Thomas Gottschalk soll jetzt auch in den Winskiez im Prenzlauer Berg gezogen sein, hat jedenfalls die „B.Z.“ gemeldet. Wenn so einer wie Gottschalk kommt, heißt das meist, dass andere schon viel früher gegangen sind oder bald gehen werden. Diese Prozesse nennt man Bevölkerungswandel, Stadtteilentwicklung oder Gentrifizierung. Zuerst kommen die Freaks, dann Typen, die gerne mit Freaks abhängen, aber auch Rioja und Rimbaud schätzen, die eröffnen dann Wein- und Buchhandlungen.

Dann kommen die Normalen. Die Bioläden machen auf, die Bäckerei muss gehen, die Freaks verschwinden, dann kommt der Fernseh-Thommy und schließlich zieht auch die Buchhandlung weg. „Totsicher“ war neun Jahre lang die Krimi-Buchhandlung in der Winsstraße 16. Die Kunden wurden weniger die letzten Jahre, die Miete stieg. Jetzt versuchen es die beiden Freundinnen Grit Burkhardt und Antje Gardelegen noch einmal. Am 7.9. feiern sie die Eröffnung ihres neuen Ladens in der Margaretenstraße 2 in Lichtenberg.

Begrüßung per Handschlag

Die Kunden werden von Grit und Antje noch per Handschlag begrüßt. Die zwei, die gerade kommen jedenfalls. Immer, wenn die wieder was Neues zu lesen brauchen, macht sich das ältere Paar aus Heinersdorf auf den Weg zu „Totsicher“ – seit eine Schauspielerin an Weihnachten dort mal gelesen hat.

Grit ist die Inhaberin und weil das finanziell irgendwie besser ist, wird Antje als Angestellte geführt. Trotzdem hatten beide gemeinsam die Idee zur Buchhandlung. Beide lernten sich in Berlin beim Studium kennen. Grit kam aus Rostock, Antje wuchs in Ost-Berlin auf. Sie hatten sich für Museologie eingeschrieben. Vor dem Studium machte Grit aber schon eine Ausbildung zur Buchhändlerin. Sie trafen sich also mit dem Katzenliebhaber Detlef Bluhm, der seit 1992 Geschäftsführer im Börsenverein des Deutschen Buchhandels des Landesverbands Berlin-Brandenburg ist.

Bluhm hatte sogar mal eine Katzenkrimi-Nacht veranstaltet in Berlin. Ein bisschen sieht er wie Gregor Gysi aus, nur jünger, besser und mit mehr Haar. Von ihm bekamen Grit und Antje den Rat: „Macht was Spezielles.“ Mit Thalia, mit den großen Ketten und nicht zuletzt mit Amazon könne man unmöglich konkurrieren, jedenfalls in der Breite. Die Möglichkeit, die Bluhm damals sah, lag in der Nische.

Erfolgreiche Krimis

So nischig ist das weite Feld Krimi nun auch nicht. Unter der Liste der erfolgreichsten Bücher nach gedruckten Exemplaren steht auf Platz 14 Agatha Christies sechsundzwanzigster Kriminalroman „And Then There Were None“, 100 Millionen wurden davon gedruckt. Beim „Kleinen Prinzen“ waren es nur 80 Millionen. Salingers „Catcher in the Rye“ schaffte 65 Millionen. Dan Brown belegt mit 57 Millionen Exemplaren seines Mona-Lisa-Madonnen-Thrillers „The Da Vinci Code“ Platz 20. Trotzdem, hundert Quadratmeter nur Krimis, Thriller und Mystery, das ist schon eine Ansage.

Der Rauch einer Selbstgedrehten steigt langsam aus dem Aschenbecher vor der Buchhandlung nach oben. Gegenüber wird gerade ein Haus saniert. Antje erzählt von ihrer eigenen Wohnung an der Danziger Straße. Seit neun Jahren wohnt sie dort. 370 Euro kalt, Ofenheizung, dafür aber auch hundert Quadratmeter, genau wie ihr Laden. Sie hat noch nie eine Mieterhöhung bekommen. Die Ladenmiete vom „Totsicher“ blieb durch einen Optionsrechtsvertrag immerhin sechs Jahre lang gleich.

Der Vermieter, einer aus München, verkaufte das Haus aber schließlich und die neuen Eigentümer erhöhten die Kaltmiete von 7 auf 8,50 Euro für den Quadratmeter. Dazu kommt, dass Grit und Antje im vorigen Jahr im Vergleich zum Jahr 2010 30.000 Euro weniger Umsatz gemacht haben. „Das ist sehr, sehr viel“, sagt Antje. Sie ist neununddreißig, ein Jahr jünger als Grit. Antje ist die etwas größere Blonde mit langem Haar, und Grit, die etwas kleinere mit dunklem kürzeren Haar. Ein bisschen wie Ying und Yang.

Ein wirklich persönlicher Raum

Verzweifelt, traurig oder böse ist keine der beiden. Grit berät im Inneren des Ladens noch immer das Paar aus Heinersdorf. Vorne rechts ist das Skandinavien-Regal, neben dem für die deutschen Krimis. Hörbücher führen die beiden freilich auch. An der Decke ist Stuck. Ein großer, wirklich persönlicher Raum, in dem die Luft nach Luft riecht und nicht nach warmem Plastik, wie in der Kette im Einkaufszentrum. In den Augen brennt es hier auch nicht.

An der Wand hängen Bilder von Künstlern aus dem Bekanntenkreis. 540 soll das eine kosten. Darunter steht eine Telefonnummer. Auf den Bücherregalen stehen Blumen, Kerzenleuchter, Krimskrams. Es ist so, als würde man bei jemandem zu Hause sein. Der Kunde fühlt sich nicht beobachtet, nicht einer Verkaufsmaschinerie ausgesetzt, vielleicht ist das ja gerade die Maschinerie. In einem Raum für die gebrauchten Bücher stapeln sich die Bananenkisten. Und doch reicht es nicht. „Momentan können wir beide nicht mehr davon leben“, muss Antje sich eingestehen.

Die Ursachen liegen tatsächlich im Wandel der Bewohner des Kiezes. Das muss man nicht gut finden, schlecht kann man es aber auch nicht, denn eine Stadt verändert sich nun mal. Viele der alten Bewohner sind nach Weißensee, nach Heinersdorf, eben etwas weiter außerhalb gezogen. Etwa dreißig Prozent der Nachbarn, schätzt Antje, kämen als Kunden schon gar nicht in Frage, weil sie gar keine deutschen Bücher lesen könnten. Sie kommen aus England, Amerika, Spanien, Frankreich und holen gelegentlich Pakete ab, die das „Totsicher“ für sie annimmt.

„Wir sind eine Kiezbuchhandlung“

Als die beiden Heinersdorfer den Laden verlassen, erkundigen sie sich noch nach dem Weg zum neuen. „Am einfachsten zum Ostkreuz fahren, dann umsteigen. Da brauchen Sie dreißig Minuten“, erklärt Grit ihnen den Weg. „Tschüs, bis zum nächsten Mal. Und einen guten Umzug wünschen wir euch.“

„Wir sind nicht nur eine Fachbuchhandlung, wir sind auch eine Kiezbuchhandlung“, sagt jetzt Grit. Dazu gehört es nämlich, Pakete für die Nachbarn anzunehmen. Wenn einer den Schlüssel vergessen hat, gibt man ihm einen Draht oder eine Schere, um wieder hineinzukommen. Und natürlich kann man im „Totsicher“ auch Bücher außerhalb des Krimigenres bestellen. Aber englischsprachige Bücher für die neuen Bewohner im Winskiez, das lohnt kaum. Für nicht deutschsprachige Bücher gibt es keine Buchpreisbindung. Während „Der Erlöser“ von Jo Nesbø in der deutschen Taschenbuchausgabe aus dem Ullstein Verlag in ganz Deutschland 9,95 Euro kosten muss, kann ein Händler für „The Reedemer“ verlangen, was er will, der Markt regelt die Preise. Gegen Amazon können sich Grit und Antje dort nicht behaupten.

Es scheint sonderbar, 2004 eine Buchhandlung zu eröffnen. Amazon gab es damals schon zehn Jahre. Es schien so, als sei digital tatsächlich besser. Und trotzdem lief es bis 2010 richtig gut für Antje und Grit. Bestellte ein Kunde ein Buch, war und ist es auch bis zum nächsten Tag im Laden. Es fallen keine Portogebühren an, und wenn man es dann doch nicht haben will, kann es ein Buchhändler kostenfrei zurückschicken.

Welcher Kunde möchte was?

„Totsicher“ bietet eine ehrliche Beratung. Vier Bücher zu lesen, schaffen die beiden jeweils schon die Woche. Mit der Zeit weiß man ganz genau, welcher Kunde was haben will. Manchmal kommt einer auch nur auf eine Zigarette vor der Tür vorbei. „Wie war dein Urlaub? Was machen die Kinder?“

Von Anfang setzten die Frauen auf Lesungen. Jede Woche eine. Dienstags, weil donnerstags das kleine Kellerkino nebenan geöffnet hatte. Und gute Nachbarn streiten sich nicht um Gäste. Das Kellerkino gibt’s auch schon nicht mehr. Anfangs zeigen sie im „Totsicher“ auch Filme: Edgar Wallace, Miss Marple, Klassiker eben. Es gibt ein Buffet und Getränke. Freunde und Freunde von Freunden machten als Gäste den Anfang und irgendwann kamen dann auch Fremde. So wie das Paar aus Heinersdorf.

Nach zwei, drei Jahren lief es richtig gut. Oliver Bottini kam zum Lesen, er gewann 2005 und 2007 den deutschen Krimipreis, Thomas Knauf las aus dem ersten Krimi, der im Prenzlauer Berg spielt. Die Lesungen liefen gut, sie brachten Kunden in den Laden. An Weihnachten backten Grit und Antje sogar Plätzchen.

Sie dachten ans Aufhören

Wir müssen jetzt aber ehrlich sein. Lichtenberg ist nicht der Prenzlauer Berg. Im Winsviertel, im angrenzenden Bötzowviertel, buhlen die Franzosen um Gäste, die mehr als 20 Euro für ein Hauptgericht ausgeben können. Die Weinhändler locken mit Crémant und nicht mit Lambrusco. In der Margaretenstraße gibt es noch deutschen Mittagstisch und den Italiener mit den Pizzen für unter sechs Euro. Orthopädieschuhe sind auch der Renner dort. Lichtenberg wird wohl die meiste Zeit Randbezirk bleiben. Sicher, es werden mehr Leute dort hinziehen. Aber so viel Geld wie in Mitte und in den Prenzlauer Berg wird niemand dort hinstecken. Grit hatte auch ihre Vorbehalte. Man kriegt das wohl nie aus dem Kopf, dass man bei Lichtenberg an deutsche Schädel und amerikanische Sportgeräte denken muss.

Tatsächlich kamen die beiden Frauen nicht selbst auf die Idee dort hinzugehen. Ein Vierteljahr lang dachten sie sogar ans Aufhören. Eine Vertreterin eines Verlages gab ihnen schließlich einen Rat. „Schöneberg oder Lichtenberg“, meinte die noch. Schöneberg fällt raus. Vom Bauchgefühl her, ist halt Westen. „Ich weiß, das ist albern. Ich gehe total gerne auf den Winterfeldtmarkt. Aber dort arbeiten?“

Der Duft einer echten Buchhandlung

Antje kann Grit schließlich von Lichtenberg überzeugen. Mit siebzehn hatte sie ihre erste eigne Wohnung dort, in der Friedastraße, die parallel zum neuen Laden verläuft. „Es gab so viele, kleine Läden. Du hast das Geld vergessen. Macht nix, meinte der Verkäufer, ich pack dir noch ein paar Weintrauben ein und du zahlst morgen. Die erste Schlägerei mit Nazis hab ich im Prenzlauer Berg erlebt, das war am S-Bahnhof Greifswalder.“ Grit und Antje gehen um den S-Bahnhof Lichtenberg spazieren, einen Kaffee trinken, sie finden ein Ladengeschäft. Der Fünfjahresvertrag ist jetzt unterschrieben.

Die Buchhandlung „Totsicher“ hatte in der Winsstraße nun ihren letzten offenen Tag. Zum allerletzten Mal konnten die Kunden in den Bananenkisten nach günstigen Gebrauchten schauen, sich auf die grünen Stühle setzen und in der Kühle des Altbaus die Luft einer echten Buchhandlung einatmen. An diesem Sonnabend in diesem Monat stiegen das letzte Mal die wohlverdienten Rauchkringel nach oben.

Und die aus England und Amerika werden bald sagen: „There used to be a nice bookstore around here. Who’s gonna get my packages now?“ Das französische Pärchen, das sich ausgesperrt hat, wird „Merde!“ rufen. Eine gewisse Komik hat das schon, man könnte nämlich sagen, dass schlecht integrierte Migranten eine Mitschuld am Ende des „Totsicher“ haben.

Nun brauchen sie neue Kunden

Übertrieben natürlich. Das sind keine Typen, die einem nachts auf den Kopf springen, die einem das Portemonnaie wegnehmen, oder was anderes Kriminelles tun. Die haben einen gut bezahlten Job und stehen auf Bauhaus-Möbel oder sammeln Yves-Saint-Laurent-Krawatten aus den Sechzigern. Das sind Akademiker aus Paris, Grafiker aus Australien und Musiker aus Portland, die einfach kein Deutsch lernen wollen, weil sie es nicht müssen. Weil sie in der Bar um die Ecke auch auf Englisch ein Bier bestellen können und ihr Job sowieso international ist. Deswegen werden die nie ein Buch auf Deutsch lesen, weil sie es nicht müssen. Und weil die jetzt eben ein Drittel der neuen Nachbarschaft sind, ist es halt schwierig, fürs „Totsicher“ in der Winsstraße zu überleben.

Und den Großteil der alten Kunden werden Antje und Grit auch nicht mitnehmen können. Sicher, das Paar hat sich erkundigt, wie es denn von Heinersdorf nach Lichtenberg kommt. Vielleicht funktioniert es für die als schönes Ritual. Eine Zahnärztin aus dem Prenzlauer Berg, die in ihrer Praxis die Löcher der Friedrichshainer stopft, für die ist es nicht weit in die Margaretenstraße. Aber ein neuer Bezirk heißt neue Kundschaft. Wieder von vorne anfangen. Kekse backen. Schnittchen schmieren. Drähte ausleihen. Pakete annehmen. Um am Ende endlich wieder Krimis verkaufen.