Graphic Novel

Einmal vom Berliner Späti in die Tagesschau und zurück

In Hamed Eshrats Comic treibt die Hauptfigur in Berlin orientierungslos durchs Leben - bis er sogar Barack Obama ans Telefon lockt.

"Ali's Späti" ist so etwas wie der Ankerpunkt Ben Ramas in Berlin. Hier trifft er seine Freunde, mit Ali und zufälligen Ladenbesuchern redet er über Alltägliches genauso wie über den Sinn des Lebens. Wenn Ben nicht in einem Großraumbüro seinem Broterwerb nachgeht, stromert er durch Kreuzberg, beobachtet, wie ein Ort nach dem anderen durch Neubauprojekte sein Gesicht verändert, tanzt im Berghain, trauert Julia nach, die ihn gerade verlassen hat.

Dunkle Locken, offener Blick, mit dem Zeichenstift immer auf der Suche nach der versteckten zweiten Ebene hinter den Dingen: Ben Rama, Protagonist des im Berliner Verlag Avant neu erschienenen Comics "Venustransit", ist das Alter Ego von Autor Hamed Eshrat. "Zu 50 Prozent", sagt Eshrat, lacht und bewegt abwägend den hochgereckten Daumen hin und her. Obwohl die Schnittmengen zwischen Bens und seinem Leben zuallererst "einen handwerklichen Hintergrund" hatten: "Ich wollte authentisch sein", so der Künstler. "Aber wo es nötig war, habe ich frei dazu gedichtet".

Selbst eingefleischter Kreuzberger geworden

Schwer bepackt sitzt der 1979 in Iran geborene Hamed Eshrat, der im Alter von sechs Jahren mit seiner Familie vor Khomeinis Revolution nach Westfalen geflüchtet war, in einem Café an der Kantstraße. Zu seinen Füßen lehnen Rahmen mit großformatigen Zeichnungen. Eshrat ist viel beschäftigt in diesen Tagen, gerade erst ist er aus Israel zurückgekehrt, wo er, vermittelt durch das Goethe-Institut, das Comic-Projekt "Respekt" gegen Rassismus und Ausgrenzung mit gestaltet.

Zuerst, sagt er, sei die Geschichte eines jungen Kreuzbergers, der sich in der Großstadt verliert, am Ende wiederfindet und sogar für einen Wimpernschlag die ganz große Politik durcheinanderbringt, rein fragmentarisch gewesen. Um die Bilder mit einer Handlung zu unterlegen, "habe ich bei meinem eigenen Stoff angefangen und mich inspirieren lassen". Herausgekommen ist ein Bildergeschichte, deren Stärke darin liegt, dass sie ohne Aufgeregtheit und dramatischen Plot, dafür szenisch glaubhaft und mit einem Schuss Selbstironie den Alltag in Berlins angesagten Kiezen skizziert.

"Du musst dein Leben änern"

2001 war Eshrat als Student der Kunsthochschule Weißensee in die Hauptstadt gekommen. Anfangs, erinnert er sich, sei ihm das Verhaftetsein der Berliner im eigenen Kiez befremdlich vorgekommen. "Ich dachte, wieso gehen die nie raus, es gibt doch so viel zu sehen." Irgendwann aber habe er festgestellt, dass er selbst zum eingefleischten Kreuzberger geworden war. Auch er hatte lange "seinen" Spätkauf, in dem er sich nach dem Fußball beim Neuköllner FC Rot-Weiß mit den Kumpeln erfrischte und dem Alis Laden im Comic nachempfunden ist. Bis heute mag er diese Treffpunkte mit Menschen, die "keine erfolgreichen, fancy Typen sind, einfach ganz normale Leute".

In direkter Nachbarschaft der Adalbertstraße, wo Eshrat bis zu seinem Umzug in ein alternatives Wohnprojekt in Strausberg vor Kurzem lebte, gab es jenen Mann mit dem weißen Bart, den alle "Komet" nannten, der auf Rave-Partys auftauchte und im Sommer riesige Seifenblasen in die Luft pustete. "Ein Hippie, einer, der Liebe verschenkt", sagt Eshrat und grinst. Im Comic kreuzt die davon abgeleitete Figur ähnlich kurz wie die Venus beim Transit vor der Sonne Ben Ramas Weg und schenkt ihm ein Amulett mit dem Spruch: "Du musst dein Leben ändern". Eine dreimonatige Reise durch Ostasien, wie sie der orientierungslose Ben daraufhin unternimmt, hat auch Hamed Eshrat hinter sich. Seine etwas psychedelisch anmutenden originalen Reiseskizzen bilden den Mittelteil des Comics, nur der Name des Autors in den Reisedokumenten wurde retuschiert.

Festung Europa aufs Korn genommen

Politisch ist "Venustransit" nicht, obwohl kaum eines der Themen ausgespart wird, die die Berliner im zu Ende gehenden Jahr beschäftigt haben. Mietenstreit ebenso wie Gentrifizierung, Touristenboom, alternative Ernährungstrends und der Hype der digitalen Medienbranche. Nur die Flüchtlingsproblematik schlug sich in dem im Sommer 2015 fertiggestellten Manuskript nicht nieder ­– obwohl oder auch weil Eshrat die Fluchterfahrung seiner Familie bereits 2007 für sein Universitätsdiplom verarbeitet hat. Die grafische Novelle mit dem deutschen Titel "Kaiserschnitt" erschien 2009 in Frankreich ("Tipping Point – Téhéran 1979" ).

In seinem aktuellen Comic lässt Eshrat seine Protagonisten leicht bitter über ein Europa ohne Grenzen lachen. "Das ist nur eine ganz kleine Anspielung", gibt er zu, "auf ein Europa, dass sich dafür nach außen umso mehr abschottet." Bisher fehlt dem freischaffenden Grafiker und Autoren, der Comic-Workshops an Schulen gibt und im Archiv der Jugendkulturen beim Antidiskriminierungs-Projekt "Culture on the Road" als Referent engagiert, eine Inspiration für die heikle Materie. "Ein Thema muss mich packen", sagt er, "das ist auch bei den Flüchtlingen so."

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