Dieter Hallervorden

"An sich ist Til Schweiger ein fairer Mann"

Dieter Hallervorden galt lange als Mann fürs Komische. Mit „Vor Sonnenuntergang“ beweist er wieder einmal, dass er auch anders kann.

Dieter Hallervorden bei der Probe zum Gerhart-Hauptmann-Drama „Vor Sonnenuntergang“ im Schlosspark Theater in Steglitz.

Dieter Hallervorden bei der Probe zum Gerhart-Hauptmann-Drama „Vor Sonnenuntergang“ im Schlosspark Theater in Steglitz.

Foto: Joerg Krauthoefer

Ab und zu darf es bei Dieter Hallervorden auch mal ernst werden. In den vergangenen Jahren hat der 80-Jährige, der bei vielen Zuschauern hauptsächlich mit komischen Rollen und Kabarett in Verbindung gebracht wird, mit Filmen wie "Sein letztes Rennen" und "Honig im Kopf" eine andere Seiten gezeigt. Am heutigen Sonnabend feiert er an der Seite von Katharina Schlothauer im Schlosspark Theater die Premiere des Gerhart-Hauptmann-Dramas "Vor Sonnenuntergang".

Berliner Morgenpost: Herr Hallervorden, "Vor Sonnenuntergang" kennen viele aus dem Deutsch-Unterricht. Was hat Sie daran gereizt?

Dieter Hallervorden: Es gibt mehrere Gründe. Erstens möchte ich das Schlosspark Theater wieder zu den Zeiten zurückführen, die es so ehrenhaft unter Boleslaw Barlog erlebt hat. Dazu gehören auch Klassiker. Letztes Jahr haben wir Molière gebracht, dieses Jahr Gerhart Hauptmann, nächstes Jahr "Minna von Barnhelm" von Lessing. Sicherlich ist unser Spielplan breitgefächert, aber Klassiker gehören auf jeden Fall dazu. Der zweite Grund ist, dass ich als Schauspieler immer Herausforderungen suche und diese Rolle des Matthias Clausen ist eine Herausforderung, weil man eben einen Riesenbogen an Gefühlen spielen muss. Ich liebe Herausforderungen, aber noch mehr deren Bewältigung.

Sind Sie stolz auf das Ergebnis?

Ich bin selber ein großer Verehrer von Hauptmanns Werk, speziell von diesem Spätwerk. Es ist bei uns sehr gut besetzt und Regisseur Thomas Schendel hat es hervorragend inszeniert. Das gefällt mir sehr gut. Natürlich ist es kein Theaterstück, wo man sich die Schenkel wundklatscht, aber auch so etwas gehört bei jedem guten Theater dazu.

Ist Ihnen Matthias Clausen als Charakter nahe?

Ich kenne das Stück seit vielen Jahrzehnten, aber erst mal musste ich in das Alter kommen, um ihn spielen zu können, und dann auch den Mut bekommen. Am Anfang hängt für diesen Mann der Himmel voller Geigen. Er ist frisch verliebt, alles ist schön. Und wenn er dann nach und nach von seinen eigenen Kindern demontiert wird, die versuchen, das Mädchen mit Geld von ihm fernzuhalten, wenn sie versuchen, sein Glück zu zerstören, und zwar nicht, weil sie um seine Gesundheit fürchten, sondern einfach nur, weil sie um ihr Erbe Angst haben, dann sind das Gefühle, die man sehr ehrlich spielen muss. Ich hoffe, ich bin auf dem richtigen Weg, das zu schaffen.

Sie scheinen in den letzten Jahren viel mehr ernste Rollen zu spielen als früher, zum Beispiel den Marathonläufer in "Sein letztes Rennen". Sind das Facetten, die Sie spät an sich entdecken und die immer in Ihnen geschlummert haben?

Viele Regisseure, Produzenten und Redakteure haben lange Zeit immer nur die eine Seite an mir gesehen. An sich bin ich ein bescheidener Mensch, aber ich sage es trotzdem: Dass ich das kann, wusste ich schon auf der Schauspielschule. Aber wer lässt einen? Und deshalb bin ich dem Kilian Riedhof, der ja "Sein letztes Rennen" geschrieben hat, unendlich dankbar, dass er mir die Möglichkeit gegeben hat, das auch richtig zu zeigen. Es gab viele, die sich mächtig gewundert haben, weil sie eben von dem Beruf wenig verstehen und immer gerne Schubladen bereithalten. Für mich gab es bis dahin die Schublade "Nonsens", "Slapstick" und generell "Comedy". Aber gute Komödianten können auch sehr gut tragische Rollen spielen. Wohingegen es für Leute, die nur aufs Charakterfach spezialisiert sind, manchmal schwierig wird, ins Komödiantische zu wechseln. Ich bin froh, dass ich diese Chance bekommen habe und jetzt wollen wir auf der Bühne beweisen, dass es da auch geht.

Ist mit Ihnen demnächst wieder ein Filmprojekt geplant?

Ja, ich habe gerade einen Film namens "Ostfriesisch intensiv" gedreht. Da spiele ich die Hauptrolle, einen Eigenbrötler, der ausländischen Facharbeitern Plattdeutsch beibringt. Dafür habe ich extra Ostfriesisch gelernt. Er soll 2016 gezeigt werden, ob im Kino oder im Fernsehen, steht noch nicht ganz fest. Dann habe ich noch ein Angebot für eine Kino-Hauptrolle, eine schwere, schroffe Rolle. Das ist aber noch nicht spruchreif. Der Film interessiert mich sehr, er ist eine Sensation an Drehbuch. Aber ich möchte erst mal gucken, wie der Regisseur und ich uns so verstehen.

Wie geht es denn Ihrem 17-jährigen Sohn? Er ist ja auch Schauspieler.

Er hatte schon mit 13 eine Episodenhauptrolle für das ZDF, dann hat er es durch mehrere schwierige Castings geschafft, eine Hauptrolle zu bekommen und nun 23 Folgen "Binny und der Geist" gedreht. Darin spielt er den Geist, einen Jungen, der nach hundert Jahren in seinem Haus aufwacht. Er ist nur für ein Mädchen sichtbar, das in das Haus eingezogen ist. Eine sehr schöne Rolle für ihn und er hat auch schon Preise und gute Kritiken bekommen.

Wie fühlt sich das für Sie an?

Naja, ich sage ihm schon zwei, drei Mal im Monat, dass es auch noch sehr schöne andere Berufe gibt. Es ist schwer, sich in der Schauspielerei auf Dauer durchzusetzen. Und es genügt eben leider auch nicht, die große Liebe zum Theater und zu dem Beruf im Allgemeinen zu haben. Diese Liebe muss ja von den Zuschauern erwidert werden. Dessen kann man sich nie so sicher sein. Er hat einen sehr, sehr starken Willen, eine große Begeisterung für den Beruf und ist auch fleißig in den Vorbereitungen. Er wird jetzt ab September in Stuttgart eine Hauptrolle im Theaterstück "Harold und Maude" spielen, zusammen mit Anita Kupsch. Ich hoffe, dass er bis Mai oder Juni das Abitur hinter sich hat. Er macht es, wie ich, mit 17.

Sie haben mit Til Schweiger "Honig im Kopf" gedreht. Kürzlich hat er bei Facebook Kollegen aus anderen "Tatorten" kritisiert und damit viel Resonanz losgetreten. Was sagen Sie dazu?

Ich meine, wenn man an Kollegen Kritik übt... meine Sache wäre es nicht. Wenn ein Bäckermeister dem Bäckermeister auf der anderen Straßenseite nachsagt, er habe Haarausfall, da erkennt man schnell daraus Berufsneid. Aber ich muss dazusagen, dass ich Til Schweiger über die Arbeit hinaus schätzen gelernt habe. An sich ist er ein fairer Mann. Vielleicht ist es auch so, dass bestimmte Journalisten solche Aussagen herauskitzeln. Nachher ärgert man sich dann: "Hätte ich das doch nicht gesagt".

Vor drei Wochen hätte es im Schlosspark Theater eine Charityveranstaltung zugunsten von Flüchtlingen geben sollen. Die wurde abgesagt. Warum?

Wir wären auf der Bühne mehr Leute gewesen als im Zuschauerraum. Das geht natürlich nicht. Eine sehr traurige Sache. Fast zwanzig Schauspielkollegen hatten gesagt "Selbstverständlich, wir machen mit". Sie waren bereit gewesen, einen großen Abend zu gestalten. Die gesammelten Spenden sollten Menschen zugutekommen, die aus ihren Ländern fliehen mussten. Dass so wenig Zuschauer Interesse hatten, hat mich sehr enttäuscht.

Mit dem Schlosspark Theater läuft es aber richtig gut zur Zeit?

Ja, vor allem die letzte Inszenierung "Rose und ihr hilfreicher Geist" war ein Erfolg. Auch die Inszenierung von "Amadeus" war hervorragend. Allerdings haben wir mit der Tatsache zu kämpfen, dass die Leute sofort Karten kaufen, wenn ein fernsehbekannter Name dabei ist, vergessen aber, dass es so viel Schauspieler gibt, die zu Unrecht noch unbekannt sind und die man entdecken kann. Warum zahlt einer 50 Euro für einen Stehplatz, nur um zu sehen, was er schon kennt? Viel interessanter ist es doch, neugierig zu sein – im eigentlichen Sinne des Wortes gierig auf Neues. Das ist bei "Amadeus" der Fall. Super besetzt, toll inszeniert. Gloriose Musik von Mozart und trotzdem mittelmäßiger Besuch, weil eben kein bekannter Name dabei ist. Das ist auf die Dauer schwer durchzuhalten.

Es war sehr tragisch, als vor einigen Jahren Dirk Bach fünf Tage vor der Premiere von "Der kleine König Dezember" starb. Wie hat das Schlosspark Theater es finanziell verkraftet?

Es war natürlich in erster Linie sehr traurig für uns alle. Aber wir mussten auch ganze Spielblöcke freilassen. Wenn man so viele Kosten und keine Einnahmen hat, ist das fatal. Das hätte auch der Genickbruch sein können. Ein unbespieltes Theater ist ein totes Theater. Wir mussten jemanden finden, der die Rolle übernimmt. Wir haben es aber überstanden. Ich bin Gustav Peter Wöhler sehr dankbar, dass er spontan eingesprungen ist. Und dann hat er es ja gleich über Jahre hinweg gespielt. Das war ein Zeichen von großer Solidarität.

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