Obdachlosigkeit

Kältehilfe fürchtet "dramatische Situationen" in Berlin

2300 Menschen in Berlin sind obdachlos, bisher ging man von 1000 aus. Die Kältehilfe fürchtet inzwischen eine Konkurrenz zwischen Obdachlosen und Flüchtlingen.

Foto: sg / Getty Images

Die Berliner Kältehilfe befürchtet in diesem Jahr besonders desolate Verhältnisse in den Notunterkünften der Stadt. Bereits seit einigen Jahren müssten Berlins Obdachlose mit anderen Notleidenden um die Angebote der Kältehilfe konkurrieren. "Die Kältehilfe wird immer stärker zum Auffangbecken für soziale Nöte aller Art", sagte Ulrike Kostka, Direktorin des Berliner Caritasverbandes, am Freitag anlässlich des 25. Saisonstarts der Berliner Kältehilfe am 1. November. Psychisch Kranke, alte Menschen mit niedrigen Renten, arbeitssuchende EU-Bürger, Armutsmigranten und immer mehr Kriegsflüchtlinge würden die Wärmestuben und Notunterkünfte aufsuchen.

Die aktuell rasant steigende Zahl von Flüchtlingen in Berlin lasse erwarten, dass sich die Lage in den Notunterkünften in diesem Jahr nochmals verschärfen werde, warnte Ulrike Kostka. Sollte es einen kalten Winter geben, würden die Übernachtungsangebote in Berlin keinesfalls ausreichen. Schon jetzt würden Flüchtlinge vom Oranienplatz, die ihre Unterkunft in Asylbewerberheimen verlassen mussten, die Angebote der Kältehilfe nutzen. Ulrike Kostka forderte den Berliner Senat auf, einen Koordinierungskreis ins Leben zu rufen, in dem Kirchen, Sozialverbände, Senat und Bezirke kurzfristig die Unterbringung für die verschiedenen Gruppen von Hilfsbedürftigen plant. "Am besten wäre es, wenn der Kreis schon in der kommenden Woche tagen könnte", sagte die Caritas-Chefin. "Die Kältehilfe kann das nicht allein leisten."

Im Hause von Sozialsenator Mario Czaja (CDU) sieht man keinen kurzfristigen Bedarf für einen Koordinierungskreis. "Im Rahmen der Kältehilfe haben wir ein gut funktionierendes Netzwerk", betonte Sprecherin Regina Kneiding. Das Flüchtlingsproblem werde gemeistert.

Appell an Hauseigentümer

In der Berliner Kältehilfe haben sich Kirchen, Wohlfahrtsverbände, der Senat und die Bezirke zusammengeschlossen, um Berliner Obdachlose im Winter vor dem Erfrieren zu bewahren. Am Sonnabend startet die Kältehilfe in ihre 25. Saison. Zwölf Notübernachtungen und 13 Nachtcafés sind nun wieder geöffnet, um hilfebedürftigen Menschen ein Dach über dem Kopf, warme Kleidung und Essen, bei Bedarf auch medizinische Hilfe und soziale Beratung zu geben. Der Kältebus der Stadtmission und der Wärmebus des Deutschen Roten Kreuzes fahren ab sofort wieder die Straßen der Hauptstadt ab, um Menschen ohne Bleibe anzusprechen und sie, wenn gewünscht, in eine Unterkunft zu fahren.

Doch nach Angaben von Barbara Eschen, Direktorin des Diakonischen Werkes, sind Schlafplätze auch in diesem Jahr knapp. 500 Betten finanziert das Land Berlin. Im Wochendurchschnitt stünden bisher aber nur

417 Plätze zur Verfügung. Die Kältehilfe appelliert auch an private Hauseigentümer, geeignete Räume zur Verfügung zu stellen. Die Senatsverwaltung für Soziales erwartet, dass noch Plätze geschaffen werden. "Wir gehen fest davon aus, dass die Bezirke mindestens wieder 500 Plätze zur Verfügung stellen werden", sagte Sprecherin Kneiding. In einer Traglufthalle in der Nähe des Innsbrucker Platzes soll es zudem 100 Notplätze geben.

Auf 11.000 wird die Zahl der Menschen geschätzt, die ohne feste Bleibe in Berlin sind. 2300 von ihnen nutzen nach einer Zählung im vergangenen Winter die Schlafplätze der Berliner Stadtmission. Sie selbst hatte ihre Klientel zuvor nur auf 600 bis 1000 beziffert. Trotz steigender Bettenzahlen sind Notunterkünfte der Berliner Kältehilfe seit Jahren überfüllt. Im kalten Winter 2011/2012 waren die damals noch 395 Plätze der Einrichtungen zu 117 Prozent, ein Jahr darauf die dann 422 Betten zu 111 Prozent ausgelastet.

Dass es in den beengten Verhältnissen zu Konflikten kommt, hat Jürgen Mark, Leiter der Notunterkunft an der Charlottenburger Franklinstraße bitter erfahren. Das Haus mit 75 Plätzen für Männer und Frauen ist eine von zwei Einrichtungen, die ganzjährig geöffnet und voll belegt sind. Sprachprobleme und die unterschiedliche Mentalität von Menschen aus vielen verschiedenen Ländern auf engstem Raum berge Zündstoff, weiß Mark. Allein die Hausordnung sei in 23 Sprachen verfasst.

Mehr Familien in Not

Besonders besorgniserregend findet es der Leiter, dass immer öfter Familien oder Alleinerziehende mit Kindern in die Notunterkunft kommen. Das Haus sei nicht kindgerecht ausgestattet. Schlimmer aber: Die Kleinen müssten mit Drogenabhängigen, psychisch Kranken oder traumatisierten Menschen zusammenleben. "In dieser Hinsicht muss ich sagen: Das Kindeswohl ist hier gefährdet", so Mark.

Trotz aller Probleme freuen sich die Träger der Kältehilfe aber über die breite Unterstützung der Berliner und das Engagement Hunderter ehrenamtlicher Helfer. Der Start in die 25. Saison sei zwar "eigentlich kein Grund zu feiern, aber eine Leistung aller Beteiligten", sagte Barbara Eschen vom Diakonischen Werk. Am heutigen Sonnabend wird der Kältebus der Berliner Stadtmission zudem 20 Jahre alt. Am Festakt im Zentrum am Hauptbahnhof wird auch Sozialsenator Czaja teilnehmen.

Mehr Informationen: www.kaeltehilfe-berlin.de, Tel. 030 / 81 05 60 425, Kältebus 0178 523 58-38

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