Bildung Chancenspiegel 2014 – Forscher loben Berlins Ganztagsschulen

Eine Studie der Bertelsmannstiftung zeigt, dass Berlins Schulen im Bereich Integrationskraft zur bundesweiten Spitzengruppe zählen – Defizite liegen in der Chancengleichheit und Kompetenzförderung.

Benachteiligte Kinder und Jugendliche werden in Deutschland noch immer nicht ausreichend gefördert. Der Bildungserfolg ist stattdessen nach wie vor stark von der sozialen Herkunft und der Vorbildung der Eltern abhängig. Das ist auch in Berlin nicht anders.

Soweit das Fazit des Chancenspiegels 2014, einer bundesweiten Studie, die die Bertelsmann Stiftung und die Universitäten Dortmund und Jena am Donnerstag zum dritten Mal vorgelegt haben. Beim Fach Mathematik werden die Unterschiede besonders deutlich. So haben Neuntklässler aus höheren sozialen Schichten in Mathematik bis zu zwei Jahre Vorsprung vor ihren Klassenkameraden aus bildungsfernen Familien.

Vergleich der Bundesländer

Die Studie der Bertelsmann Stiftung analysiert für jedes Bundesland einzeln und im Ländervergleich wie gerecht und leistungsstark das jeweilige Schulsystem ist. Bildungsforscher vergleichen dafür die Durchlässigkeit der Schulsysteme sowie die Möglichkeit der Schüler, sich gut ins Schulsystem zu integrieren, fachliche Kompetenzen zu entwickeln und gute Abschlüsse zu erhalten. Laut Studie gibt es erneut große Unterschiede zwischen den Bundesländern. Kein Land ist jedoch in allen Bereichen Spitze oder Schlusslicht.

Berlin gehört allerdings nur in einem der vier Bereiche zur Spitzengruppe und zwar in dem Bereich Integrationskraft. So lernen in der Hauptstadt nur noch 3,7 Prozent aller Schüler mit Förderbedarf nicht an Regelschulen. Bundesweit sind es 4,8 Prozent. Noch besser sieht es bei der Ganztagsbetreuung aus. Demnach besuchen in Berlin 53,1 Prozent aller Schüler in der Primar- und Sekundarstufe I eine Ganztagsschule. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 32,2 Prozent. Schlusslichter sind hier Bayern, Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern.

Die Bildungsforschung hält genau diese Ganztagsbetreuung für die beste Form, alle Schüler individuell optimal zu fördern. Der gebundene Ganztag kann am ehesten die Nachteile derjenigen Kinder ausgleichen, die in ihren Familien nur geringe Unterstützung erfahren, heißt es in der Studie.

Bei der Durchlässigkeit – dabei geht es um die Chance, ein Gymnasium zu besuchen und darum, mit einem Hauptschulabschluss eine Berufsausbildung machen zu können – liegt Berlin im Mittelfeld der Bundesländer. Vergleicht man die Hauptstadt in diesem Punkt allerdings nur mit Großstädten, in denen mehr als 350.000 Einwohner leben, gehört sie sogar zur oberen Gruppe. Laut Studie wechseln in Berlin 50,5 Prozent der Grundschüler an ein Gymnasium. Im Bundesdurchschnitt sind es nur 42,9 Prozent.

Schlusslicht bei der Kompetenzförderung

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) sagt, dass sich vor allem die 2009 eingeführte Sekundarschule positiv auf die Bildungschancen auswirkt. "Die Integrierte Sekundarschule ist eine durchlässige Schulform. Sie gibt jedem Kind die Möglichkeit, den höchstmöglichen Abschluss zu erlangen." In 13 statt in zwölf Jahren wie am Gymnasium können Jugendliche an der Sekundarschule auch das Abitur ablegen.

Schlusslicht ist Berlin laut Studie bei der Kompetenzförderung und der Vergabe von Schulabschlüssen. In diesen Bereichen zählt die Hauptstadt zur unteren Ländergruppe. Für die Analyse der Kompetenzförderung haben die Bildungsforscher in diesem Jahr auf die Mathematikkenntnisse der Neuntklässler zurückgegriffen.

Demnach erreichen in Berlin benachteiligte Schüler in der neunten Klasse in Mathematik ganze 91 Kompetenzpunkte weniger als privilegierte Jugendliche. Zudem liegen die leistungsstärksten Berliner Schüler immer noch etwa ein Schuljahr hinter den besten Schülern der Spitzenländer zurück. Höchstwerte in diesem Bereich erreichten etwa Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen, Sachsen und Bayern.

Bei den Abschlüssen schneidet Berlin ebenfalls schlecht ab. Die Zahl der Schulabbrecher ist noch immer hoch. 2011 lag sie bei 9,3 Prozent (Bundesdurchschnitt sechs Prozent). Beate Stoffers, Sprecherin der Bildungsverwaltung, betonte indes, dass sich die Lage inzwischen verbessert hat. Die Abbrecherquote sei gesunken. 2012/13 habe sie bei 7,9 Prozent gelegen.

Zahl der Absolventen mit Hochschulreife steigt

Die besten Chancen auf einen Abschluss haben Schüler der Studie zufolge in Baden-Württemberg, dem Saarland, Nordrhein-Westfalen und Hamburg.

Positiv hat sich die Zahl der Absolventen mit Hochschulreife entwickelt. 49,9 Prozent der jungen Berliner machen das Abitur. Das ist zwar noch immer etwas unter dem Bundesdurchschnitt, der bei 54,9 Prozent liegt, aber deutlich besser als 2009. Damals erreichten nur 45,7 Prozent die Hochschulreife.

Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenatorin Scheeres, sagte, dass in der "Dimension" Durchlässigkeit Berlin positiv hervorgehoben wird. Lobenswert sei auch, dass der Anteil der Fünftklässler, die nach der Grundschule auf ein Gymnasium wechseln, gestiegen und die Zahl der Wiederholer deutlich gesunken sei.

Stoffers kritisierte, die Zielsetzung des Chancenspiegels. Er wolle mit den Dimensionen, Chancengerechtigkeit erfassen und vergleichbar machen, damit Wissenschaft und Politik das Thema erörtern und bewerten können. Um beste Positionen im Ranking zu erlangen, werde aber nur der Bildungsweg von den Herausgebern honoriert, der in Berlin eben nicht typisch sei, der gymnasiale Bildungsweg, grundständig, also ab der fünften Jahrgangsstufe, ganztägig und inklusiv. Alle anderen Bildungsverläufe führten zu Herabstufungen im Chancenspiegel.

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