T.Rex Tristan

Berliner Naturkundemuseum: Im Sog der Saurier

Die Dinosaurier haben dem Berliner Naturkundemuseum einen Besucherrekord gebracht. Und die Erfolgsgeschichte geht weiter.

Die Rekonstruktion des Spinosaurus’ ist eine Leihgabe und wird um eigene Stücke des Museums ergänzt, um so die Lebenswelt der Urzeit-Echse zu beschreiben

Die Rekonstruktion des Spinosaurus’ ist eine Leihgabe und wird um eigene Stücke des Museums ergänzt, um so die Lebenswelt der Urzeit-Echse zu beschreiben

Foto: Reto Klar

Ein Meteorit war schuld: Vor 65 Millionen Jahren verschwanden die damaligen Herrscher der Erde, die Dinosaurier. Doch sie erleben eine Wiedergeburt. Die Urechsen genießen heute große Popularität. Davon profitiert auch das Berliner Naturkundemuseum. Dort steht als Attraktion bereits seit 1937 das gut 13 Meter hohe Skelett eines Brachiosaurus. Seit Mitte Dezember finden Besucher aber auch den Tyrannosaurus rex namens "Tristan" – den einzigen T. rex in Europa. Und am vergangenen Dienstag kam die Rekonstruktion eines vor 100 Millionen Jahre lebenden Spinosaurus dazu, eines der größten Raubsaurier.

Vor allem mit dem Auftritt von "Tristan" in Halle 4 sind die Besucherzahlen des Museums steil angestiegen. Das schwarze Skelett ist zum Besuchermagneten geworden. An vielen Tagen, besonders zu Ferienzeiten, bilden sich lange Schlangen vor der Kasse. Diese wurde, um den Ansturm bewältigen zu können, vor das Gebäude verlegt.

2015 kamen 550.000 Gäste ins Naturkundemuseum

"Die erste Februarwoche war der absolute Renner", sagte Professor Johannes Vogel (52), Generaldirektor des Museums, der Berliner Morgenpost. Doch schon davor erreichte das Haus an der Invalidenstraße eine Rekord-Besucherzahl: Im Jahr 2015 waren es rund 550.000, je zu einem Drittel Berliner und Brandenburger, Besucher aus anderen Bundesländern und ausländische Gäste. Im Januar 2015 waren etwa 40.000 Gäste, im Januar 2016 weit über 80.000.

Damit schreibt das Naturkundemuseum seine Erfolgsgeschichte fort, seit es nach der Wende aus seinem Dornröschenschlaf erwachte. "Dornröschenschlaf" kann man wörtlich nehmen, denn die Gebäude aus den Jahren 1889 bis 1917 waren zum großen Teil verfallen. Für die reichen Schätze der Sammlung, die den Krieg überlebt hatten und im Magazin lagerten – es sind mehr als 30 Millionen Stücke –, gab es kaum Ausstellungsflächen. Nach der Wiedervereinigung ging es bergauf, das Haus wurde in Teilen saniert, die Dauerausstellung völlig neu konzipiert und mit digitalen Medien ausgestattet.

Im Juli 2007 wurde es mit der Ausstellung "Evolution in Aktion" wiedereröffnet. Innerhalb eines Jahres besuchten das Museum mehr als 730.000 Menschen, in den Jahren danach pendelte die Besucherzahl um die 450.000-Marke und damit war das Haus bereits das besucherstärkste Naturkundemuseum Deutschlands. 2015 dann 550.000, 2016 dürften es vor allem aber Dank "Tristan" und "Spino" noch einmal deutlich mehr sein.

Das Museum ist auch ein Forschungsinstitut

Seit 2009 gehört das Museum nicht mehr zur Humboldt-Universität (HU), sondern zur Bund-Länder-finanzierten Leibniz-Gemeinschaft und firmiert seither auch als Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung. Es betont so seine Funktion als Museum, das auch forscht – was erst langsam in das Bewusstsein der Besucher dringt. Über die Leibniz-Forschungsgemeinschaft hat das Haus eine solidere Finanzbasis für Ausstellungen und Events, als es die HU leisten konnte.

Den Boom der letzten Wochen ist dem Geschick des derzeitigen Generaldirektors zu verdanken. "Tristan" und "Spino" haben ihm und seinem Team viel abverlangt. Im Dezember 2014 war Vogel mitgeteilt worden, ein Mäzen suche für ein Exponat "von großer Bedeutung" einen Ausstellungsort. "Mitte Januar 2015 haben wir uns per Handschlag geeinigt. Da wussten wir, dass 'Tristan' kommt", so Johannes Vogel.

"Tristan" und "Spino" haben dem Team alles abverlangt

Bei dem Mäzen handelt es sich um den aus Dänemark stammenden britischen Investmentbanker Niels Nielsen, der das Saurierskelett gekauft hatte. Nielsen hatte Bedingungen für seine drei Jahre währende Überlassung (mit Verlängerungsoption): Das Skelett müsse auch erforscht werden – und der Ausstellungsbeginn solle der 16. Dezember sein, der Geburtstag des namengebenden Nielsen-Sohnes Tristan.

Für ein Exponat wie "Tristan" ist eine Spanne von Januar bis Dezember extrem kurz: Ein Raum und eigene Exponate zur Beschreibung des Saurier-Lebensumfeldes mussten vorbereitet werden, "Tristan" selbst bekam für seine Standfestigkeit ein "Innenskelett". Dazu Marketing, Veranstaltungsplanung, Pressearbeit etc. Einige Wochen vor der Ausstellungseröffnung kulminierte der Stress: "Tristans" Ankunft – für den 30. September geplant – verzögerte sich bis zum 14. November. Gerade mal einen Monat vor Ausstellungseröffnung. "Tristan hat uns aufgefressen. Das hätte kein anderes Museum hinbekommen", sagt Vogel. Erschwerend hinzu kam: Auch die Präsentation des Spinosaurus musste parallel vorbereitet werden.

Fast nichts ist outgesourct

Vogel wird nicht müde, die Gesamtleistung seines Teams zu betonen: "Das kriegt man nur hin, wenn man ein integriertes Team ist und sich mag." Fast alle Arbeiten von werden von Museumsmitarbeitern erledigt, nur ganz wenig ist outgesourct. Das mache die Planung und Ausführung von Projekten so flexibel. Zum Team gehört auch Uwe Moldrzyk, der Leiter des Bereichs Ausstellungsentwicklung. "Moldrzyk ist genial", sagt Vogel enthusiastisch. Der Präsentationsexperte gilt als chaotisch, aber als sehr kreativ. Schon die Konzeption der Dauerausstellung ab 2007 geht auf seine Ideen zurück.

Die große Besucherresonanz und der gute Ruf in der forschenden Fachwelt, der zur Überlassung von "Tristan" beitrug, beruht auch auf der Vorarbeit der früheren Direktoren. So fielen etwa in die Amtszeit von Vogels Vorgänger Reinhold Leinfelder (2006–2010) die Wiedereröffnung der Dauerausstellung nach der Gebäudesanierung und wichtige Dauerausstellungen wie etwa "Reise zur Erkenntnis" zum Darwin-Jahr 2009.

Der Erfolg schafft einen hohen Erwartungsdruck

Die Ausstellungen sind so konzipiert, dass sie möglichst alle Besuchergruppen ansprechen – nicht nur die Kinder, die leicht auf Tiere (zumal Saurier) und Pflanzen anspringen. "Früher hatten wir den 'Kinder-Touch'. Das hat sich völlig gewandelt", sagt Vogel. Auch sei die neue Veranstaltungsreihe für Erwachsene "Wissenschaft im Sauriersaal" ein großer Erfolg. Von neun weiteren Veranstaltungen in diesem Jahr gebe es nur noch für drei Karten.

Doch das Museum muss dem Publikum immer wieder neues "Futter" bieten. Sich auf Bestehendes zu verlassen, wäre ein Rückschritt. Zumal "Tristan" vielleicht nur drei Jahre bleibt und "Spino" bereits Mitte Juni 2016 weiterzieht. Ein ehemaliger Mitarbeiter des Museums ist skeptisch. Der aktuelle Saurier-Hype bestehe durch zwei Glücksfälle, die an das Haus herangetragen worden seien. Spätestens nach dem Ende der Leihfrist werde dieser Hype verpufft sein. Konzepte für neue zündende Sonderausstellungen und eine Vision für das Haus sehe er nicht. Auch die Dauerausstellung bedürfe bald einer museumspädagogischen und medialen Überarbeitung.

Der Forscher, der nicht genannt werden will, sieht auch eine Konkurrenzsituation. Um die Gunst der Besucher buhlen nämlich ab 2019 beziehungsweise 2018 auch Ausstellungen im neuen Humboldt-Forum und im wiedereröffneten Pergamonmuseum sowie in der sanierten Neuen Nationalgalerie.

Gibt es einen Kampf zwischen so unterschiedlichen musealen Angeboten? Manche meinen: Ja, das Zeitbudget gerade der Berlinbesucher ist begrenzt. Andere sagen, dass der Erfolg eines Museums auch das Interesse für andere wecke: Wer Berlin etwa wegen des ethnologischen Angebots das Humboldt-Forum besuche, mache sich zum Teil auch auf den Weg zum Naturkundemuseum – und umgekehrt.

Das Haus wird jetzt auch international vermarktet

Der Generaldirektor hofft zudem auf eine neue Dynamik. Im offiziellen, global verbreiteten Berlin-Werbetrailer von 2016 wird das Naturkundemuseum als eines der Highlights der Stadt genannt. Vogel geht davon aus, dass die Reiseveranstalter das Haus nun häufiger in ihre Programme aufnehmen werden.

Seine weiteren Pläne: Während das Museum heute erst zu 15 Prozent saniert ist, soll es 2026 voll durchsaniert sein und dann über mehr adäquaten Platz für Ausstellungen verfügen. "Das Museum hat heute eine Ausstellungsfläche von etwa 5000 Quadratmeter. Langfristig und groß gedacht hat es – inklusive Außenflächen – das Potenzial für das Fünffache", sagt Vogel.

Offen für neue Formen der Ausstellungsfinanzierung

Um Gelder für Ausstellungen zu bekommen, ist der Museumschef "für alles offen: Firmen, Mäzene, Sponsoring, Fundraising". Ein erstes Projekt mit einem Firmenpartner war eine in Berlin konzipierte Ausstellung zu Parasiten, die vom Pharma-Unternehmen Bayer unterstützt wurde. Im Sommer war sie in Berlin zu sehen, nun tourt sie "sehr erfolgreich durch die Welt". Er wolle mehr Wanderausstellungen und habe konkrete Pläne, mit anderen Museen zusammenzuarbeiten, sagt Museumschef Johannes Vogel.

Furcht, dass das Museum an Zugkraft verlieren könnte, hat er nicht. Zu neuen Sonderausstellungen schweigt Vogel zwar noch, es seien aber weitere attraktive Exponate zu sehen. Nur so viel: "Es wird noch mehr Dinosaurier geben." Die Urzeitechsen treten nach ihrer Wiedergeburt in eine neue Lebensphase ein. Auch in Berlin.

Öffnungszeiten: Di.–Fr. 9.30 bis 18 Uhr, Sa., So., Feiertag 10 bis 18 Uhr.

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