Nach Facebook-Aufruf Rückkehr nach Israel - Pudding hilft nicht gegen Heimweh

Foto: Massimo Rodari

Mit seinem Aufruf, aus dem teuren Israel ins günstige Berlin zu ziehen, verärgerte Naor Narkis die Politik in seiner Heimat. Er trat eine Debatte los, die noch immer anhält. Nun kehrt Narkis zurück.

Er ahnte nicht, was ein einziger Eintrag auf Facebook auslösen würde. Als Naor Narkis vor einem Monat einen Kassenzettel aus einem Discounter in Wedding veröffentlichte, trat er in seiner Heimat Israel eine Debatte los, die noch immer nicht beendet ist. Da ging es um einen Schokoladenpudding, der in Deutschland 19 Cent kostet, in Israel aber mehr als dreimal so viel. Naor Narkis rief seine Landsleute dazu auf, nach Berlin auszuwandern, weil ein Leben in Israel nicht bezahlbar sei. Nachdem mehr als 20.000 Unterstützer Narkis' Meinung teilten, waren sich die Regierung um Premierminister Benjamin Netanjahu und Politiker der Opposition auf seltene Weise einig: Sie waren wütend auf Narkis. Der Aufruf, nach Berlin zu ziehen, ausgerechnet nach Berlin, das sei Verrat an Israel, so deren einhellige Meinung.

In jenen Tagen hielt Naor Narkis seine wahre Identität geheim. Die Diskussion war so groß geworden, dass man Angst vor ihr bekommen konnte. Wochenlang verglichen israelische Medien die Preise in Tel Aviv und in Berlin. Narkis benutzte in dieser Zeit verschiedene SIM-Karten für sein Handy, aus Sorge, wie ein Staatsfeind abgehört zu werden. Kürzlich hat er sich nun doch israelischen Journalisten offenbart. Und nun lässt er sich für die Berliner Morgenpost fotografieren. Ein weiterer Schritt in die Öffentlichkeit. Narkis will mit seinen Kritikern diskutieren und ein Buch über seine Erfahrungen schreiben. Von der aufgeregten Debatte solle etwas bleiben. Er will, dass die Bedingungen in seiner Heimat besser werden.

Die Überraschung: In diesem Monat wird Naor Narkis nach Tel Aviv zurückkehren. Das ist ein Bekenntnis. Zwischenzeitlich hatte er in seiner Facebook-Gruppe "Olim L' Berlin" die Deutsche Hauptstadt gewissermaßen als gelobtes Land dargestellt und damit mächtig provoziert. Der Name spielt auf das Wort "Aliya" an, das bedeutet "Aufstieg" und ist strikt für Einwanderung nach Israel reserviert. Bei diesem Wort geht es um den Gründergeist der ganzen Nation. Nun sagte Narkis im Gespräch mit der Morgenpost: "Vieles in Berlin ist schwierig, die Stadt wird niemals unser Zuhause sein."

Umstrittene Facebook-Seite selbst geschlossen

Der 25-Jährige ist in Ramat Gan aufgewachsen, einer kleinen Stadt bei Tel Aviv. Er hat Wirtschaft studiert und war Offizier in der Armee. Tel Aviv ist eine der teuersten Städte der Welt. Zwar gehört Israel zu den reichsten Ländern, aber die Löhne sind vergleichsweise niedrig. Jeder fünfte Einwohner lebt unter der Armutsgrenze. Lebensmittel sind vergleichsweise teuer wegen hoher Einfuhrzölle und einer Mehrwertsteuer von 18 Prozent. Viele Israelis finanzieren sich ihren Alltag – von Lebensmitteln bis zum Auto – über Kredite. Die jungen Menschen sind meist sehr gut ausgebildet, aber in finanziellen Schwierigkeiten. Bereits 2011 gab es massive Proteste gegen die hohen Kosten. Passiert ist seitdem nicht viel.

Die umstrittene Facebook-Seite hat Narkis nun geschlossen. "Die Anonymität von Facebook hat es möglich gemacht, die Probleme in die Öffentlichkeit zu bringen, über die Medien und Politiker seit drei Jahren geschwiegen haben." Viele Landsleute haben Naor Narkis in den vergangenen Wochen geschrieben, dass sie auch nach Berlin ziehen werden. Auch Familien, die sich endlich eine eigene Wohnung leisten wollen. Es klang so, als sei Berlin die Stadt für ein sorgenfreies Leben, mit günstigen Preisen, Partys und einem öffentlichen Verkehrssystem, das – vergleichsweise – verlässlich ist. Diesen Landsleuten musste Narkis antworten, dass es leider nicht so einfach ist. Ohne das Beherrschen der deutschen Sprache und ohne deutschen Pass ist es sehr schwer, wirklich anzukommen.

Berlin ist eben doch nicht das Paradies. Das sagt sogar Itay Ben Jacob. Der 33-Jährige leitet eine Unternehmensberatung in Berlin. Er spricht inzwischen gut deutsch, aber noch immer spürt er die Sprachbarriere. Den Alltag auf Ämtern zu regeln, dafür muss man eben sehr gut sprechen können. Englisch bringt einen da nicht weiter, so international ist Berlin eben nicht. Vielleicht noch nicht.

Kritik am Hype um Berlin

Und trotz Aufschwungs ist Berlin noch immer eine Stadt vieler Arbeitsloser. "Das sieht und spürt man, es gibt wenige gute Jobs", sagt Ben Jacob. Er selbst genieße die Vielfalt, die für ihn günstigen Preise und die vielen Menschen, die von überall in die Stadt kommen. Aber Itay Ben Jacob hat auch erlebt, wie die Stimmung in Berlin während des jüngsten Gaza-Krieges kippte. Da zogen offen antisemitische Demonstranten durch die Straßen. Auch das ist eben eine Seite der Stadt. Der "Pudding-Protest", wie der Aufruf auf Facebook inzwischen heißt, sei "kindisch", sagt Jacob. "Wer einen schönen Platz gefunden hat, soll ihn genießen. Aber das ist kein Grund, ein ganzes Land zum Auswandern aufzufordern."

Naor Narkis sagt, sein Aufruf sei der Versuch gewesen, die israelische Regierung zu warnen. Sie könne sehr wohl etwas ändern, damit junge Menschen im Land bleiben. So dürfen Vermieter in Tel Aviv jedes Jahr die Miete um zehn Prozent steigern. In Berlin geht das nicht. Über solche Regelungen zum Schutz der Bürger sollten die israelischen Politiker nachdenken, findet Narkis. Den nötigen Druck hat er aufgebaut.

Naama ist 24 Jahre alt, sie lebt seit eineinhalb Jahren in Berlin. Auch sie sieht den Hype um Berlin inzwischen kritischer. Es könne nicht darum gehen, dass Berlin besser sei als Tel Aviv. Zumal Berlin keinen Strand habe und die Winter so kalt seien. Sieben Monate lang hat sie Deutsch gelernt und ein Praktikum in einem Krankenhaus gemacht. Aber einen Job findet sie trotzdem nicht. Das sei fast unmöglich, wenn man nicht Informatiker oder Programmierer ist. Auch wenn sich viele Arbeitgeber und Firmen gern international präsentieren, am Ende läuft wenig ohne gute Deutschkenntnisse. Es sei sogar schwer, einen Job als Kellner zu bekommen. Seit einem Monat studiert sie Physiotherapie.

Heimweh nach Tel Aviv

In drei Jahren hat Naama ihren Abschluss. Vermutlich wird sie eine von vielen Israelis sein, die Berlin nach ein paar Jahren wieder verlassen. Etwa 15.000 bis 20.000 leben in Berlin. Sie kommen und gehen. Überhaupt sind Israelis in der Mehrheit sehr mobil. Laut einer aktuellen Umfrage denkt jeder Zweite darüber nach, in ein anderes Land zu ziehen. Aber: Oft finden sie eben auch wieder zurück. Naama sagt: "Warum sollte ich einen Kompromiss eingehen und in einem Land mit einem so kalten Winter wohnen?"

Für Naor Narkis geht ein aufregender Monat zu Ende. Zeitungen aus aller Welt wollten ihn interviewen. Seit sein Name bekannt wurde, war der in Israel in Dauerschleife zu hören und zu lesen. Vor kurzem klang es noch so, als würde Narkis sehr lange in Berlin bleiben. Nun erzählt er, dass er gern mal wieder mit dem Fahrrad durch Tel Aviv fahren würde. Er vermisst vor allem die Strecke, die am Meer entlang zu den Türmen von Yafo führt. Wer so etwas sagt, hat eines ganz eindeutig: Heimweh.

Übersetzung: Philip Volkmann-Schluck

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