Berlin

Zu wenige U-Bahnen in Berlin: BVG holt Oldtimer zurück

Die U-Bahnen in Berlin platzen aus allen Nähten. Jetzt müssen Oldtimer ran. Sie fahren künftig auf der U55.

Eine U-Bahn der Baureihe D im Jahr 1996

Eine U-Bahn der Baureihe D im Jahr 1996

Foto: dpa Picture-Alliance / Peer Grimm / picture-alliance/ ZB

Berlin.  Sie fahren in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang – und bald auch wieder in Berlin. Die Rede ist von U-Bahnwagen der Oldtimer-Baureihe D, von Fans liebevoll auch "Doras" genannt. Weil ihnen akut Fahrzeuge für die U-Bahn fehlen, lassen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) jetzt drei Veteranen instand setzen und neu zulassen. Eine entsprechende Ankündigung hat das landeseigene Unternehmen gerade im Europäischen Amtsblatt veröffentlicht. Ab Frühjahr 2016 sollen die rund 50 Jahre alten Doppeltriebwagen wieder fahren – und zwar ausgerechnet auf Berlins jüngster und modernster Linie, der U55.

Die Züge, die in den vergangenen Jahren in Berlin zuletzt nur noch als Museumszüge zum Einsatz kamen, werden "ab dem zweiten Quartal" zwischen Hauptbahnhof und Brandenburger Tor pendeln, bestätigte BVG-Sprecherin Petra Reetz der Berliner Morgenpost. "Die Linie bietet sich an, weil nur wenige Kilometer täglich zu fahren sind", so Reetz. Zudem gebe es dort einen Inselbetrieb. Das heißt, die eingesetzten Züge können wegen der bislang fehlenden Anbindung an das übrige Berliner U-Bahnnetz von dort aus nicht direkt in die Werkstatt fahren. Stattdessen müssen die Wagen einzeln per Kran aus dem Schacht gehoben und auf Lkw verladen werden, damit sie Wartungen erhalten können. Die derzeit auf der U55 eingesetzten Züge der jüngeren F-Baureihe können nach einem Austausch auf weitaus stärker nachgefragten Linien fahren. Etwa 55.000 Fahrgäste nutzen täglich die U55 – eine geringe Zahl.

Die U55 bietet sich aber auch aus einem anderen Grund geradezu an. Wird doch die Verbindung, die auf einer nur knapp zwei Kilometer langen Strecke durch das Regierungsviertel führt, überwiegend von Touristen genutzt. Auch deshalb will die BVG die Wagen zwar fahrzeugtechnisch modernisieren, das Design soll innen wie außen aber weitgehend dem Originalzustand der 60er- und 70er-Jahre entsprechen. Details zur Gestaltung will die BVG-Sprecherin Reetz noch nicht verraten. Einiges ist aber schon durchgesickert: So werden die Sitze nicht das bei der BVG aktuell übliche schwarz-gemusterte Outfit erhalten, sondern die original dunkelgrünen Kunstlederbezüge. Über die Kosten will die BVG keine Angaben machen, es dürfte jedoch um eine Millioneninvestition gehen.

"Für uns zeigt das, wie ernst die Lage bei der Berliner U-Bahn ist", sagte Jens Wieseke vom Berliner Fahrgastverband Igeb. Normalerweise seien solch alte Züge bestenfalls zum "Tag des offenen Denkmals" zu sehen. Die Igeb beklagt, dass die Kapazitäten bei der U-Bahn vor allem in der Innenstadt längst nicht mehr ausreichen. Speziell im Berufsverkehr seien die Züge etwa auf den Linien U2, U6 und U8 dem Andrang kaum gewachsen. Vor allem aufgrund der Sparvorgaben des Senats hatte die BVG viele Jahre lang kaum neue Züge angeschafft. Die Folge: Der Fahrzeugbestand hat sich von 1650 Mitte der 90er auf aktuell noch 1238 Wagen erheblich verringert. Gleichzeitig stieg aber die Zahl der Fahrgäste stetig an – von 458 Millionen im Jahr 2005 auf inzwischen rund 520 Millionen, ein Plus von fast 15 Prozent.

Zusätzlich eingeschränkt wird die knappe Fahrzeugverfügbarkeit durch das hohe Durchschnittsalter der Züge. Dieses beträgt bei Zügen auf den Großprofillinien (U5 bis U9) inzwischen 26 Jahre, gar 29 Jahre bei den Zügen im Kleinprofilnetz (U1 bis U4). Als wirtschaftlich gesund gilt ein Durchschnittsalter von 20 Jahren.

Serienfertigung beginnt frühestens 2016

Besserung ist kaum in Sicht. Zwar hat die BVG zu Jahresbeginn zwei Prototypen für eine neue Baureihe vorgestellt, doch die Serienfertigung beginnt frühestens 2016. Die ersten der 24 von Stadler in Pankow gebauten Züge der Serie IK wird die BVG voraussichtlich erst Ende 2017 erhalten. Angesichts der Lage stellte der Senat im Frühjahr zusätzlich 58 Millionen Euro für neue U-Bahn-Wagen bereit. Dennoch gilt die Nachlieferung auch BVG-intern lediglich als "Tropfen auf den heißen Stein".

Der Fahrgastverband Igeb fordert den Senat auf, angesichts steigender Beförderungszahlen mehr Geld für Investitionen freizugeben. "Die BVG benötigt dringend mehr Fahrzeuge, vor allem bei der Straßenbahn und der U-Bahn", so Sprecher Jens Wieseke. Angesichts der Schuldenbremse müsste jetzt schnell gehandelt werden. Die zwischen dem Bund und den Ländern vereinbarte Regelung verringert ab 2020 die Möglichkeit für die öffentliche Hand, mehr Geld auszugeben als eingenommen wird.

Erste Fahrzeuggeneration nach dem 2. Weltkrieg

Die Baureihe D ist in Berlin legendär, ist sie doch die erste Fahrzeuggeneration, die die Verkehrsbetriebe nach dem Zweiten Weltkrieg entwickeln ließen. Mehr als 200 Doppeltriebwagen wurden von 1956 bis 1971 für das sogenannte Großprofilnetz, die heutigen Linien U5 bis U9, gebaut, bis 1965 in robuster Stahl-Bauweise, danach als Baureihe DL in Leichtbauweise – mit einem Wagenkasten aus Aluminium. Nach ihrer Ausmusterung im Jahr 1999 wurde ein Großteil der "Stahl-Doras" nach Nordkorea verkauft. Dort fahren die Züge bis heute in der Hauptstadt Pjöngjang. Bilder des Diktators Kim Jong-un zieren die Wände im Wageninneren, wie Besucher aus dem Westen in ihren Reiseschilderungen vermerken.

Doch es gibt noch eine weitere historische Besonderheit. Weil Ende der 80er-Jahre der U-Bahn im Osten der noch geteilten Stadt Wagen fehlten, bat sie die BVG-West um Hilfe. Da zur gleichen Zeit im Westteil die D57-Züge durch moderne F87 (die Zahl hinter dem Baureihen-Buchstaben bezeichnet das Herstellungsjahr), kam es zu einem der kuriosesten Geschäfte zwischen Ost und West: Die BVG-West überließ der damaligen BVB-Ost 50 Doppelwagen. Als Gegenleistung sicherte die BVB die Sanierung der im Osten gelegenen Abschnitte der West-Linien U6 und U8 zu. Die Züge der jüngeren DL-Baureihe fuhren im dann vereinten Berlin noch bis Ende 2004 im regulären Linienbetrieb, dann war auch für sie Schluss. Seither wurde die Baureihe D nur noch zu besonderen Anlässen eingesetzt.

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