Berliner Morgenpost: Herr Geisel, Berlin wächst. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt geht davon aus, dass im Jahr 2030 rund 266.000 Menschen mehr in der Hauptstadt leben als heute. Wie viele neue Wohnungen braucht Berlin?
Andreas Geisel: Wir gehen davon aus, dass sich ein Großteil des Bevölkerungswachstums in Berlin bis zum Jahr 2020 vollziehen wird. Deshalb sind die kommenden Jahre bei der Bewältigung der enormen Herausforderungen auf dem Wohnungsmarkt besonders wichtig. Bis 2020 werden wir etwa 120.000 Neubauwohnungen benötigen. Das entspricht 20.000 Wohnungen im Jahr. Diese Zahlen beinhalten jedoch noch nicht die Unterbringung von Flüchtlingen.
Wo entstehen derzeit die meisten neuen Geschosswohnungsbauten?
Die meisten Wohnungen wurden zuletzt in den Bezirken Treptow-Köpenick und Mitte, gefolgt von Lichtenberg, Friedrichshain-Kreuzberg und Pankow genehmigt. Ein Schwerpunkt ist der Bereich nördlich des Hauptbahnhofs mit der Europacity, wo rund 2800 Wohneinheiten entstehen werden. Dieses Bauvorhaben beginnt in diesem Jahr, wie beispielsweise auch der Wohnungsbau auf dem Güterbahnhof Wilmersdorf mit 900 Wohnein-heiten oder an der Lehrter Straße mit 1000 Wohnungen.
Welchen Anteil am benötigten Bedarf stemmen die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften, wie viel tragen private Investoren bei?
Von den jährlich benötigten 20.000 Wohnungen sollen die sechs landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften 6000 Wohnungen realisieren. Im Vergleich zu den vergangenen Jahren ist das eine enorme Steigerung. Der Neubau-Motor kommt bei den Städtischen immer besser auf Touren, so dass ich zuversichtlich bin, die genannten Zahlen zu erreichen. Um den Bedarf zu decken, werden wir aber auch weiterhin maßgeblich auf das Engagement privater Investoren angewiesen sein. Sie sollen jedes Jahr 14.000 Neubauwohnungen beisteuern.
Nur etwa 20 Prozent der Bauflächen gehören dem Land Berlin, die Preise für private Grundstücke sind explosionsartig gestiegen. Welche Instrumente stehen Ihnen zur Verfügung, um trotzdem bedarfsgerecht zu bauen?
Die Flächenfrage ist für den Wohnungsbau von entscheidender Bedeutung. Viele private Grundstückseigentümer haben die Absicht, ihre Flächen zu entwickeln. Zweifelsohne gibt es aber auch Spekulanten, die auf weiter steigende Preise hoffen. Die Debatte, wie dieser Spekulation Einhalt geboten werden kann, wird der Senat aktiv vorantreiben. Wichtig ist, dass wir auf den identifizierten Bauflächen schnellstmöglich Planungsrecht schaffen und die Projekte dann zügig genehmigen. Dafür haben wir den Bezirken bereits 2014 mehr Personal zur Verfügung gestellt und sie werden in diesem Jahr personell noch stärker unterstützt. Mit dem im Februar in Kraft getretenen Wohnungsbaubeschleunigungsgesetz haben wir Verfahrenserleichterungen umgesetzt, die ebenfalls hilfreich sein werden. Zudem bewährt sich das „Berliner Modell der kooperativen Baulandentwicklung“ zum Abschluss städtebaulicher Verträge, denn es erleichtert die Vertragsverhandlungen. Dabei gilt nach wie vor, dass 25 Prozent der neuen Wohnungen gemäß der sozialen Wohnraumförderung des Landes Berlin entstehen und einer Preisbindung unterliegen. Die städtischen Wohnungsunternehmen müssen sogar 30 Prozent nachweisen.
Beim Wohnungsbau geht es nicht nur um Quantität, sondern auch um Qualität. Was tun Sie für lebenswerte Quartiere?
Zu dieser Thematik haben wir im Dezember 2015 die Fachtagung „Gartenstadt des 21. Jahrhunderts – grün und urban“ durchgeführt. Dabei ging es um die städtebaulichen und qualitativen Ziele für neue Quartiere, um lebenswerte neue Stadtviertel bzw. Ergänzungen zu entwickeln.
Und was kam dabei heraus?
Deutlich wurde: Für die neuen Siedlungen ist die Mischung wichtig, sowohl in baulicher als auch in sozialer Hinsicht. Die Gebäude sollen aus unterschiedlichen Bau- und Wohnformen sowie aus abwechslungsreicher Architektur und differenzierten Nutzungen bestehen. Die neuen Siedlungen sind für alle sozialen Schichten und Altersgruppen. Das Grundgerüst der neuen Quartiere bildet der öffentliche Raum mit Straßen, Plätzen und Freiräumen, die hohen gestalterischen und funktionalen Ansprüchen genügen. Gegenwärtig erarbeiten die beteiligten Experten Leitlinien für die Planung neuer Stadtquartiere, als Grundlage weiteren Handelns.
Wie viele der neuen Wohnung werden als Mietwohnungen, wie viele als Eigentumswohnungen gebaut?
Das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg hat für 2015 ermittelt, dass rund ein Drittel der Neubauwohnungen als Eigentumswohnungen geplant waren. Dabei ist zu beachten, dass diese neuen Eigentumswohnungen oftmals als Anlageobjekt dienen und auch vermietet werden. Und ich verstehe es als meine Aufgabe darauf zu achten, dass Berlin auch in Zukunft eine Mieterstadt bleibt und Wohnungen für alle Berlinerinnen und Berliner zur Verfügung stehen.

