Strafprozess

Falsche Psychiaterin arbeitete im Maßregelvollzug

Alexandra B. fälschte Urkunden und gab sich als promovierte Psychiaterin aus. Jetzt sitzt sie in Moabit vor Gericht.

Justitia

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Foto: dpa

Vertrauenserweckend wirkt sie auf jeden Fall, die 35-jährige Alexandra B. Sie hat ein rundes, freundliches Gesicht, und es lässt sich gut vorstellen, dass Patienten, die sie für eine Psychologin oder Psychiaterin hielten, gern mit ihr sprachen. Doch die korpulente Frau ist keines von beiden. Deswegen sitzt sie seit Freitag vor einer Moabiter Strafkammer. Wegen Hochstapelei, sagt der Laie. Juristen nennen es Missbrauch von Berufsbezeichnungen, Urkundenfälschung - in diesem Fall kommt auch noch Körperverletzung dazu. Letztere werden von Alexandra B. bestritten. Alles andere gibt sie zu. Sie redet nicht selbst. Ihr Verteidiger Alexander Wendt verliest eine Erklärung.

Bei Hochstaplern sind regelmäßig Zufälle im Spiel, die das Leben in kriminelle Bahnen lenkten. So auch bei Alexandra B. In ihrer Erklärung ist vom einem Studium an der Fachhochschule Düsseldorf die Rede, sie wollte Sozialpädagogin werden. Doch leider habe sie dieses Studium nicht beenden können. Nach einem längeren Aufenthalt in Großbritannien habe sie sich nicht pünktlich für das Herbstsemester einschreiben können. Die Konsequenz war - angeblich - die Exmatrikulation.

Promotionsurkunde auf dem Computer gefälscht

Doch dann gab es diesen - ersten - Zufall: Eine gute Freundin gab ihr den Tipp, es doch mal als Berufsbetreuerin zu versuchen, die würden gesucht. Als Studienabbrecherin hatte sie da jedoch wenig Chancen. Ganz anders sah mit einem Hochschulabschluss inklusive Doktortitel aus. Im Anklagesatz steht: "Spätestens am 29. Dezember 2012 erstellte die Angeklagte auf ihrem Laptop unter Zuhilfenahme darauf gespeicherter Logos, Siegel, Unterschriften und Vorlagen eine angeblich von der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Heinrich Heine Universität Düsseldorf am 10. Dezember 2012 ausgestellte Promotionsurkunde über das Erlangen des Grades Doktor der Naturwissenschaften (Dr. rer. nat.)."

Dieses "Dokument" reichte aus, bei der Betreuungsstelle der Stadt Wuppertal in die Liste der Berufsbetreuerinnen aufgenommen zu werden. Es folgte der zweite, das Schicksal beeinflussende Zufall: Als Betreuerin lernte Alexandra B. eine Oberärztin in der evangelischen Stiftung Tannenhof - ein Fachkrankenhaus für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Neurologie - in Remscheid (Nordrhein-Westfalen) kennen. Diese Oberärztin soll nach einigen Gesprächen sinngemäß zu ihr gesagt haben: "Sie sind doch Psychologin. Die brauchen wir hier."

"Da fühlte ich mich schon sehr geschmeichelt", heißt es in Alexandra B.s Erklärung. Sie bewarb sich bei der Tannhof-Stiftung als Psychologin - diesmal legte sie ihren Unterlagen neben der Promotionsurkunde ein gefälschtes Diplomzeugnis mit dem Abschluss "Allgemeine und Klinische Psychologie" bei. Von Dezember 2013 bis August 2015 arbeitete sie in der Stiftung in ihrem neuen Job als Ärztin. Sie habe dort, so Verteidiger Wendt, eine sehr gute Abschlussbeurteilung bekommen. Was ihr heute aber wenig hilft, die knapp 80.000 Euro Gehalt wird sie vollständig zurückzahlen müssen.

Nächste Station ihrer Laufbahn war das Berliner Krankenhaus des Maßregelvollzuges. Ihren Bewerbungsunterlagen legte sie diesmal zusätzlich eine Facharzturkunde der Ärztekammer Nordrhein bei. Am 1. November 2015 wurde sie eingestellt, betreute drei Monate lang psychisch kranke Menschen, die straffällig wurden und verschrieb ihnen nicht unbeträchtliche Mengen an Psychopharmaka und ähnlichen Arzneien. Daraus ergibt sich aus Sicht der Staatsanwaltschaft auch der Vorwurf der Körperverletzung.

Drei Monate lang Ärztin im Berliner Maßregelvollzug

Im Anklagesatz heißt es, diese verschreibungspflichtigen Medikamente hätten "mit ihrer chemisch-physikalischen Wirkung eine pathologische Veränderung des körperlichen und psychischen Zustandes" der Patienten hervorgerufen. "Da die Patienten beziehungsweise etwaige gesetzliche Vertreter keine Kenntnis vom Mangel der fachlichen Qualifikation der Angeklagten hatten, konnten sie auch keine wirksame Einwilligung in die Gesundheitsbeeinträchtigungen erteilen."

Bestritten wird von Alexandra B. auch diese Medikamentenabgabe nicht. Ihr Anwalt sieht jedoch keineswegs den Tatbestand der Körperverletzung erfüllt: "Es ist schon klärungsbedürftig, ob es tatsächlich eine Beibringung von Gift ist, wenn es den Patienten anschließend gut geht", sagt er.

Weitere Stationen seiner Mandantin als promovierte Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie gab es in Kliniken in Braunschweig und im Berliner Theodor-Wenzel-Werk. In einer Klinik in Ostfriesland fungierte sie einige Wochen sogar als Oberärztin.

Die Hochstaplerin blieb offenbar ganz bewusst immer nur relativ kurz in den einzelnen Kliniken. So war das Risiko kleiner, dass Kollegen fachliche Mängel auffallen könnten. Der Schwindel kam dann aber doch heraus, als ein neuer Arbeitgeber beim Sichten der Bewerbungsunterlagen stutzig wurde und sie an die Ärztekammer zur Prüfung weiter gab. Am 12. Mai wurde Alexandra B. in Berlin festgenommen. In ihrer Erklärung heißt es, sie habe sich "von Tag zu Tag immer mehr in ihrer falschen Biografie verstrickt". Und sie sei "erleichtert, dass nun alles rausgekommen" sei. Ihr Prozess wird am 23. September fortgesetzt.

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