Gericht

Polizei muss Zwangsversteigerung von Berliner Haus schützen

Foto: JÖRG KRAUTHÖFER

Kaufinteressenten für ein Haus an der Karl-Marx-Straße wurden im Gerichtssaal von jungen Männern bedroht. Der bisherige Eigentümer gehört nach Morgenpost-Informationen einer arabischen Großfamilie an.

Das Haus, in das Hendrik Messner* und seine Freunde gern eingezogen wären, liegt im Herzen von Berlin-Neukölln, direkt neben dem Theater Heimathafen an der Karl-Marx-Straße. Das Gebäude müsste dringend saniert werden, aber Messner und seine Freunde hatte das nicht abgeschreckt. Sie wollten gemeinsam anpacken und die Wohnungen renovieren, um dann später mit ihren Familien einzuziehen. Doch noch bevor der Termin stattfand, bei dem sie um die zur Zwangsversteigerung ausgeschriebene Immobilie hätten bieten können, mussten sie ihre Pläne aufgeben.

Als Hendrik Messner das Haus vor einigen Wochen von der gegenüberliegenden Straßenseite aus fotografierte, rannten plötzlich vier Männer auf ihn zu. Sie forderten ihn auf, die Fotos zu löschen. Als er das nicht tat, schlugen sie ihm ins Gesicht und traten ihn. Es war offensichtlich, dass Hendrik Messner hier nicht erwünscht war, schon gar nicht als potenzieller neuer Eigentümer. Deshalb hielten Messner und seine Freunde nicht länger an ihrem Vorhaben fest. "Die Männer waren äußerst aggressiv", sagte Messner, der aus diesem Grund auch nicht seinen richtigen Namen in der Zeitung lesen möchte. "Ich will meine Familie schützen und keinen Stress."

Wie Messner erging es in den vergangenen Wochen offenbar einigen Interessenten für das Objekt an der Karl-Marx-Straße. "Das Bezirksamt hat uns mitgeteilt, dass mehrere Interessenten unter Druck gesetzt wurden", sagte Gerichtssprecher Ulrich Wimmer der Berliner Morgenpost. Demnach versuchten mehrere Personen, potenzielle neue Eigentümer davon abzuhalten, an der Zwangsversteigerung teilzunehmen.

Großaufgebot im Amtsgericht

So sollen Interessenten, die sich das Gebäude anschauen wollten, bedroht und eingeschüchtert worden sein. Die Einflussnahme kommt nicht von ungefähr: Der bisherige Eigentümer gehört nach Informationen der Berliner Morgenpost einer arabischen Großfamilie an, von der mehrere Mitglieder sich bei der Polizei in den vergangenen Jahren mit verschiedenen Delikten einen Namen gemacht haben. Weil er offene Geldforderungen nicht zahlte, betrieben das Land Berlin und das Hauptzollamt am vergangenen Mittwoch die Zwangsversteigerung am Amtsgericht Neukölln. Doch auch mit der Versteigerung war die Angelegenheit für die Störer offenbar nicht beendet. Da die Gefahr bestand, dass es während des Termins zu weiteren Zwischenfällen kam, hatte das Amtsgericht Neukölln bereits im Vorhinein die Polizei um Amtshilfe gebeten. "Das ist sehr ungewöhnlich für ein solches Verfahren", sagte Gerichtssprecher Wimmer. "Es gab Ankündigungen, dass die Verhandlung gestört werden sollte", sagte ein Polizeisprecher. "Wir wurden gebeten, den Justizwachtmeistern bei der Durchsetzung des Hausrechts zu helfen."

Die Polizei schickte am vergangenen Mittwoch ein Großaufgebot an Einsatzkräften zum Amtsgericht an der Karl-Marx-Straße. Sie positionierten sich zunächst vor dem Gerichtsgebäude. Zeitgleich versammelten sich dort nach Angaben von Augenzeugen mehrere Jugendliche und junge Männer, die die Besucher beim Betreten mit Drohgebärden einschüchterten und bedrängten.

Im Gerichtssaal eskalierte dann die Situation – trotz der Präsenz der Justizwachtmeister und Polizeibeamten, die teilweise auch in Zivil gekommen waren. Die wenigen Interessenten, die überhaupt gekommen waren, wurden von rund 40 Besuchern übertroffen, die sich offenbar nur zum Ziel gesetzt hatten, den Termin platzen zu lassen. "Es kam immer wieder zu Störungen", sagte Wimmer. "Interessenten wurden im Gerichtssaal angerempelt, sichtlich um sie vom Bieten abzuhalten." Die Polizei musste insgesamt acht Personen aus dem Saal bringen.

Als er sich im Verhandlungssaal auf eine Bank setzte, hätten zwei Jugendliche links und rechts von ihm Platz genommen, berichtete ein Augenzeuge. "Wollen Sie das Haus kaufen?", hätten sie ihn gefragt. Um dann zu erklären: "Machen Sie das nicht, das würden wir Ihnen nicht raten. Sie werden keinen Spaß damit haben." Auf die gleiche Weise sei mit anderen Besuchern umgegangen worden. Sobald jemand hereinkam, sei er von mehreren Jugendlichen regelrecht umzingelt worden. Die Jugendlichen hätten sich neben die Interessenten gesetzt, die Arme um sie gelegt und auf sie eingeredet. "Die Stimmung war sehr angespannt", erzählte der Augenzeuge.

Applaus im Saal

Als die Versteigerung von der Richterin eröffnet und der Name des bisherigen Eigentümers verlesen wurde, hätten mehrere Personen im Gerichtssaal applaudiert. "Werden Sie bedroht?", habe die Richterin einen Mann gefragt, nachdem er das erste Gebot abgegeben hatte. Die Verhandlung konnte nach Angaben von Gerichtssprecher Wimmer dennoch durchgeführt werden. Der vom Gericht ermittelte Verkehrswert von 640.000 Euro wurde schließlich um mehr als 300.000 Euro überboten. Das Höchstgebot in Höhe von 960.000 gab ein Rechtsanwalt ab, der für einen Mandanten an der Zwangsversteigerung teilgenommen hatte. Nach der Verhandlung sei er von einem Justizwachmann aus dem Saal geleitet worden.

Es ist fraglich, wie die Verhandlung abgelaufen wäre, wenn die Polizei nicht da gewesen wäre – ob sich dann möglicherweise niemand getraut hätte, ein Gebot abzugeben. Sicher ist aber, dass die Drohungen Interessenten abgehalten haben, mitzubieten, wie zum Beispiel Hendrik Messner und seine Freunde.

Ermittlungen seien nach der Zwangsversteigerung nicht eingeleitet worden, weil es sich bei den Zwischenfällen nicht um Straftaten gehandelt habe, sagte ein Polizeisprecher. Ob der neue Eigentümer seinen Frieden mit der Immobilie an der Karl-Marx-Straße finden wird oder mit weiteren Drohungen zu rechnen hat, bleibt abzuwarten. Der sogenannte Zuschlag soll am 17. Juli verkündet werden, erst dann geht das Haus an den neuen Eigentümer über. Der Anwalt, der das Höchstgebot abgegeben hatte, wollte sich auf Anfrage der Morgenpost zu den Einschüchterungen beim Versteigerungstermin am vergangenen Mittwoch nicht äußern.

*Name von der Redaktion geändert

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