Flüchtlinge in Berlin

Tempelhofer Feld: Lieber Wohnungen statt Massenquartiere

Die Änderung des Tempelhof-Gesetzes soll Massenunterkünfte für 15.000 Menschen schaffen. Bürger wollen lieber Wohnungen für alle.

Unzumutbar: Hunderte Menschen hausen in Messe-Kabinen im Hangar in Tempelhof

Unzumutbar: Hunderte Menschen hausen in Messe-Kabinen im Hangar in Tempelhof

Foto: Reto Klar

Ein Bündnis von Flüchtlingshelfern, Architekten und der Initiative zum Erhalt des Tempelhofer Feldes drängt den Senat zu einem anderen Kurs bei der Unterbringung von Asylbewerbern. "Wir fordern Wohnungen statt Lager", sagte Georg Classen vom Flüchtlingsrat am Montag.

Auslöser der Offensive sind die Pläne des Senats, neben den Hangars auf dem ehemaligen Flugfeld in Tempelhof weitere Notunterkünfte in großen Hallen einzurichten und deshalb das per Volksentscheid beschlossene Gesetz gegen eine Bebauung des Tempelhofer Feldes zu ändern.

"Der Regierende Bürgermeister will seine Lagerpolitik auf dem Tempelhofer Feld auf die Spitze treiben", sagte Kerstin Meyer vom Verein "100 Prozent Tempelhof", der die erfolgreiche Volksabstimmung gegen die Wohnungsbaupläne des Senats 2014 organisiert hatte.

Die Initiatoren lehnen Gespräche über eine Nutzung von Teilen des Feldes für Flüchtlingsunterkünfte ab, obwohl der Senat sich entgegen erster Pläne inzwischen auf Flächen neben dem Vorfeld beschränken will. Dabei geht es ihnen zwar auch um das Feld, vor allem aber wenden sie sich gegen eine "Ghettoisierung" von bis zu 15.000 Menschen in "unwürdigen Massenunterkünften".

Ob das Abgeordnetenhaus den Senatsplänen zustimmt, ist noch nicht sicher. Diskussionen darüber, was genau auf dem Feld geplant werde, hätten noch nicht stattgefunden, seien aber im Januar terminiert, sagte CDU-Fraktionsvize Stefan Evers der Morgenpost.

Menschen frieren in den Außentoiletten vor den Hangars

Irmgard Wurdack vom Bündnis Neukölln, die Flüchtlingen in den Hangars Deutsch beibringt, berichtete von unhaltbaren Zuständen. Gerade jetzt angesichts des Frostes seien die Außentoiletten in zwei Sanitärcontainern und die 170 Dixi-Klos unzumutbar. Es gebe keine Privatsphäre, das Licht sei entweder für alle 800 Menschen pro Halle an oder für alle aus. Waschmaschinen und Duschen gebe es keine. Pro Person stünden den Bewohnern 1,5 bis zwei Quadratmeter zu Verfügung, deutlich weniger als Berliner Standards vorschreiben. "Das ist unter Dritt-Welt-Niveau", sagte Wurdack.

Statt weiterer Massenunterkünfte fordern die Bürger kleinere Heime und Wohnungen. Sofort solle die "Lagerpflicht" aufgehoben werden und Flüchtlinge sich auch privat eine Bleibe suchen dürfen, etwa bei Verwandten oder Freunden. Die Vermittlung von Wohnungen müsse besser unterstützt, für die Akquise privater Angebote mit einer Kampagne geworben werden. Die 10.000 illegalen Ferienwohnungen sollten sofort an Flüchtlinge und andere Wohnungslose vergeben werden. Massenunterkünfte seien zudem deutlich teurer als reguläre Wohnungen.

Georg Classen vom Flüchtlingsrat berichtete, dass das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) vielfach Wohnungen ablehne, die Flüchtlinge selber gefunden hätten oder die das vom Senat beauftragte Evangelische Jugend- und Fürsorgewerk (EJF) akquiriert hätte. "Die prüfen sechs Wochen und sagen dann, 48 Quadratmeter seien zu klein für drei Personen", sagte Classen. EJF-Vorstand Andreas Eckhoff bestätigte, dass das Lageso in Einzelfällen länger brauche, um die vorgeprüften Anträge zu bescheiden als die zugesagten neun Tage.

Auch für die Standards von angebotenen Wohnungen wünscht sich Eckhoff mehr Flexibilität. Es komme tatsächlich vor, dass eine Souterrainwohnung zehn Zentimeter zu niedrig sei oder dass eine Drei-Zimmer-Wohnung nicht an eine Familie von fünf oder sechs Personen vergeben werde, obwohl die Flüchtlinge damit sehr zufrieden wären. Andererseits müsse man aufpassen, dass nicht Privatleute Schuppen oder Verschläge für viel Geld an Flüchtlinge vermieten.

Insgesamt hat die EJF-Stelle 2015 937 Wohnungen an 2156 Flüchtlinge vermittelt, häufig an Familien. In fast der Hälfte der Fälle hätten die Flüchtlinge selber die Wohnungen gefunden. Ein großer Teil wird zudem von den städtischen Wohnungsgesellschaften bereitgestellt. Eckhoff strebt an, die Dienste der Vermittlungsstelle auch anerkannten Flüchtlingen anbieten zu dürfen, was bisher noch nicht erlaubt ist. Mit dem Bezirk Mitte hat er eine Ausweitung bereits vereinbart.

Wohnraum für alle Bedürftigen, nicht nur für Flüchtlinge

Die Bürger wissen aber auch, dass Berlin insgesamt mehr Wohnraum bereitstellen muss, auch über Neubau. Gewerbegebäude sollten mit "intelligenten Grundrissen" in abschließbare Wohneinheiten aufgeteilt werden, sagte Theresa Keilhacker vom Bündnis "Architekten für Architekten", die auf mehr Kreativität bei der Schaffung von günstigem Wohnraum drängte. Hierfür könnten die Flüchtlinge sogar eine Chance bieten", sagte die Architektin. Denn all ihre Vorschläge sollten ebenso deutschen Wohnungslosen oder -suchenden zugutekommen. CDU-Fraktionsvize Stefan Evers sagte, die Berliner Politik müsse schnell entscheiden, wo und wie mehr Wohnraum entstehen solle.

Um das Lageso zu entlasten, dehnt Berlin künftig die bundesrechtlichen Vorschriften. Das Amt soll Taschengeld künftig für bis zu drei Monate am Stück auszahlen, sagte Sozialsenator Mario Czaja (CDU) am Montag im Sozialausschuss. Eigentlich dürfte das Geld nur für einen Monat ausgezahlt werden – was aber bedeutet, dass Flüchtlinge alle vier Wochen erneut an der Turmstraße vor dem Lageso für ihre Leistungen anstehen müssten.

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