Berlin-Neukölln

Wie man in der Hufeisensiedlung eine Zeitreise erleben kann

Die Hufeisensiedlung in Berlin-Neukölln gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. Nun hat ein Paar dort ein Haus im Stil der Dreißiger restauriert und eingerichtet. Für seine Arbeit wird es mit einem Preis ausgezeichnet.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Das Wohnzimmer erinnert an eine klassische "guten Stube" der Weimarer Republik. Die Wände sind satt olivgrün, ein Kachelofen der gleichen Farbe glänzt im Lichteinfall und eine Scherenauszugslampe ragt in den Raum. Das schnörkellose Plüschsofa und der Lesesessel sind ausziehbar.

Multitfunktional und zweckmäßig, statt romantisch und überbordend ist die Devise des Bauhaus-Stils. Ben Buschfeld und Katrin Lesser aus Neukölln haben ihn wieder aufleben lassen: Sie haben ein Endreihenhaus der Britzer Hufeisensiedlung historisch restauriert und eingerichtet.

Jetzt wird ihnen im Juni der von der Europäischen Union vergebene, prestigeträchtige "European Union Prize for Cultural Heritage - Europa-Nostra-Preis" verliehen. "Das ist soetwas wie der Oscar des Denkmalschutzes", sagt Ben Buschfeld. Zu den vormaligen Preisträgern gehören unter anderem die restaurierte Villa des Malers in Wannsee restauriert, und das von britischen Star-Architekt David Chipperfield umgebaute "Neue Museum" auf der Museumsinsel.

Erstes Projekt des sozialen Wohnungsbaus

In Berlin und Umgebung gehören unter anderm die Museumsinsel, das Schloss Sanssouci und das Schloss Glienicke zum Welterbe. Seit 2008 gehört nun auch die Britzer Hufeisensiedlung dazu. Sie entstand von 1925 bis 1933 nach den Plänen der Architekten Bruno Taut und Martin Wagner. Als eine der ersten Projekte des Sozialen Wohnungsbaus, gilt sie bis heute als federführend.

Vor 15 Jahren zogen der Grafik-, Web- und Ausstellungsdesigner Ben Buschfeld (43) und seine Frau, die Landschaftsarchitektin Katrin Lesser (49), in die Siedlung. "Wir sind bewusst hier hingezogen, weil es uns hier sehr gefällt.

Als dann ab 2000 die Privatisierung der Hufeiseninsel begann, erscheint es uns besonders wichtig, dass sich auch die Einzeleigentümer um den Denkmalschutz kümmern." 2010 gründeten sie gemeinsam mit anderen Bewohnern der Siedlung den Verein "Freunde und Förderer der Hufeisensiedlung".

Originalzustand inklusive Einrichtungsstil

Im April 2010 kauften das Ehepaar schließlich ein weiteres Haus der Siedlung. Ein weißes Reihenendhaus - drei Zimmer, Küche, Keller Bad - in der Nähe der U- Bahnhaltestelle Parchimer Allee. "Wir waren sofort begeistert von dem Objekt.

Hier ist in den letzten Jahren nicht besonders viel renoviert worden. Große Teile Originalsubstanz wie Fenster, Türen, Böden und zwei von drei Öfen waren noch erhalten. Es wäre traurig gewesen, wenn das verloren gegangen wäre." Das Ehepaar beschloss das Haus nicht nur zu restaurieren, sondern noch einen Schritt weiterzugehen: Den Originalzustand des 65 Quadratmeter Häuschens inklusive Einrichtungsstil zu rekonstruieren.

"Zuvor hat eine ältere Dame in den Haus gewohnt," sagt Ben Buschfeld beim Betreten des Hauses. "Sie hatte sich hier direkt neben die Eingangstür eine Toilette einbauen lassen." Wo zuvor ein Abort war, hängt nun ein Schlüsselbrett. Im Flur glänzt farbig lackierter Holzboden.

Neuen Kühlschrank in historischen Schränken versteckt

Die Küche wirkt auf den ersten Blick museal. Ein historischer Herd, ein historisches großes, weißes Becken. Kein sichtbarer Kühlschrank, keine Mikrowelle, keine Spülmaschine. "Unter dem Küchenfenster ist ein Einbauschrank mit Lüftungsöffnung, der damals als Speiseschrank für leicht verderbliches diente. Die Wand ist an der Stelle ein bisschen dünner, dort ist es kühl."

Da das Ehepaar für die Restaurierung keine staatliche Förderung bekommen hat, vermieten sie das Haus, dass sie, in Anlehnung an den Namen des Architekten "Tautes Haus" nennen, nun als Ferienwohnung. "Damit es eine vollständige Ferienwohnung ist, gibt es trotz des erhaltenen Speiseschrankes aber einen Kühlschrank. Wir haben die neuwertigen Geräte nur in den nachgebauten, historischen gerechten Schränken versteckt."

Da es von dem Haus in Archiven nur Außenaufnahmen gab, haben Ben Buschfeld und Katrin Lesser das Haus anhand von Mieteinrichtungstipps aus Mieterzeitungen der Dreißiger eingerichtet. Damals galt es im Zuge der "Neuen Sachlichkeit" dicke Tapeten durch farbige Wände zu ersetzen. So strahlt das Schlafzimmer im ersten Stock im Kobaltblau.

"Schweinchen Dick" - Aufkleber aus den sechziger Jahren

"Wir hatten zwei Restauratorinnen zur Hilfe, mit denen wir die Tapeten Schicht für Schicht abgetragen haben, bis wir zu der Erstfassung gelangt sind." Eine kleine Fläche mit der Originalwandfarbe als Referenz hat das Ehepaar in jedem Zimmer offen gelassen. Den Rest haben sie in der Ursprungsfarbe nachgestrichen. "Taut war der Meister des farbigen Bauens. Seine Siedlung sollte erschwinglich sein. Und Farbe ist es ein kostenneutrales Gestaltungsmittel."

Im Badezimmer im ersten Stock sind die beiden Bauherren auf einen "Schweinchen Dick" – Aufkleber gestoßen. "Der entstammt nicht dem Originalzustand, sondern schätzungsweise aus den Sechziger Jahren, aber wir haben ihn trotzdem an an der Wand gelassen, weil wir ihn charmant fanden", sagt Buschfeld. Das Schweinchen ist aber nicht der alleinige Grund, warum das Badezimmer, als einzige Raum optisch nicht historisch authentisch ist.

"Wir hätten hier eine Standbadewanne und einen Badeofen installieren müssen. Was bedeuten würde, das man morgens eine Dreiviertelstunde vor dem Duschen, das Wasser hätte vorheizen müsste",sagt Buchfeld. Das Ehrpaar entschied sich im Sinne ihrer Feriengäste für den Komfort einer modernen Dusche.

Zeitgemäße Accessoires von Flohmärkten

Im Schlafzimmer hängt ein Akt aus den Zwanziger Jahren, im Wohnzimmer steht ein Rundfunkempfänger von 1932 und in der Küche ein Einkauflistenschieber - der fragt: "Was fehlt uns heute?" Graupen? Putzpommenade? Oder Schmalz? Die Restaurierung sei sehr arbeitsintensiv gewesen und habe zwei Jahre gedauert, sagt Buschfeld.

Am Ende sei das Ehepaar über etliche Flohmärkte gelaufen, um zeitgemäße Accessoires und Einrichtungsgegenstände zu suchen. "Was wir auf Floh- oder Antikmärkten nicht bekommen haben, wie das Klappbett im Schlafzimmer beispielsweise, haben wir mittels historischer Vorlagen nachentworfen und dann von einem Tischler bauen lassen."

Eine Nacht im Denkmal für 150 Euro

Bruno Taut wollte seine Siedlung nicht nur bunt, sondern auch grün gestalten. "Die Straßen wurden früher von Obstbäumen gesäumt", sagt Katrin Lesser: "Ich habe im Garten wieder zwei Zieräpfel und einen Kirschbau gepflanzt. Auch die Rosenhecke an der Ostseite des Hauses ist wieder gepflanzt."

Wie viel Geld das Ehepaar in die Restauration investiert hat, möchte Ben Buschfeld nicht sagen. Eine Nacht in dem bewohnbaren Denkmal kostet 150 Euro für zwei Personen. Viele der bisherigen Mieter interessierten sich wie das Ehepaar Buschfeld-Lesser für Architektur und Designgeschichte. "Es gab aber auch solche Gäste, die hier eine Art Zeitreise erleben wollten."

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