Running Tours

Sightrunning in Berlin: So entdeckt man Berlin beim Laufen

Laufend die Hauptstadt entdecken: Geht das? Wir haben uns Berlin einmal beim Sightrunning angeschaut.

Sightrunning-Gründer Mike Horstmann mit Mathilde und Nick aus London unterwegs am Bode Museum. Route und Tempo gestaltet Mike individuell nach Kundenwunsch

Sightrunning-Gründer Mike Horstmann mit Mathilde und Nick aus London unterwegs am Bode Museum. Route und Tempo gestaltet Mike individuell nach Kundenwunsch

Foto: Sven Darmer

Es ist heiß, sehr heiß an diesem Morgen in Berlin. Ein idealer Tag, um mit Badesachen bepackt an den Wannsee zu fahren. Sich in den schattigen Tiergarten zu fläzen und das Nichtstun zu genießen.

Oder einfach mal so richtig zu schwitzen. Das ist der Plan von Mathilde und Nick. Und genau deshalb stehen sie mit Laufklamotten bekleidet in der Lobby ihres Hotels in Mitte. Am Vorabend ist das junge Pärchen aus London in Berlin gelandet. Jetzt wollen die beiden die deutsche Hauptstadt im Laufschritt erkunden. Es ist ihr erster Besuch, warum also nicht das Workout mit einem ersten Eindruck von der Stadt verbinden?

In diesem Moment schaut Mathilde allerdings etwas zweifelnd und auch ein wenig neidisch auf die anderen Hotelgäste, die im Frühstücksraum mit ihren Kaffeetassen klappern. Doch Kneifen gilt nicht. Erst recht nicht, als Mike, mit Basecap und neongelber Laufweste ausgestattet, auf die beiden zustürmt. "Hi, welcome!", ruft er Mathilde und Nick mit strahlendem Lächeln zu. Mike ist der persönliche Coach des Pärchens für die nächsten 60 Minuten. Er ist Profi für das, was sich seine Gäste vorgenommen haben: Laufen, schauen und Spaß haben in der deutschen Hauptstadt.

Von London aus nahm sie Kontakt auf

Mike ist sozusagen die erste Sehenswürdigkeit, die Mathilde und Nick entdecken. Denn Berlin wäre ja nicht Berlin, würde es das, was sich die beiden ausgedacht haben, nicht schon längst als ausgefeiltes touristisches Angebot geben. Es hat auch einen Namen: Sightrunning, eine Wortschöpfung aus Sightseeing und Running. Mike, der eigentlich Michael Horstmann heißt, veranstaltet es seit acht Jahren hauptberuflich. Mathilde hatte Mikes Website auf ihrer Suche nach schönen Laufstrecken in Berlin entdeckt und schon aus London Kontakt zu ihm aufgenommen. Mittlerweile gibt es Running Tours auch in anderen Städten weltweit, in Deutschland unter anderem noch in Hamburg, München, Düsseldorf und Dresden.

Heute aber Berlin. Mike bittet Mathilde, Nick und mich als Gast erst einmal in eine ruhige Ecke in der Hotellobby und erklärt auf einem Stadtplan, wo wir uns befinden und was wir in der nächsten Stunde entdecken werden. Die jungen Briten, beide 25, er Produktdesigner, sie Medien-Strategieberaterin, haben die Route "Altes Berlin" gebucht. Nick schaut begeistert, während Mathilde nun die Angst vor der eigenen Courage ins Gesicht geschrieben steht. Dabei ist sie es, die schon an einem Halbmarathon teilgenommen hat, während ihr Freund erst vor einem Jahr das Laufen für sich entdeckt hat. Rund zehn Kilometer sind die beiden an jedem Wochenende unterwegs – in etwa die Strecke, die Mike im Visier hat. "Ihr werdet gar nicht merken, wie die Zeit vergeht und wie viele Kilometer ihr zurücklegt", verspricht der Coach noch, bevor er gut gelaunt zum Aufbruch ruft.

Eine Mischung aus Historie, praktischen Tipps und kleinen Anekdoten

In der gleißenden Sonne geht es die Rosenthaler Straße hinunter Richtung Fernsehturm. Mike vorneweg, wir hinterher. Auf freier Strecke wird gejoggt, wenn wir eine Straße überqueren müssen, gehen wir im Schritttempo. "Aus Sicherheitsgründen", wie Mike erklärt. Unser Guide zeigt zur Aussichtsplattform des Fernsehturms und stellt fest, dass es dort zwar nur mäßiges Essen, dafür aber den perfekten Blick über die Stadt gebe. Mathildes Gesicht leuchtet nun auf, ihr Interesse ist geweckt. "Und schaut euch mal vielen schönen alten Häuser rechts und links an", ruft Mike uns über die Schulter zu. "Vieles davon ist allerdings fake", schiebt er hinterher. "Nach dem Krieg waren in Berlin sehr viele Gebäude zerstört, nur 20 Prozent der Häuser bewohnbar." Als wir den Hackeschen Markt erreichen, weist er auf die Shows im Chamäleon Theater hin, die vielen Restaurants und auf den Erotik-Shop. "You can get funny toys there", sagt er augenzwinkernd. Mathilde und Nick gucken sich an und kichern.

Historische Informationen, praktische Tipps und kleine Anekdoten: Das ist die Mischung, die Mike bei seinen Running Tours bietet. "Klassische Stadtführungen mag ich selbst nicht", sagt er. "Meist gibt es jede Menge Zahlen, das finde ich langweilig. Außerdem ist das Tempo viel zu langsam!" Bei seinen Touren, betont er, müsse man aber auch kein "super runner" sein. "Sightrunning ist in erster Linie eine Stadtführung, bei der man das gemeinsame Hobby, das Laufen, teilt."

Gelaufen wird von sechs Uhr morgens bis Mitternacht

Mike gibt beim Laufen ständig Anregungen, welche Orte für einen intensiveren Besuch lohnen. Weil nicht nur die Kondition, sondern auch die Geschmäcker der Gäste sehr verschieden sind, hat er sich auf individuelle Touren für Einzelpersonen oder Kleingruppen mit maximal vier Teilnehmern spezialisiert. Exklusiv ist auch der Service: Gelaufen wird von sechs Uhr morgens bis Mitternacht, der Start ist am Hotel oder an einem Wunsch-Treffpunkt. Ein Service, den nicht nur Freizeittouristen, sondern insbesondere viel beschäftigte Geschäftsleute schätzen. Nicht selten, erzählt Mike, hätten seine Kunden noch rote Augen und einen Jetlag, wenn die Tour beginnt. Sie kommen aus der ganzen Welt: von Australien und den USA über Brasilien und Israel bis nach Skandinavien. Auch mit deutschen Junggesellenabschieden und Schulklassen aus Hongkong ist Mike schon durch Berlin gejoggt. Meist ist die Kundschaft jedoch älter und finanziell besser gestellt. Denn der Personal Guide hat seinen Preis: Eine Stunde Sightrunning für zwei kostet 70 Euro.

Mathilde hat ihrem Freund das Wochenende in Berlin samt Sightrunning zum Geburtstag geschenkt. "Unglaublich, wie viel Energie Mike hat", japst sie, während uns unser Guide trotz seiner 59 Jahre munter erzählend durch Berlin treibt. "Naja, er hat ja auch lange Beine!"

An der Monbijou Strandbar vorbei ("Hier gibt es Tango und kühle Drinks") laufen wir auf die Museumsinsel und betreten die ehrwürdige Eingangshalle des Bode Museums. Es ist ein lustiger Kontrast, wie wir in unseren Laufklamotten neben den uniformierten Museumswärtern am Reiterstandbild des Großen Kurfürsten eine Einführung in die Geschichte Berlins erhalten. Und eine willkommene Abkühlung. Dann geht es wieder nach draußen Richtung Pergamonmuseum. Ein Stopp am gegenüberliegenden Haus mit dem Klingelschild "Prof. Sauer" ("Hier wohnt die Kanzlerin"), bevor wir den Lustgarten erreichen, dessen äußerstes Ende Mike als lauschiges Plätzchen für den Abend empfiehlt.

Gummibärchen und Schokolade gehören auch zum Programm

"Keiner wird euch sehen", verspricht Mike Mathilde und Nick – mit etwas zu lauter Stimme, denn ein paar junge Touristen, die dort gerade auf der Mauer entspannen, rufen uns prompt zu: "Doch, wir sehen euch!" Mike grinst. Er genießt es sichtlich, nicht nur mit seinen Gästen zu plaudern, sondern auch mit den Passanten Kontakt aufzunehmen. "Hello everybody!", ruft er und winkt. Auf dem Gehweg am Humboldtforum verschafft er uns Platz, indem er laut "Heja, heja" rufend eine Schneise durch die Touristengruppen bahnt.

Nachdem wir den Dom, das Deutsche Historische Museum und die Staatsoper passiert haben, wird es ruhiger. Auf dem Bebelplatz erzählt Mike von der Bücherverbrennung, dann geht es am Gendarmenmarkt wieder in die Gegenwart: Im Ampelmann-Café probieren wir Gummibärchen, bei Rausch bestaunen wir die Schokoladenskulpturen. Als wir die Friedrichstraße Richtung Unter den Linden entlang joggen, stößt Mathilde beim Überqueren einer Straße ihren Freund an und zeigt auf das Licht der Ampel: Sie hat das Ampelmännchen in echt entdeckt und strahlt. Die teuren Boutiquen interessieren sie weniger. "Das einzige, wofür ich viel Geld ausgebe, sind Sportklamotten", erklärt sie. "Ah, good choice", kommentiert Mike und grinst Nick an.

Unserem Guide entgeht nichts und sein Redefluss ist unaufhaltsam. In seiner Studentenzeit war er Austauschstudent in den USA, später als IT-Berater mehr als zwei Jahrzehnte auf dem Globus unterwegs. Daher kann er sich spielend auch auf Englisch mit seinen Kunden unterhalten. Das Wissen hat sich Mike über die Jahre angeeignet, die Strecken schon vor Jahren als Laufbetreuer einer Berliner Laufgruppe ausgekundschaftet. Das gefällt mir besonders gut: Immer wieder führt uns Mike über weniger bekannte Wege und überrascht mit neuen Perspektiven auf die Stadt.

Am Brandenburger Tor wollen sie die tour lieber nicht Verlängern

Außerdem macht es Spaß, mal in schnellerem Tempo und doch zu Fuß unterwegs zu sein. Fast tun mir die Touristen leid, die sich links und rechts von uns mit Bussen, Rikschas oder Pferdekutschen durch die Straßen fahren lassen oder auf Segways über den Asphalt kurven. Wir sind viel wendiger und weil wir auffallen, gibt es immer wieder amüsante Wortwechsel mit Passanten. "Es gibt viel zu sehen und es ist lustig", lobt Nick. Er liebt die kleinen Anekdoten, während Mathilde die abwechslungsreiche Route genießt. Von der Masse an Informationen und dem häufigen Stop and go scheint sie allerdings leicht erschöpft .

Nach eineinhalb Stunden, weiß auch Mike aus Erfahrung, ist in der Regel die Sättigung erreicht. Einmal sei er mit einem Amerikaner mehr als vier Stunden gelaufen, "da konnte selbst ich kaum mehr reden", lacht er. Mathilde und Nick möchten, als wir am Brandenburger Tor angelangt sind, lieber nicht Richtung Potsdamer Platz verlängern, sondern zurück zum Hotel. Die vereinbarte Zeit haben wir sowieso schon überschritten. "I'm getting hungry", sagt Mathilde und bittet um Tipps für glutenfreies Essen in Berlin. Mike verspricht, ihr einen Link zu schicken. Der Tag für die beiden wird noch lang sein: Für 22 Uhr hat Mathilde Tickets für die Reichstagskuppel gebucht.

Auf unserem Rückweg über den Reichstag und den Tränenpalast zurück zum Rosenthaler Platz gibt es noch viele Details zu entdecken – den Grenzstreifen, das Denkmal für die Maueropfer an der Spree, Stolpersteine, die Mauersegmente im Parlament der Bäume. Mike erzählt und macht Souvenirfotos von Mathilde und Nick. Zurück im Hotel, schaut er auf sein Handy: 10,8 Kilometer haben wir in einer Stunde 52 Minuten zurückgelegt und rund 1100 Kalorien verbraucht. Zeit für eine Dusche – und ein zweites Frühstück.

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