Kulturpolitik Monika Grütters: "Kreativität braucht Freiheit"

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat derzeit viele Berlinale-Termine

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat derzeit viele Berlinale-Termine

Die Kulturstaatsministerin war zu Gast bei der Industrie- und Handelskammer und beschwor die Freiheit von Kunst und Wissenschaft.

An den Beginn ihres Vortrags setzte Monika Grütters ein Zitat des irischen Schriftstellers Oscar Wilde: "Nur die ganz Stumpfsinnigen sind beim Frühstück schon geistreich." Um dann aber doch eloquent zu belegen, dass auch eine Größe der Literatur nicht immer Recht haben muss. Die Staatsministerin für Kultur und Medien war am Freitagmorgen als Referentin zu Gast beim traditionsreichen wirtschaftspolitischen Frühstück der Industrie- und Handelskammer (IHK) im Ludwig-Erhard-Haus an der Fasanenstraße. Ihr Thema lautete "Kreativität braucht Freiheit: Rahmenbedingungen für eine starke Kultur- und Kreativwirtschaft".

Grütters beschwor zunächst "die Kraft der Kreativität". Puzzleteile unseres Wissens neu zusammensetzen und Zusammenhänge herstellen, wo es bisher keine gab, das werde überall in der Gesellschaft gebraucht. Die Kreativwirtschaft sei daher mehr als eine Branche neben anderen. Sie liefere Güter und Dienstleistungen, aber auch den "immateriellen Rohstoff für Innovationen in allen Bereichen".

Kreativwirtschaft setzt 146 Milliarden Euro pro Jahr um

Die Kreativwirtschaft in Deutschland umfasse fast 250.000 Unternehmen mit mehr als einer Million Beschäftigten und erziele 146 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr, sagte die Staatsministerin. Schweitzer sprach zuvor allein für den Berliner Raum von 30.500 Unternehmen und 15 Milliarden Euro Umsatz. Andererseits, so betonte Grütters, gebe der Bund 9,3 Milliarden Euro pro Jahr für Kulturförderung aus. Das mache in diesem Umfang kein anderes Land der Welt. Dennoch bedeuteten diese Milliarden nur 1,6 Prozent des Steueraufkommens in Deutschland.

90 Kompetenzzentren für Kultur- und Kreativwirtschaft gebe es in Deutschland. Die Auszeichnung "Kultur- und Kreativpiloten" werde an Unternehmen vergeben, inzwischen auch für zahlreiche Projekte mit Flüchtlingen. Und noch eine beeindruckende Zahl nannte Grütters: 42 Prozent ihres Etats flössen nach Berlin.

Kulturpolitik muss die Freiheit der Kreativen sichern

Grütters warnte aber davor, Kulturpolitik als verlängerten Arm der Wirtschaftspolitik zu verstehen. Kunst und Wissenschaft seien in Deutschland frei. Das stehe bereits in der Verfassung und sei eine Lehre aus der jüngeren deutschen Geschichte mit zwei Diktaturen. "Wir brauchen unbequeme Denker und experimentierfreudige Künstler." Sie seien gerade in einer Kulturnation das Korrektiv einer Gesellschaft und schützten diese vor neuen totalitären Anwandlungen. Dafür bräuchten sie die Freiheit, sich dem Diktat des Marktes, des Zeitgeistes und des Massengeschmacks, "also den klassischen Kriterien des wirtschaftlichen Erfolgs", auch verweigern zu können. "Der nobelste Auftrag der Kulturpolitik ist es, diese Freiheit zu sichern", sagte Grütters. Dieser Schutz nähre die kulturelle Vielfalt, aber auch den technologischen Fortschritt und den Wohlstand.

Ihr sei wichtig, dass ein Bewusstsein dafür entsteht, den Wert geistiger Leistungen abseits ihrer ökonomischen oder politischen Verwertbarkeit zu beurteilen. Kulturgüter müssten anders behandelt werden "als Gartenmöbel oder Staubsaugerbeutel".

Staatsministerin macht sich für Urheberrecht stark

Um geistige und kreative Spitzenleistungen erzielen zu können, müsse man von diesen Leistungen auch leben können. Daher machte sich die Staatsministerin für ein wirkungsvolles Urheberrecht auch im digitalen Raum stark und verteidigte die Buchpreisbindung, die nun ebenso für E-Books gelte. Die Geschichte des Urheberrechts sei vor allem auch eine Geschichte der Emanzipation der Künstler und Denker von Staat und Kirche.

Sei sei seit über 20 Jahren leidenschaftliche Kulturpolitikerin, bekannte Grütters und hoffte an diesem Morgen, Unternehmer jenseits ökonomischer Kategorien für den Wert der Kreativität begeistern zu können. Zum Schluss zitierte sie eine weitere Kulturgröße, den Künstler Joseph Beuys. "Arbeite nur, wenn Du das Gefühl hast, es löst eine Revolution aus." Augenzwinkernd sagte die CDU-Politikerin, es müsse ja nicht immer gleich die Weltrevolution sein. Wichtig seien auch die "kleinen Revolutionen im Alltag", das andere Denken, das ja häufig der Antrieb für Unternehmer in der Kultur- und Kreativwirtschaft sei. Kultur gehe stets der gesellschaftlichen Veränderung, auch der wirtschaftlichen, voraus.

Ende einer Ära bei der IHK

Mit dem Vortrag von Monika Grütters endete auch eine Ära für den geschätzten Austausch zwischen Politik und Wirtschaft. Zum letzten Mal begrüßte Eric Schweitzer als IHK-Präsident die rund 200 Gäste des wirtschaftspolitischen Frühstücks, so wie er es in den vergangenen elf Jahren mehr als 100 Mal getan hat. Wenn am 22. März Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) zu Gast ist, wird voraussichtlich Schweitzers Nachfolgerin Beatrice Kramm bereits in Amt und Würden sein.

Bleiben Sie informiert:
Die Berliner Morgenpost in sozialen Netzwerken.
Folgen Sie uns auf Twitter