Online-Petition

"Keine Mutter sollte sich beim Stillen verkriechen müssen"

Das Stillen in der Öffentlichkeit führt immer wieder zu Debatten

Foto: picture alliance / empics

Das Stillen in der Öffentlichkeit führt immer wieder zu Debatten

Eine Mutter musste ein Café in Prenzlauer Berg verlassen, weil sie ihr Kind gestillt hat. Sie fordert per Petition ein neues Gesetz.

Prenzlauer Berg ist als Bezirk der kämpferischen Mütter bundesweit bekannt. Johanna Spanke hat jetzt eine Petition gestartet, mit der Familienministerin Manuela Schwesig zu einem Gesetz zum Schutz des Stillens in der Öffentlichkeit bewegt werden soll.

"Mütter sollten in Deutschland das Recht haben, ihre Kinder an öffentlichen Orten wie Cafés und Restaurants zu stillen, ohne des Ladens verwiesen zu werden", schreibt sie auf der Petitionsplattform weAct im Internet. Auslöser: Als sie am ihren drei Monate alten Sohn in einem Café stillen wollte, machten ihr die Betreiber klar, dass sie dort unerwünscht ist.

Das von rauem Holz und natürlichen Produkten geprägte lichtdurchflutete Kaffeegeschäft "The Barn Roastery" an der Schönhauser Allee versteht sich als Anbieter von hochwertiger Ware und Ort der Entspannung. Dieser wäre am vergangenen Sonnabend durch Johanna Spanke beinahe aus dem Gleichgewicht geraten.

"Die Kellnerin sagte, im Lokal dürfe nicht gestillt werden", so die 30-jährige Wissenschaftliche Mitarbeiterin aus Prenzlauer Berg. "Der Chef meinte, er habe keine Lust, das zu diskutieren und bot an, uns das Geld für die Getränke zurückzugeben." Mit Kind und Lebensgefährte zog Spanke ab.

Von Seiten der Betreiber des Kaffeegeschäfts hieß es, es gebe dort kein Stillverbot. Allerdings untersage man offenes Stillen. Wenn, dann bitte man um Diskretion. Es könne im hinteren Bereich gefüttert werden. Kunden hätten sich über das Stillen beschwert. "The Barn Roastery" hatte bereits 2012 von sich Reden machen, als dort ein Poller aufgestellt wurde, um Kinderwagen auszusperren.

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Beim Hotel- und Gaststättenverband Berlin unterstreicht man das Hausrecht der Lokalbetreiber. "Es liegt in ihrem Ermessen, wer Gast sein soll", sagt Sprecherin Kerstin Jäger. Wenn sich andere durch einen Besucher gestört fühlten, sei dies ein legitimer Grund für einen Inhaber, von seinem Recht Gebrauch zu machen.

Dagegen springt die Antidiskriminierungsstelle des Bundes Müttern zur Seite. "Wenn Müttern verboten wird, ihr Baby an öffentlichen Orten zu stillen, dann ist das ganz klar eine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts", erklärte die Leiterin, Christine Lüders, am Donnerstag. Ein Gesetz zum besseren Schutz des Stillens brauche es nicht. Auch wenn sich ein Wirt auf sein Hausrecht berufe, dürfe er Frauen nicht wegen Schwangerschaft und Mutterschaft diskriminieren.

Eine programmatische Entscheidung gegen Kinder hatte im Spätsommer für Empörung gesorgt. Das Vier-Sterne-Hotel "Esplanade" in Bad Saarow gab bekannt, zukünftig keine Gäste unter 16 Jahren aufnehmen zu wollen. Direktor Tom Cudok erklärte, man sei "keinesfalls kinderfeindlich", wolle sich aber mit dem Schritt "als Erwachsenenhotel etablieren".

In England schützt ein Gesetz das Recht von Mutter und Kind

Aus Hamburg wurde im Juni 2015 der Fall einer stillenden Mutter bekannt, die im öffentlichen Nahverkehr vom Fahrer aufgefordert worden war, den Bus zu verlassen. Im September wurde eine stillende Mutter im Bordrestaurants eines ICE von einer Mitarbeiterin zur Rede gestellt.

In Berlin gehen viele Lokale mit stillenden Müttern gelassen um. Im "Barcomis" in Mitte etwa sagt Restaurantleiter Tobias Lopetzky: "Mütter können bei uns so stillen, wie sie mögen." Im "Café LebensArt" in Zehlendorf sagt eine Mitarbeiterin, dort seien häufig stillende Mütter zu Gast. "Beschwert hat sich noch keiner." Die schwangere Anna-Maria Michailidis, Mutter eines ein Jahr alten Jungen sagt: "Ich habe mein Kind neun Monate lang gestillt, manchmal auch öffentlich. Keine Mutter sollte sich verkriechen müssen - etwa auf der Toilette. Das ist sehr eklig. Ich spreche aus Erfahrung", so die 26-Jährige.

Der Deutsche Hebammenverband kritisiert das Fehlen eines Gesetzes, das öffentliches Stillen gestattet. Aleyd von Gartzen, Beauftragte für Stillen und Ernährung: "Die Lage ist verrückt: In Werbung und Medien sind nackte Brüste erlaubt. Aber wenn ein Kind gestillt wird, ist das 'Igitt'."

Ministerium unterstützt die Mutter

Vorbildhaft sei Großbritannien. Dort besagt der Equality Act 2010, dass ein Unternehmen eine Mutter, die ihrem Kind die Brust gibt, nicht diskriminieren darf. Eine frühere Petition für ein Gesetz von 2013 liegt zur Diskussion beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft.

Johanna Spanke sorgt nun, dass die Idee der "Barn Roastery" in Berlin Schule machen könnte. "Muss ich zukünftig in Lokalen anrufen, um die erfahren, ob ich da stillen darf", fragt sie. Derartige Regelungen führten dazu, das "wir Mütter vom normalen Leben ausgeschlossen werden."

Auf ihre Petition reagierte am Mittwoch das Bundesfamilienministerium. "Stillen ist gut und wichtig für Mutter und Kind", so eine Sprecherin. "Das belegen zahlreiche Studien. Wir wollen eine kinder- und familienfreundliche Gesellschaft. Dazu gehört auch, dass es Müttern möglich sein muss in der Öffentlichkeit ihre Kinder zu stillen."

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