Konzept zur Gestaltung

Tempelhofer Feld – Mitmachen und nicht beschweren

Zuerst haben die Bürger Vorschläge gemacht, jetzt sollen die Bürger darüber diskutieren. Bei manchen Fragen zur Gestaltung der Freifläche in Tempelhof gibt es bereits Konsens, doch Konflikte werden wohl nicht ausbleiben.

Foto: Carsten Koall / Getty Images

Bislang ist nur bekannt, was es auf dem Tempelhofer Feld nicht geben soll. Doch was kommt nun, wenn nicht Wohnungen? Die künftige Gestaltung der Freifläche im Herzen Berlins nimmt jetzt Konturen an. Genauer gesagt: Es geht in Phase zwei.

Nachdem der Senat in einem ersten Schritt Ideen der Bürger via Online-Befragung gesammelt hat, sollen diese nun in Themenwerkstätten diskutiert werden – und zwar ab dem 8. Mai, pünktlich zum Jahrestag der Öffnung des ehemaligen Flughafenareals.

"Mit den thematischen Werkstätten geht es jetzt in die heiße Phase der Diskussion", sagt Tilmann Heuser, Geschäftsführer des Bundes für Umwelt und Naturschutz Berlin und zeitgleich Koordinator des Verfahrens.

Herauskommen soll am Ende ein fertiger Entwicklungs- und Pflegeplan (EPP), wie es am 24. Juni 2014 im Gesetz zum Erhalt des Tempelhofer Feldes vorgeschrieben wurde. Die Verantwortlichen stellen sich das so vor: Die Bürger machen ihre Interessen unter sich aus. Inlineskater und Spaziergänger, Hundebesitzer und Pflanzenliebhaber.

Sie entwickeln Konzepte, zeigen Konfliktpunkte auf, im Zweifel können Fachexperten hinzugezogen werden. Auch die Wünsche bestimmter Zielgruppen sollen aufgegriffen werden, etwa von Senioren, Menschen mit Behinderung oder Migrationshintergrund.

Senat investiert 500.000 Euro

Die Zwischenergebnisse werden wiederum ins Netz und dort zur Diskussion gestellt. "Der Vorteil ist, dass die einzelnen Interessengruppen in den Dialog treten und ihre Anliegen nicht über die Verwaltung regeln müssen", sagt Heuser. Ein Prozess der kurzen Wege also.

Eine halbe Million Euro investiert der Senat in das Projekt. Die Botschaft ist klar: Die Bürger haben es selbst in der Hand. "Alle sind aufgefordert, sich einzubringen", sagt Christian Gaebler (SPD), Staatssekretär für Stadtentwicklung, "wer sich nicht meldet, darf sich am Ende nicht beschweren." Das politische Feedback der Fraktionen aus der Opposition zum bisherigen Vorgehen sei positiv.

Als gelungen betrachtet der Senat auch die Verpflichtung von Heuser, der sich einst gegen die Bebauung des Feldes einsetzte. Mit ihm als Bindeglied zwischen Bürgerinnen und Bürgern, Politik und Verwaltung sei eine konstruktive und offene Diskussionskultur entstanden. "Das war nicht selbstverständlich nach den harten Auseinandersetzungen vor dem Volksentscheid im Mai 2014", sagt Gaebler.

Auch Heuser ist zufrieden mit der bisherigen Entwicklung. Bei den Bürgern zeichne sich in manchen Punkten schon jetzt ein Konsens ab. Etwa darüber, dass es mehr Sitzgelegenheiten, Toiletten oder Spielorte für Kinder geben muss. Und zwar zügig. "Geht es um die Aufenthaltsqualität, kann es den Leuten nicht schnell genug gehen", so Heuser.

Grundeinstellung: "Das Feld gehört allen"

Kontroversen erwarte er noch zu Bäumen und Hunden auf dem Feld. Oder zu den Baseballfeldern am Columbiadamm, unter denen ein ehemaliges Zwangsarbeiterlager liegt. Auch bei den Öffnungszeiten sei das letzte Wort noch nicht gesprochen. Bislang gilt die grobe Regel: von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. "Manche wollen natürlich, dass das Feld immer geöffnet ist, andere einen Schutz vor Partylärm und Müll", so Heuser.

Insgesamt aber erkenne er kaum Konflikte zwischen den einzelnen Gruppen: "Man merkt, dass es eine Grundeinstellung gibt: Das Feld gehört allen." Im Herbst soll der fertige EPP an Senat und Abgeordnetenhaus übergeben werden – Phase drei. Dann wird entschieden, was umgesetzt wird und was nicht.

Ideen gibt es reichlich. Rund 150.000 Menschen haben die im Herbst geschaltete Webseite für den Online-Dialog bislang aufgerufen. Mehr als 300 Vorschläge gingen ein, gegliedert in die Bereiche Erinnerung, Natur, Freizeit, Bewirtschaftung und Mitmachen. Sie wurden mehr als 1300-mal kommentiert und bewertet, ein Großteil zu sportlichen Aktivitäten.

Kritik von Initiative 100 Prozent Tempelhof

Einer der wohl außergewöhnlichsten Vorschläge ist der eines Harald-Juhnke-Wegs, 2,5 Meter lang und als Schlangenlinie angelegt, in Erinnerung an den großen Entertainer, der gerne mal einen über den Durst trank. Auch Vorschläge zu den Trendsportarten Landsurfing und Windskating wurden positiv kommentiert, ebenso die Idee eines Spielplatzes für Erwachsene oder der Bau einer neuer S-Bahn-Station an der Ringbahn. Weniger Zuspruch fanden ein Streichelzoo oder ein deutsch-amerikanisches Volksfest.

Doch nicht alle sind mit dem Beteiligungsverfahren glücklich. Alles schön und gut, aber nicht ausreichend, findet Michael Schneidewind vom Vorstand der Initiative 100 Prozent Tempelhofer Feld, die den Volksentscheid einst auf den Weg brachte. Die Initiative hat sich aus dem Prozess des Online-Dialogs weitestgehend herausgehalten.

Es sei zwar grundsätzlich zu begrüßen, dass der Senat auf die Bürger zugehe, so Schneidewind. Doch die wirklich wichtigen Themen seien nicht erwünscht. "Fragen zur Gastronomie, zu den Gebäuden auf dem Feld oder zum Regenwassermanagement werden ignoriert." Er könne nur für sich sprechen, "aber ich persönlich werde an den thematischen Werkstätten nicht teilnehmen".

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