24.10.12

Zwangsräumung

Nachbarn verteidigen Familie gegen Gerichtsvollzieher

Die Gülbols sollen ihre Wohnung in Berlin-Kreuzberg verlassen. Dass es dazu noch nicht gekommen ist, verdankt die Familie ihren Nachbarn.

Foto: Amin Akhtar

Verzweifelt: Necmiye Gülbol und Tochter Aylin möchten im Haus bleiben
Verzweifelt: Necmiye Gülbol und Tochter Aylin möchten im Haus bleiben

Es sind unruhige Tage für Ali Gülbol, seine Frau und seine drei Kinder. Sie haben keine Schulden beim Vermieter, dennoch steht der Kreuzberger Familie eine Zwangsräumung bevor. Dass es dazu noch nicht gekommen ist, das ist den Nachbarn und Kiezinitiativen zu verdanken. "Wir werden diese Räumung verhindern", so steht es im Aufruf der Sympathisanten, "die Familie soll in ihrer Wohnung bleiben können." Der Aufruf hatte Erfolg. Rund 150 Menschen blockierten den Zugang zum Haus an der Lausitzer Straße 8, als zu Beginn der Woche die Gerichtsvollzieherin kam. Sie musste unverrichteter Dinge wieder umdrehen.

Räume selbst ausgebaut

Mehrere Jahre dauerten die juristischen Auseinandersetzungen zwischen Ali Gülbol und dem Vermieter. Er habe immer die Miete bezahlt, sagte Malermeister Gülbol, sich aber gegen eine Mieterhöhung gewehrt. "Die Wohnung war eine Ruine, als ich einzog", erzählte er. Er habe die Räume saniert und ausgebaut. Und mit dem früheren Eigentümer vereinbart, dass wegen dieser Eigenleistung die Miete nicht erhöht wird. Doch das Haus hat seit 2006 einen neuen Eigentümer, André Franell. Er forderte eine höhere Miete. Ali Gülbol beauftragte einen Anwalt und ging vor Gericht. Doch weil die Vereinbarung mit dem früheren Eigentümer nur mündlich getroffen worden war, bekam der jetzige Eigentümer recht.

Malermeister Gülbol zahlte die Mieterhöhung, aber nicht innerhalb der geforderten Frist. Die Wohnung wurde gekündigt. Eigentlich sollte er Ende August den Wohnungsschlüssel abgeben, tat es aber nicht. "Es fällt mir schwer, das Haus zu verlassen, in dem ich groß geworden bin und seit mehr als 30 Jahren lebe", erzählte er. Auch seine Eltern wohnen an der Lausitzer Straße 8, im Hinterhaus. Es ist kein vornehmes Gebäude. Die Leitungen im Treppenhaus liegen noch auf dem Putz. Gülbol ist 41 Jahre alt und wurde in Berlin geboren. Seine Frau arbeitet in einer nahe gelegenen Kita. "Der Sommer war ganz schwierig", sagte er. Die Tochter, 20 Jahre alt, habe das Abitur abgelegt, die beiden Söhne machten den mittleren Schulabschluss. Dazu kam die Auseinandersetzung mit dem Vermieter. Gülbol hofft noch auf eine friedliche Einigung. Er habe versucht, Franell zu erreichen, und schreibe ihm jetzt noch einmal einen Brief, sagte er. Unterstützung bekommt die Familie auch vom Kreuzberger Stadtteilzentrum, das seinen Sitz im Vorderhaus der Lausitzer Straße 8 hat. Seit August werde sie beraten, sagte Mitarbeiter Jörg Nowak. "Es sind keine Problemmieter", sagte er. "Sie haben Arbeit und zahlen pünktlich die Miete." Auch Kreuzberger Politiker versuchten, der Familie zu helfen. Der Sozialstadtrat, der Bezirksbürgermeister und mehrere Abgeordnete hätten Briefe an den Hauseigentümer Franell geschrieben oder versucht ihn anzurufen, sagte Nowak. Bislang ohne Erfolg.

André Franell ist Geschäftsführer der Franell Consulting GmbH. Sie wird im Internet als Dienstleister bezeichnet, der Termine für Zwangsversteigerungen recherchiert und die dazugehörigen Ansprechpartner und Informationen herausfindet. Franell war am Dienstag für Nachfragen der Morgenpost nicht erreichbar. Im Internet ist auch die Website der André Franell Stiftung zu finden. Sie unterstützte ein Umsiedlungsprojekt für verarmte Menschen in Vietnam, die aus ihren Häusern vertrieben wurden, weil Hotels und Golfplätze gebaut werden sollten.

Die Kreuzberger Kiezinitiativen wollen am Mittwoch vor der Franell Consulting GmbH in Charlottenburg gegen die Zwangsräumung der Familie Gülbol protestieren. Die Kundgebung sei angemeldet, sagte eine Polizeisprecherin.

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