Kirchenmusik

Eine Orgel mit drei Motoren und einem Computer

Die Katholische Gemeinde St. Afra lässt ein historisches Instrument restaurieren. Die Orgel aus der Romantik stammt aus England.

Gerald Goesche ist Propst in St. Afra. Mit Spenden wurde die Orgel aus England restauriert

Gerald Goesche ist Propst in St. Afra. Mit Spenden wurde die Orgel aus England restauriert

Foto: Amin Akhtar

Die Graunstraße in Gesundbrunnen ist eine nette Wohnstraße mit properen Altbauten. Die Fassade des Hauses mit der Nummer 31 aus rotem Backstein und weißem Putz sticht heraus, ist geradezu prächtig geraten. Was sich allerdings hinter dem großen grünen Tor des Hofdurchgangs verbirgt, ist dennoch eine faustdicke Überraschung. Der Besucher gelangt über einen Kreuzgang auf einen malerischen Innenhof, den man eher in Italien als in Berlin erwarten würde. Über einige Stufen betritt er die katholische Kirche St. Afra. Und dort erwartet ihn eine weitere Besonderheit: eine der interessantesten und klangvollsten Orgeln Berlins.

Mit einer Anzeige im Internet startet ein großes Abenteuer

Die Kirche wurde 1897/98 im neugotischen Stil als Teil eines Stifts erbaut. Auf der rechten Empore stand seit 1925 eine Orgel der bekannten Kreuzberger Werkstatt Dinse. Die war allerdings schon nicht mehr in Ordnung und genügte auch den Ansprüchen des Instituts St. Philipp Neri, das vor zwölf Jahren die Kirche übernahm, nicht. 2005 war sie dann endgültig unspielbar. Als Ersatz diente eine kleine Digitalorgel. Die von Propst Gerald Goesche geleitete Gemeinde sammelte 30.000 Euro, um die Dinse-Orgel zu restaurieren und zu erweitern, doch dann machte Goesche im Jahr 2011 eine folgenschwere Entdeckung. Im Internet fand er eine Anzeige, dass in der britischen Bierbrauerstadt Burton-upon-Trent (Grafschaft Staffordshire) eine Romantik-Orgel zum Verkauf steht.

Die war 1869 vom englischen Orgelbauer William Hill geschaffen worden und stand in einer Methodistenkirche, die 2011 geschlossen wurde. Die dortige Gemeinde mochte ihr Schmuckstück nicht ausschlachten und war begeistert, dass die Berliner es restaurieren und wieder aufbauen, also in gute Hände nehmen wollten. So konnte Goesche die Orgel für lächerliche 1000 britische Pfund erwerben. "Das ist mir heute noch ein wenig peinlich", bekannte er augenzwinkernd im Gespräch mit der Berliner Morgenpost.

Die Orgel wurde zerlegt und in Tschechien restauriert

Dann aber begann ein Abenteuer, das den Propst und viele andere Beteiligte vier Jahre lang in Atem hielt. Die Orgel wurde zerlegt, transportiert und von der tschechischen Werkstatt Rieger-Kloss in Krnov (Jägerndorf) restauriert. Danach musste sie erneut zerlegt, nach Berlin gebracht und wieder aufgebaut werden. Bei einem Weihgottesdienst am 22. November 2015 erklang sie zum ersten Mal nach der Restaurierung öffentlich. Restaurierung und Transporte kosteten 360.000 Euro. 160.000 Euro steuerte die Lottostiftung bei, den großen Rest sammelte das Institut St. Philipp Neri als Spendengeld ein.

Die Orgel besteht aus drei Teilen, einem Hauptwerk mit schönem viktorianischen Prospekt sowie zwei Schwellwerken, die auf den Seitenemporen stehen. Ihr Klang ist "dezidiert romantisch", wie der Propst erläutert. Das bedeutet, er ist weicher und farbiger als bei einer typisch deutschen Barockorgel, aber brillant. Und er wirkt, kaum zu erklären, stets ein wenig britisch. Bisweilen erinnert er an Kinoorgeln, etwa an die im "Babylon".

Die Orgel verfügt über unendlich viele Klangfarben

Weil die Orgel in St. Afra nun anders als in Burton-upon-Trent in drei Teile getrennt werden musste, benötigte sie auch drei Windanlagen, drei Motoren, außerdem neue Gehäuseteile. Schnitzereien mussten restauriert werden. Jede der mehr als 2300 Pfeifen wurde sorgsam gereinigt, ausgebeult und gegebenenfalls überholt. Der desolate Spieltisch mit drei Tastaturen musste in großen Teilen neu gebaut werden.

Heute ist sein Herzstück ein Computer, der allein 40.000 Euro kostete. Dort wirkt in der Regel Organist Jonas Wilfert. Der 24-Jährige ist Schüler von Professor Wolfgang Seifen an der Universität der Künste. Aber auch Gerald Goesche kann eindrucksvoll demonstrieren, was in William Hills Meisterwerk steckt. Er öffnet nacheinander etliche Register und demonstriert dem Besucher, dass die Übergänge kaum zu hören sind. "Sie lebt", ruft er begeistert aus und tatsächlich, die Orgel scheint über unendlich viele Klangfarben zu verfügen.

Messen nach klassischem Ritus in lateinischer Sprache

Die Orgel passe hervorragend zur Liturgie, betont der Propst. Im Institut St. Philipp Neri werden die Messen nach klassischem römischen Ritus gefeiert, das heißt auch, in lateinischer Sprache. Das Institut untersteht nicht dem Erzbistum Berlin, sondern direkt Rom. Dafür bekommt es auch keine Kirchensteueranteile, sondern ist auf Spenden angewiesen. Die dort gepflegte liturgische Form geht einher mit einer ambitionierten Musikpflege, die sich auf den gregorianischen Choral und die Vokalmusik der Renaissance konzentriert.

Jeder ist zu den Gottesdiensten willkommen, die etwa Ostersonntag und -montag um 10.15 Uhr stattfinden. Am heutigen Karsamstag beginnt um 21.30 Uhr eine Osternacht mit Erwachsenentaufe. Demnächst will das Institut auch Orgelkonzerte veranstalten, für den Sommer sind "Hill-Tage" vorgesehen. Dann sollen Werke zu hören sein, die speziell für britische Romantik-Orgeln komponiert wurden – von viktorianischen Schmalzschinken bis John Rutter, verspricht Gerald Goesche.

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