Nahverkehr

BVG testet Elektro-Busse - Gelb fährt auf Grün ab

Die Berliner Verkehrsbetriebe stellen vier E-Busse in Dienst. Ab September werden sie auf der Linie 204 erprobt.

BVG-Chefin Sigrid Nikutta, Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler

BVG-Chefin Sigrid Nikutta, Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler

Foto: Stephanie Pilick / dpa

Jörg Miller drückt kurz auf den Knopf. Doch kein Motor brüllt auf, kein Diesel fängt an zu grummeln, nur ein leises Vibrieren ist zu spüren. Ruckfrei setzt sich das 18 Tonnen schwere Fahrzeug in Bewegung. Miller dreht mit seinem Bus eine erste Runde auf dem Betriebshof der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) in Weißensee. Eine Straßenzulassung hat der Neue noch nicht, die soll aber noch in dieser Woche folgen. Ende August soll es dann richtig losgehen: Dann fährt der Urbino 12 electric vom polnischen Hersteller Solaris täglich außer sonntags auf der Linie 204.

Für BVG-Chefin Sigrid Nikutta ist die Premiere des "grünen Gelben" am Mittwoch eine besondere. Zwar ist das landeseigene Unternehmen von Haus aus ein Vorreiter in Sachen Elektromobilität – werden die U- und Straßenbahnen schon seit mehr als 100 Jahren ausschließlich mit Strom angetrieben. Doch gerade bei der mehr als 1300 Fahrzeuge umfassenden Busflotte setzt die BVG, trotz einiger früherer Experimente mit alternativen Erdgas- oder Wasserstoffantrieb, auf den bewährten Dieselmotor.

Doch das wird sich bald ändern. Zwangsläufig. Denn bereits ab 2020, so hat es der Senat in seinem jüngst verabschiedeten Klimaschutzprogramm beschlossen, sollen in Berlin nur noch Fahrzeuge für den öffentlichen Nahverkehr angeschafft werden, die Mensch und Natur weder mit Kohlendioxid, noch mit krebserregenden Feinpartikeln belasten. Da führt am Elektrobus kein Weg vorbei.

Dreimal so teuer

So traf es sich für die BVG gut, dass Berlin sich vor zwei Jahren erfolgreich um Fördermittel des Bundes für Modellprojekte zur Elektromobilität bewarb. Eines davon ist die Erprobung einer neuartigen Technologie für Elektro-Busse. Der Bund finanziert das Projekt mit 4,1 Millionen Euro. Allein 2,8 Millionen Euro wurden für die Anschaffung der vier Solaris-Busse benötigt, die die BVG jetzt in Dienst stellt. Sie sind, wie BVG-Chefin Nikutta sagt, "Manufaktur-Anfertigungen" – und entsprechend teuer. Mit einem Stückpreis von 700.000 Euro kosten sie etwa dreimal so viel wie ein herkömmlicher Diesel-Bus "von der Stange".

Doch für Rainer Bomba (CDU), Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, ist trotz der aktuell enormen Kostenunterschiede klar: "Die Elektromobilität wird sich durchsetzen." Die Frage sei nicht mehr, ob, sondern nur noch, wann die neue Technologie im Alltag ankommt. Berlin sei dabei eine von deutschlandweit vier Schaufensterregionen, in denen solche Zukunftskonzepte erprobt werden.

Damit dies auch für eine größere Öffentlichkeit sichtbar wird, hatte sich der Bund für eine Test-Linie stark gemacht, die durch die Innenstadt führt. Ursprünglich wollte die BVG die E-Busse auf einem Rundkurs in Marzahn fahren lassen. Nun werden die Eindeckerbusse vom Typ Solaris Urbino 12 electric auf der Linie 204 eingesetzt. Der genaue Starttermin ist noch offen: Spätestens Anfang September soll der Einsatz losgehen.

Die E-Busse mit je 70 Plätzen (davon 33 Sitzplätzen) werden dann täglich außer sonntags im 20-Minuten-Takt zwischen den Bahnhöfen Südkreuz und Zoologischer Garten fahren. Die Strecke ist nur 6,1 Kilometer lang, sie eignet sich nach BVG-Angaben daher besonders gut für den Test. Endstation ist dann an der Hertzallee, nahe der Technischen Universität. Die TU wird den auf ein Jahr angelegten Praxistest auch wissenschaftlich begleiten.

Anders als der in den 70er-Jahren in Berlin eingestellte O-Bus erhalten die neuen E-Busse ihre Energie aus Batterien, die jeweils an den Endhaltestellen nach dem Induktionsprinzip, also kabellos, "aufgetankt" werden. Nach dem gleichen Prinzip werden zum Beispiel elektrische Zahnbürsten aufgeladen.

Ein Vorteil: Es müssen keine neuen Masten für die Oberleitungen und Umspannstationen aufgebaut werden. O-Busse sind zwar auch emissionsfrei und leise, rufen aber erhebliche zusätzliche Bau- und Wartungskosten für die Infrastruktur hervor und sind völlig unflexibel in der Linienführung. "Angesichts der technologischen Alternativen ist das heute kaum zu vermitteln", so Nikutta. Ein Nachteil der neuen Technik: Die Busse benötigen große Batterien, sind damit schwer und teuer. "Werden die Busse einmal in größeren Stückzahlen gebaut, werden sich die Investitionen deutlich verringern", hofft BVG-Chefin Nikutta. Sie möchte in den nächsten Jahren auch andere E-Bus-Varianten erproben, wie sie etwa aktuell in Wien eingesetzt werden. Welche Technologie einmal dauerhaft in Berlin zum Einsatz kommen wird, ist noch offen.

Neuer Doppeldecker

Ab August will die BVG einen weiteren Doppeldeckerbus erproben, der aber von einem herkömmlichen Dieselmotor angetrieben wird. Es ist der erste Doppeldecker, der vom niederländischen Hersteller VDL gebaut wird. Laut Busdirektor Martin Koller ist das neue Fahrzeug 11,40 Meter lang und wird anders als der bereits im Test befindliche Scania-Doppeldecker über zwei Treppen zum Oberdeck statt nur einer verfügen. Welcher Bus einmal als Ergänzung der großen MAN-Doppelstockbusse in Serie gebaut wird, wird erst im nächsten Jahr entschieden.

>>>Mut zum Experiment - Kommentar zum E-Bus-Einsatz der BVG<<<

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