Am Freitag wird auf der Berliner Museumsinsel das Richtfest für den ersten Bauabschnitt der Grundinstandsetzung und Erweiterung des Pergamonmuseums begangen. Doch in die Vorfreude mischen sich neue Sorgen um das historische Bauwerk: „Aufgrund der schwierigen Rahmenbedingungen ist das Bauvorhaben weiter mit erheblichen Risiken verbunden“, teilte Petra Wesseler, Präsidentin des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung (BBR), bei einem Rundgang über die Baustelle mit. Eine Verlängerung der Bauzeit um bis zu 19 Monate, bis Frühjahr 2025, sei nicht auszuschließen.

Bei dem letzten presseöffentlichen Rundgang über die Baustelle vor zweieinhalb Jahren hatte die BBR-Chefin ebenfalls schlechte Neuigkeiten verkünden müssen. Damals räumte sie ein, dass die Bauarbeiten am Pergamonmuseum sich um Jahre verzögern und 216 Millionen Euro teurer würden als geplant. Bei den Tiefbauarbeiten war man unglücklicherweise genau dort, wo die unterirdische Archäologische Promenade die Museen auf der Insel miteinander verbinden soll, auf die Überreste von zwei historischen Pumpenhäusern gestoßen, die in den Bauunterlagen nicht verzeichnet gewesen waren. Weil Umbau und Sanierung angesichts der Kostbarkeiten im Museum, darunter der Pergamonaltar und das Markttor von Milet, jedoch völlig erschütterungsfrei geschehen müssen, waren umfangreiche Umplanungen und Sicherungsmaßnahmen nötig, bevor mit den eigentlichen Baumaßnahmen begonnen werden konnte.

Die Arbeiten erfolgen bei laufendem Betrieb

Die Folge: Statt der ursprünglich auf 261 Millionen Euro geschätzten Baukosten wird nunmehr mit 477 Millionen Euro gerechnet. Die Fertigstellung des ersten Bauabschnitts sollte ursprünglich bereits in diesem Jahr gefeiert werden – immerhin wird auf der Baustelle bereits seit mehr als vier Jahren gearbeitet. „Der Schutz der im Inneren verbliebenen Bauwerke und die extrem hohe Auslastung der Baufirmen“ führte Wesseler als Grund an, dass der 2016 verkündete Fertigstellungstermin 2023 nun möglicherweise ebenfalls nicht mehr eingehalten werden kann. Immerhin: Eine erneute Kostensteigerung ist nach Auskunft der Bauchefin nicht zu befürchten: „Wir sind voll im Kostenrahmen“, versicherte Wesseler.

Die Grundinstandsetzung des 1930 eröffneten Pergamonmuseums wird ohnehin in sechs Jahren noch nicht abgeschlossen sein, soviel ist schon heute klar. Denn das Gebäude wird in zwei Bauabschnitten fit für die Zukunft gemacht. Der aktuelle Bauabschnitt A umfasst den Nordflügel sowie den Mittelbau, in dem sich auch der berühmte Pergamonaltar befindet. Dazu gehören auch Neubaumaßnahmen im und am Museum. Darunter etwa der Teil der Archäologischen Promenade, der sich unter dem Gebäude befindet und dieses mit allen anderen Museen auf der Insel sowie dem zentralen Eingangsgebäude, der James -Simon-Galerie, verbindet.

Ebenfalls im Rohbau fertig ist der sogenannte Tempietto (kleiner Tempel) der nach den Plänen des 2007 verstorbenen Architekten Oswald Mathias Ungers einen neuen großzügigen Eingangsbereich für das Pergamonmuseum bildet. Und während all diese Großbaumaßnahmen – inklusive neuer Dachtragewerke und dem Einbau neuer Glasdecken, eines neuen Treppenhauses sowie eines Fahrstuhls – ging und geht im Südflügel der Museumsbetrieb weiter. Und zwar so lange, bis auch hier die Bauarbeiter anrücken. „Der Auftrag für den Bauabschnitt B im südlichen Teil des Gebäudes wurde uns im März erteilt“, sagte die BBR-Chefin. Dafür seien bereits Planungskosten in Höhe von zwölf Millionen Euro bewilligt worden.

Neben der Ertüchtigung des Südflügels, der genauso wie der Nordflügel unter Beachtung des Denkmalschutzes den modernden Anforderungen an einen zeitgemäßen Museumsbetrieb angepasst werden soll, ist im Bauabschnitt B auch ein weiterer Neubau vorgesehen. Der bislang dreiflügelige Komplex soll um einen vierten Flügel entlang des Kupfergrabens ergänzt werden. „Dadurch wird erstmals ein Rundgang durch die Ausstellungen der antiken Architekturen möglich“, begründete Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, diesen Schritt. Dieser sei durchaus im Sinne des Erfinders: Bereits der Schöpfer des Museums, Alfred Messel, habe in seinem Entwurf für das Pergamonmuseum an dieser Stelle einen Verbindungsbau in Form einer Kolonnade geplant. Der Flügel wurde allerdings nie gebaut, weil der Zweite Weltkrieg dazwischen kam.

Sensoren an Exponaten melden Erschütterungen

An Messels Entwurfsidee knüpft Ungers an, der einen transparenten, „schwebenden“, auf Pfeilern stehenden Ausstellungsraum schafft, unter dem hindurch die Besucher wie bisher durch den Ehrenhof in das Pergamonmuseum gelangen. „Die neuen Bauelemente werden mit der historischen Bausubstanz harmonieren, denn diese sind in ihrer Materialität an das Gebäude angepasst“, ergänzte Architekt Jan Kleihues, der die Ausführungsplanung des vierten Flügels überwacht. Eine Kostenexplosion bei diesem zweiten Bauabschnitt, dessen geplanter Fertigstellungstermin vorsichtshalber gar nicht mehr kommuniziert wird, ist nach Einschätzung des Architekten eher unwahrscheinlich: Der Neubauflügel sei wesentlich preiswerter als das „Rumfummeln am Altbau“, so Kleihues. Bauabschnitt B sei zudem wesentlich kleiner als der Abschnitt A, daher sei auch mit weit geringeren Kosten zu rechnen.

Die Baustelle des Pergamonmuseum liegt in der Mitte des Unesco-Weltkulturerbes Museumsinsel. Entsprechend hoch sind die denkmalpflegerischen Auflagen, unter denen die Arbeiten stattfinden dürfen. Besonders wertvoll sind die monumentalen Architekturexponate, wie der Pergamonaltar, das Markttor von Milet sowie die Prozessionsstraße und das Ischtartor aus Babylon. Weil diese unersetzlichen, fest eingebauten Objekte während der Bauzeit im Gebäude bleiben, wird das Baugeschehen von einem aufwendigen Monitoring überwacht. Die Kunstwerke sind mit hochsensible Sensoren verbunden, die bereits bei Erschütterungen im einstelligen Millimeterbereich Alarm auslösen.

Während der gesamten Arbeiten wurde der Alarm für Erschütterungen 34 Mal, der für Setzungen 18 Mal ausgelöst. „Daraufhin haben wir jedes Mal die Arbeiten komplett unterbrochen und entsprechend angepasst“, so Petra Wesseler. Der Aufwand habe sich gelohnt: Beschädigungen an den wertvollen Ausstellungsobjekten habe es nicht gegeben.

Am 4. und 5. Mai können sich die Berliner selbst ein Bild von der Baustelle machen: Ergänzend zum Richtfest finden öffentliche Führungen durch das Gebäude statt. Anmeldung unter: www.smb.museum/richtfestPM