Umstrittene Firma

Taxi-Dienst Uber ist zurück in Berlin

Nach allen Verboten hat Uber jetzt eine neue Idee: Die Firma macht die alten Feinde zu Partnern - und hat neue Gegner im Visier.

Christian Freese / UBER

Foto: Reto Klar

Christian Freese / UBER

Berlin.  Christian Freese leitet seit Kurzem eines der umstrittensten Unternehmen Deutschlands: den Fahrdienst Uber – von Taxifahrern rund um den Globus bekämpft. In Berlin residiert Uber in den hippen Büros der "Factory" im Bezirk Mitte. Mit Blick über Berlin, die Stadt der 8000 Taxis, formuliert Freese eine überraschende Botschaft an die deutsche Konkurrenz – und macht ein verlockendes Angebot.


Berliner Morgenpost: Herr Freese, Uber hat massive Konflikte mit der Taxibranche und den Gerichten. Wo stehen Sie heute?

Christian Freese: Unsere Idee, dass Privatpersonen andere Privatpersonen fahren, hat sehr viel Kritik auf den Plan gerufen, und auch die Gerichte, sodass wir gezwungen wurden, den Fahrdienst uberPOP einzustellen. Jetzt arbeiten wir nur noch mit professionellen Fahrern zusammen. Limousinen-Unternehmer mit Personenbeförderungsschein und Versicherung. An diese selbstständigen Mietwagenunternehmer vermitteln wir Aufträge. Die haben früher nur Vorstände oder Geschäftsleute gefahren und können über unsere Plattform jetzt viele zusätzliche Fahrgäste finden. Dort trifft Angebot auf Nachfrage.

Sie wollen günstiger sein und trotzdem Gewinne generieren – wie funktioniert das?

Vergleichbare Transportmittel können ungefähr eine Fahrt pro Stunde leisten. Ein Fahrer steht zum Beispiel sehr lange am Flughafen, macht eine Fahrt, für diese muss er dann den Mindestlohn, Leerstandskosten und alles Weitere hereinholen. Durch unsere effizientere Vermittlung können wir bis zu 2,5 Fahrten pro Stunde erreichen – der Partner verdient mehr, der Fahrgast zahlt weniger, und an Uber geht eine Kommission von 20 Prozent. Die höhere Auslastung unserer Partner macht das möglich.

Sind deutsche Taxis noch Konkurrenten?

Taxi und Mietwagen sind komplementäre Teile des öffentlichen Nahverkehrs. Wir vermitteln seit fast einem Jahr auch Taxis. Viele Taxiunternehmen haben sich uns angeschlossen. Sie profitieren von zusätzlichen Aufträgen. Und die Kunden können über immer dieselbe App die Fahrzeuge ordern, egal ob in Berlin, Nairobi oder New York. Deshalb bringen wir dem Taxigewerbe internationale Kundschaft. Der Fahrpreis wird über das Taxamter erfasst – abgerechnet wird dann bargeldlos über die App.

Ihre einstigen Feinde als neue Partner?

Uns geht es immer um mehr Auswahl und Alternativen für den Fahrgast. Daher ist uns eine Partnerschaft mit den Taxiunternehmen wichtig. Es gibt 8000 Taxis in Berlin, und mehr als Tausend kooperieren inzwischen mit uns. Wir sind in einem sehr guten Dialog, auch mit den großen Taxiunternehmen. Wir werben auf den Taxis unserer Partner für Uber. Und jeder Fahrer wird gleich behandelt. Es gibt ein gegenseitiges Bewertungssystem für Fahrer und für Kunden. Das führt zu gegenseitigem Respekt. Wir zahlen wöchentlich und pünktlich. Das überzeugt viele Unternehmer. Bei anderen Vermittlern müssen sie monatlich eine komplizierte Abrechnung machen. Wir bieten mehr Kundschaft, schnellere Bezahlung. Und wir suchen weiterhin mehr Partner. Im Prinzip wollen wir alle Taxiunternehmer in Deutschland für unsere Plattform gewinnen. Sie sind eingeladen, sich bei uns zu melden.

Uber-Gründer Kalanick sagte einmal, er bekämpfe ein "Arschloch namens Taxi" …

Da waren wir als Organisation vielleicht auch noch nicht reif genug. Alles war neu. Da dürfen auch Fehler gemacht werden. Es ging zunächst um Disruption: Man muss auch mal mit alten Dingen brechen, um etwas Neues zu machen. Das gilt für fast alle Bereiche im Leben. Man muss mit etwas Althergebrachtem in Konflikt gehen, um Neues zu erreichen. Das hat unser Dienst uberPOP gemacht. Da gab es ein Erwachen: Schaut her, das kann auch ganz anders laufen! Wir stehen mit allen individuellen Mobilitätslösungen natürlich in Konkurrenz, aber ergänzen diese auch. Aber in Deutschland haben wir auch dazugelernt und nehmen jetzt einen Strategiewechsel vor. Hier fahren wir auf jeden Fall mit dem kooperativen Ansatz besser. Die Taxiunternehmer, die mit uns zusammenarbeiten, haben wir gerade zum Grillen eingeladen. Und den Fahrern haben wir eine Reinigung in der Waschanlage spendiert.

In Brüssel streiten Sie aber noch erbittert mit dem Taxigewerbe …

Dort gibt es noch uberPOP, die private Fahrdienstvermittlung. Wir denken auch in Brüssel über Alternativen nach.

Ein Strategiewechsel, weil Sie in Europa oft an rechtliche Grenzen stoßen?

Wenn eine Behörde auf Uber schaut, passen wir in keine formelle Schublade: Wir sind kein Taxi- oder Mietwagenunternehmen, denn wir haben keine Fahrer und keine Autos. Aber wir werden in diese Box gesteckt. Wir sind Vermittler – aber dafür gibt es noch keine Regelungen. In den einschlägigen Verordnungen heißt es zum Beispiel, Fahraufträge müssten "fernmündlich" vergeben werden. Bei uns macht das unsere App – so etwas kennt das Gesetz aber noch nicht. Deshalb sind wir auch mit Politik und Verwaltung in Gesprächen.

Wie lautet Ihre Wunschliste an die Politik?

Da gibt es drei Punkte. Erstens: Wir sind dafür, dass die Rückkehrpflicht der Mietwagenfahrer abgeschafft wird. Das schafft völlig unnötige Leerfahrten und ist ökologisch und ökonomisch schädlich. Zweitens: Die Ortskenntnisprüfung halten wir nicht mehr für zeitgemäß. In Zeiten von Satellitennavigation ist eine Ortskenntnisprüfung weder notwendig noch sinnvoll. Drittens: Die Fachkundeprüfungen für Mietwagenunternehmer müssen viel einfacher werden. Das sind künstliche Barrieren, die von Innungen nur zu dem Zweck errichtet wurden, um Marktteilnehmer fernzuhalten. Sie können in Deutschland schneller einen Sprengstoffhandel als ein Mietwagenunternehmen eröffnen.

Wie laufen die Geschäfte von Uber aktuell?

Wir haben uberX in vier deutschen Städten. Berlin, Frankfurt, München, Düsseldorf. Das läuft sehr gut. Eine Rekordwoche jagt die nächste. Wir haben mehrere Millionen Fahrer auf der Plattform, in Deutschland eine sechsstellige Nutzerzahl, die uns mehrmals pro Woche nutzt. Am Beispiel San Francisco wird deutlich, dass wir ein zusätzliches Angebot schaffen. Der Taximarkt dort war vor fünf Jahren rund 120 Millionen Dollar groß – allerdings geben die Menschen in San Francisco mittlerweile zusätzliche 500 Millionen Dollar pro Jahr bei Uber aus. Das zeigt, dass unser Erfolg nicht aus dem bestehenden Kuchen kommt, sondern ihn vergrößert. Wir befriedigen ein Transportbedürfnis, für das es bislang kein Angebot gab.

Haben Sie mittlerweile den Datenschutz im Griff? Es gab ja den Fall, dass Uber das Paarungsverhalten der Fahrgäste anhand der Daten aus der App berechnen wollte …

Wir sind in der Anfangszeit in ein paar Fettnäpfchen hineingetreten. Das war jung, naiv, dumm gelaufen. Da kann man nur sagen: Entschuldigung. Solche Dinge wären heute nicht mehr möglich. Wenn ein Börsengang kommt, muss sowieso alles absolut korrekt laufen.

Welche neuen Geschäftsideen dürfen wir von Uber erwarten?

Zum Beispiel uberPool – eine Art Mitfahrservice, der innerhalb von Sekunden ein Auto in der Nähe anzeigt. Das Auto ist praktisch schon da, wenn Sie es suchen. Als nächstes großes Thema: Essensauslieferung. uberEATS, das gibt es zum Beispiel schon in New York und Barcelona. In der App erscheinen ausgewählte Gerichte von den besten Restaurants der Stadt. Das Essen ist innerhalb von Minuten bei Ihnen. Das Essen bewegt sich schon in ihre Richtung, bevor sie es bestellt haben. Man kann sich auf unserer Infrastruktur auch andere Dienste vorstellen: Paketauslieferung zum Beispiel. Unser Grundthema ist: auf Abruf. Keine Lagerung. Lieferung sofort. Wir wollen Produzenten und Kunden direkt verbinden. Aber zuerst brauchen wir eine solide Basis an Fahrern in den Städten – dann ist alles denkbar.

Der Feind ist künftig also nicht mehr das Taxi, sondern eher das eigene Auto, der Fahrzeugbesitz?

So ist es. Im Moment steht ein Auto in Deutschland pro Tag mehr als 23 Stunden herum. Uber kann mit seinen Lösungen helfen, die bestehenden Ressourcen besser zu nutzen. Sind wir weiter so erfolgreich, dann wird es immer weniger notwendig, ein eigenes Auto zu besitzen.

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