Aus den Blicken des japanischen Touristenpärchens spricht eindeutig Verwunderung. Möglicherweise liegt es an den aufblasbaren Gummigenitalien, die da von einem Bierstand herunterbaumeln. Vielleicht aber auch an dem bärtigen Kerl in Lederstiefeln, der am Eingang jeden mit einer Umarmung begrüßen will. „Can we watch football here?“, fragt der Japaner schüchtern.

Um Fußball geht es ausnahmsweise nicht. Willkommen in Berlin-Schöneberg. Dort, wo auch zur Weltmeisterschaft mehr Regenbogen- als Deutschlandfahnen flattern, trifft sich an diesem Wochenende alles, was schwul und lesbisch ist. Der Verein Regenbogenfonds hat zum 22. Mal zum Motzstraßenfest am Nollendorfplatz geladen. Das Motto: „Gleiche Rechte für Ungleiche.“ Zehntausende sind am Sonnabendnachmittag gekommen. Wer es sich leisten kann, ist mit freiem Oberkörper unterwegs und präsentiert seine Muskeln. Es können sich ziemlich viele leisten.

Klaus Wowereit eröffnet das Fest

Ein Stand verkauft Rollkoffer mit dem Konterfei von Conchita Wurst, an anderer Stelle preist das WaldMichlsHoldi-Team aus dem Odenwald seine Vibratoren aus Holz an. „Die Vibration ist viel intensiver als bei anderen Materialien“, erklärt Verkäuferin Maria. Eine Straße weiter haben die Mitglieder von Hertha-Junxx, dem schwul-lesbischen Fanklub des Berliner Bundesligisten, Quartier bezogen. Die Macher von „Radio QueerLive“ haben zunächst technische Probleme, doch irgendwann können sie mit ihrer Sendung beginnen. Frequenz: 88,4.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hatte das lesbisch-schwule Stadtfestt eröffnet. Von Sonnabend bis Sonntagnacht werden trotz wechselhaften Wetters bis zu 400.000 Besucher erwartet, sagte Dieter Schneider von der Stadtfestleitung. Auf einer Fläche von 20.000 Quadratmetern gibt es Musik, Unterhaltung und Essen. Außerdem stellen sich mehr als 100 Projekte, Organisationen und Parteien vor. Darunter sind neben der Aids-Hilfe und der Schwulenberatung auch das Standesamt Tempelhof-Schöneberg sowie einige Kirchengemeinden.

„Demokratie beginnt bei Sexualität“

Es ist ein kunterbuntes, sympathisches Treiben. Man will sich mitziehen lassen. „Demokratie beginnt bei Sexualität“ steht auf einem Transparent, nur ein alter Querulant hat das wohl irgendwie nicht mitbekommen. „Die Piraten, schwul! Linkes Pack!“, krakeelt er vor dem Stand der Partei. Der Abgeordnete Gerwald Claus-Brunner bleibt cool, grinst und bewirft den Störenfried mit einem T-Shirt. Irgendwann hört dann auch der nervige Regen auf, die Party kann weitergehen. Das ist auch gut so.