bleiben die Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld in Betrieb.

"Ausführungspläne waren lücken- und fehlerhaft"

Grund für die nochmalige Verschiebung ist die mangelhafte Brandschutzanlage des Terminals. Bei seiner Analyse stieß Amann auf eine Fülle von Schwachstellen. So seien die Ausführungspläne des im Mai gekündigten Generalplaners lücken- und fehlerhaft gewesen. Die Beschleunigung der Abläufe vor dem Eröffnungstermin 3. Juni habe zu unsachgemäßen Arbeiten etwa an den Kabeltrassen geführt. Insgesamt habe die Flughafengesellschaft als Bauherr nicht ausreichend gesteuert.

Schwarz-gelbe Politiker stellen Milliardenhilfe in Frage

Zuvor hatten führende Politiker von CDU und FDP die Milliardenhilfe für den Berliner Großflughafen in Frage gestellt. "Der neue Flughafen ist von nationaler Bedeutung und seine Fertigstellung unabdingbar. Aber der Bund darf sich erst dann an den Mehrkosten beteiligen, wenn Ursachen und Verantwortung für das Fiasko aufgeklärt sind", sagte der stellvertretende Vorsitzende der Unions-Bundestagsfraktion, Arnold Vaatz (CDU), "Morgenpost Online" am Freitag. Deutschland dürfe nicht "nochmals mehr als eine Milliarde Euro in ein Fass ohne Boden zu stecken."

Auch die FDP stellt sich quer. "Nach einem solchen Desaster kann es nicht sein, dass der Staat und damit der Steuerzahler einfach die Rechnung zahlt, ohne dass sich etwas ändert. Nötig ist ein langfristiges Flughafenkonzept mit belastbaren Zahlen", sagte FDP-Generalsekretär Patrick Döring "Morgenpost Online". Er könne sich nicht vorstellen, dass die FDP einem Konzept zustimmen werde, ohne dass sich im Aufsichtsrat und der Geschäftsführung der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH personell etwas ändere. Döring kritisierte insbesondere die Doppelrolle des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD) als Senatschef und Aufsichtsratsvorsitzender der Flughafengesellschaft. "Der Aufseher sollte den Politiker kontrollieren, und das ist gründlich schiefgegangen", sagte Döring.

FDP schlägt Beteiligung privater Investoren vor

FDP-Haushaltsexperte Otto Fricke sagte: "Es kann doch nicht sein, dass erneut von sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Steuermilliarden verschwendet werden und diese dann auch noch ohne jede Konsequenz nach weiterer Hilfe vom Bund rufen." Die FDP habe noch etliche Fragen. "Und ohne plausible Antworten darf es kein weiteres Geld vom Steuerzahler geben - am Haushaltsausschuss führt beim Thema BER deshalb auch kein Weg vorbei. Das sollte auch Herr Wowereit als Demokrat akzeptieren", unterstrich Fricke.

Die FDP schlägt nun die Beteiligung von privaten Investoren an dem Milliardenprojekt vor. "Die Regierung sollte überlegen, einen vierten Partner neben dem Bund, Berlin und Brandenburg an der Flughafengesellschaft zu beteiligen. Man kann sich für die Fertigstellung des Projekts einen guten Generalunternehmer suchen, der dann auch eigenes Geld investiert", sagte Döring. Er verwies auf die Praxis in anderen Bundesländern: "Dort ist es selbstverständlich, dass Flughäfen staatliche und private Gesellschafter haben."


Auch der CDU-Politiker Vaatz griff den Aufsichtsratsvorsitzenden der Flughafengesellschaft und den Stellvertreter scharf an. "Auch die Ministerpräsidenten Wowereit und Platzeck haben auf ganzer Linie versagt. Von allen Dingen, die sich unterhalb ihrer Sessel im Aufsichtsrat abgespielt haben, hatten sie offenbar Null Ahnung", sagte Vaatz. Er wisse nicht, was Länderchefs überhaupt in solchen Aufsichtsräten zu suchen hätten. "Sie entwickeln dort eine Art Schirmherrenmentalität, werden ihrer Aufgabe nicht gerecht und lassen sich am Buffet feiern. Landespolitiker sollten bei solchen hoch komplexen Projekten nicht länger die Oberkontrolleure sein. Da ist profunde Sachkenntnis gefragt, nicht politische Überfliegerei", sagte Vaatz der Zeitung. Ein Industriestandort wie Deutschland könne sich solchen "Dilettantismus" nicht länger leisten.

Europa-Abgeordneter rechnet mit höheren Fluggebühren

Wegen der Mehrkosten beim Berliner Großflughafen rechnet der Europaabgeordnete Michael Cramer (Grüne) mit höheren Fluggebühren für die Passagiere. "Der Bund will bei der EU-Kommission staatliche Beihilfe für den Flughafen beantragen, aber Brüssel kann Auflagen machen. Es drohen höhere Fluggebühren und die Passagiere müssen dann die Zeche zahlen", sagte Cramer "Morgenpost Online". Brüssel werde Deutschland staatliche Hilfen nur dann bewilligen, wenn anderen Flughäfen daraus keine Wettbewerbsnachteile entstünden. Cramer nannte es "absurd", dass die Milliardenhilfe von Berlin, Brandenburg und Bund auf die Steuerzahler abgewälzt werden solle. "Dafür ist als Aufsichtsratschef der Flughafengesellschaft ganz eindeutig Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit verantwortlich", sagte Cramer dem Portal.

Der Bundesverband der Deutschen Fluggesellschaften (BDF) lehnt dagegen höhere Fluggebühren ab. "Die Bauverzögerungen beim Großflughafen haben weder die Fluggesellschaften noch die Passagiere verschuldet. Deshalb dürfen sie auch nicht mit den Mehrkosten belastet werden", sagte BDF-Geschäftsführer Michael Engel der "Morgenpost Online". Für den neuen Großflughafen BER seien ohnehin schon höhere Entgelte als für Tegel und den alten Airport Schönefeld geplant.

Spotthymnen im Internet

Im Internet ergießt sich seit Wochen eine Welle des Hohns über den BER und die Verantwortlichen. Zuletzt veröffentlichte das ZDF in seiner Mediathek einen Spottsong.

Quelle: bmo/alu
© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams
Die Wohnung des Rap-Musikers Bushido  wurde von der Berliner Staatsanwaltschaft durchsucht
23:06Rap-Musiker
Verdacht auf Steuerstraftat - Bushidos Privathaus durchsucht

Rapper Bushido sorgt immer wieder für Aufsehen. Jetzt steht er unter Verdacht, eine Steuerstraftat begangen zu haben. Seine Wohnräume wurden aufgrund dessen durchsucht. mehr...


Im Friedrichstadt-Palast wird das Programm für den Gay Pride Month vorgestellt
19:53Terminvorschau
Das bringt der Tag in Berlin am Mittwoch

Berlin hat jeden Tag Neues zu bieten. Politische Termine, Demonstrationen, Prozesse, Theater, Konzerte. Hier finden Sie eine Auswahl der Berliner Morgenpost für Mittwoch, den 22. Mai. mehr...


In diesem Supermarkt in der Residenzstraße in Berlin-Wedding wurde der 82-jähriger Mann niedergestochen
21:24Wedding
Mann ersticht Kunden an Supermarkt-Fleischtheke

Erneut ist es in Berlin zu einer Gewalttat gekommen: Ein offenbar verwirrter Mann erstach am Dienstag einen 82-jährigen Kunden an der Fleischtheke eines Supermarktes in Gesundbrunnen. mehr...


Stundenlang hatte ein Großaufgebot der Polizei nach dem achtjährigen Mädchen gesucht
19:17Vermisste Achtjährige
Sharlyn führt Polizei zur Wohnung - Verdächtiger verletzt

Im Fall der vermissten Sharlyn ergaben die Ermittlungen, dass das Mädchen am Vortag von einem Mann mit in dessen Wohnung genommen wurde. Der Verdächtige unternahm derweil offenbar einen Suizidversuch. mehr...

Leser-Kommentare 4 Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Tornado in Oklahoma Familie filmt die Zerstörung aus dem Sturmkeller
Umzug Karneval der Kulturen 2013 - Berlin ist bunt
Unwetter Starke Tornados wüten in vier US-Bundesstaaten
Der Futiklub Absolutely Ferguson
 
title
Abi 2012

Hier finden Sie eine Übersicht der Abiturienten.mehr

1085783744.jpg
Ausbildung 2013

Ratschläge zur erfolgreichen Gestaltung und zur Berufswahlmehr

Bildschirmfoto 2013-05-07 um 15.39.57.png
Outletcenter

Diese Outletcenter bieten gute Ware zu günstigen Preisen... mehr

Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Bilder von oben

Das zerstörte Oklahoma City aus der Luft

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote